Das gepimpte Grandhotel

20. April 2009, 19:11 Uhr

Was passiert, wenn ein Stararchitekt ein morbides Märchenschloss renoviert und Zeit und Geld keine Rolle spielen? Es entsteht ein Haus ohne Kompromisse. Ortstermin in einem Hotel zum Staunen. Von Till Bartels

The Dolder Grand Zürich, Sir Norman Foster, Dolder, Swiss Deluxe Hotels

Eine Investition von 290 Millionen Euro: Jugendstil neben Avangarde-Architektur©

Überlegen thront seit 1899 das Grandhotel am Hang oberhalb von Zürich. Über Jahrzehnte pilgerte das Bürgertum zum Feiern und Kaffeetrinken ins damalige "Chur-Haus". Mächtige und Stars wie Sophia Loren und der Schah von Persien, Mick Jagger und Herbert von Karajan nächtigten hier. Doch kurz vor der Jahrtausendwende war die angestaubte Promi-Absteige durch zahllose An- und Umbauten abgewirtschaftet, ein neuer Investor musste her.

Alle Banken winkten ab, zu groß waren Renovierungsstau und die konzeptionelle Herausforderung: Wie kann ein mit schwulstiger Ornamentik überladenes Hotel in das 21. Jahrhundert überführt werden? Keine internationale Hotelkette wagte sich an dieses Projekt, sondern ein Privatmann weckte das Dolder aus seinem Dornröschenschlaf.

Hubschrauberflug statt Wettbewerb

Der Schweizer Urs Schwarzenbach hatte als Devisenhändler in den 80er Jahren mit dem damals unterbewerteten britischen Pfund viel Geld verdient. Er erkannte das zukünftige Potenzial der Hotel-Immobilie und erwarb 2001 die Mehrheit. Beim Totalumbau setzte er nicht auf einen Architekturwettbewerb, sondern auf einen großen Namen: auf den von Königin Elisabeth II. in den Adelsstand erhobenen Architekten Sir Norman Foster, der in Deutschland durch die gläserne Kuppel auf dem Reichstag bekannt wurde.

Erst bei einem gemeinsamen Rundflug über den Zürichberg ließ sich der Brite für den schwierigen Auftrag erwärmen. Als Architekt und Investor im Helikopter saßen, entdeckte Norman Foster die Zahnradbahn, die aus der Stadt durch einen Buchenwald zum Hotel führt, wie Urs Schwarzenbach erzählt. "Als er sah, wie das Dolder aus der Nebeldecke ragte, war er beeindruckt. Und als er bemerkte, dass das Hotel eine Bergbahn hat, lächelte er - und Norman Foster ist kein Mann, der rasch lächelt."

Das global operierende Architekturbüro Foster und Partner, das noch nie ein Hotel entworfen hat, entschloss sich zu einer radikalen Lösung: Abriss aller nachträglichen Anbauten mit totaler Entkernung und Reduktion auf den ursprünglichen Zustand. Hinter dem mit Erkern und Türmchen verspielten Schloss wurde ein geschlängelter Neubau platziert, in dem die modernen Zimmer und Suiten, der Wellness-Bereich und die Ballsäle untergebracht sind.

Belle Epoque trifft auf Hightech

Mit dem mutigen Neubau ist Foster die große Flucht nach vorne angetreten. Aus dem Berghang wächst die geschwungene Fassade heraus, ohne sich zunächst auf die Holzbalkenarchitektur der historischen Bausubstanz zu beziehen. Der Kontrast zwischen Jugendstil und Avantgarde-Architektur könnte nicht radikaler sein. Doch bei näherem Hinsehen erkennt man die gemeinsamen Designelemente beider Gebäude, die Rundungen und wiederkehrende Ellipsenform. Die beigefarbenen Balkonblendungen, mit ihren Silhouetten von Ästen und Zweigen, sollen mit dem Wald am Hang korrespondieren.

The Dolder Grand Zürich, Sir Norman Foster, Dolder, Swiss Deluxe Hotels

Historisches Foto: Das Dolder Grandhotel Curhaus im Jahre 1899©

Der lange Umbau erwies sich als ein Balanceakt zwischen Denkmalschutz und Innovation. Historische Holzkonstruktionen mussten mit modernster Haustechnik, neuen Brandschutzanforderungen und den anspruchsvollen Bedürfnissen der Gäste in Einklang gebracht werden. "Es hat sich alles verdoppelt, die Bauzeit und die Kosten", sagt Hoteldirektor Thomas Schmid. Er heuerte bereits ein Jahr vor der Schließung des alten Dolders an. Aus den für die Umbauzeit veranschlagten zwei Jahren wurden vier, die Baukosten sollen sich am Ende auf 290 Millionen Euro belaufen. Von den heute 350 Mitarbeitern stammen nur zehn aus der Zeit des alten Dolders. Das Durchschnittsalter des Personals liegt bei 30 Jahren. Dementsprechend unprätentiös ist der Service und frei von der Steifheit eines traditionellen Fünf-Sterne-Hauses.

Araber und Amerikaner lieben den Altbau

Eigentlich sind aus dem Dolder Grand mit seinem Neu- und Altbau zwei Hotels geworden, aber das natürliche Auftreten des Personals bringt beide zusammen. Zwei Drittel der 173 Zimmer und Suiten sind im Foster-Neubau. Im historischen Teil steigen bevorzugt Amerikaner und Araber ab. Alle verwendeten Materialien, von den Tapeten über das Eichenparkett bis zu Details wie den Armaturen im Bad verströmen eine kompromisslose Solidität, auf die man als Gast in der schnelllebigen und auf Rendite orientierten Hotellerie heute kaum noch stößt.

Nicht nur für den Gast, auch für Urs Schwarzenbach scheint sich die Investition gelohnt zu haben. Schon kurz nach der Eröffnung erhielt er ein Kaufangebot. Doch Schwarzenbach winkte ab: "Ich würde bereits jetzt mehr für das Dolder erhalten, als ich hineingesteckt habe.

Infos

The Dolder Grand
Das Haus gehört zu keiner Hotelkette. Es ist Mitglied der "The Leading Hotels of the World" und "Swiss Deluxe Hotels".
Erreichbarkeit: Mit der Tram bis zur Station "Römerhof", weiter mit der Zahnradbahn bis Bergstation Dolderbahn. Oder mit dem Hotel-Shuttle bzw. Limousinen-Service im Lexus Hybrid.
Preise: Superior-EZ ab 540 SFr, DZ ab 870 SFr. Zum Jubiläum im April 2009 verschenkt das Dolder Gratisnächte: Bei einem Aufenthalt von einer Nacht gibt es eine zweite kostenlos.
Adresse: Kurhausstraße 65, 8082 Zürich, Tel. +41 44 456 6000
www.thedoldergrand.com
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