Wandern zwischen Reben und Ruinen

5. September 2013, 15:10 Uhr

Zwischen Bonn und Wiesbaden hat der Rhein sich so tief ins Land gegraben, dass selbst Bergerfahrene in Hochstimmung kommen – wegen der Ausblicke und natürlich wegen des Rieslings. Von Katharina Beckmann

Ein gutes Stück noch bis Bad Honnef. Sieben Stunden Wandern glimmen bereits in den Waden. Der Waldpfad schwingt in hübschen Bögen. Und dann, in der zweiten Wegkehre, ist der Höhenmesser auf der GPS-Uhr tatsächlich vierstellig: 1000 Höhenmeter haben wir heute schon überwunden, wie auf einer Bergtour - nur kommen wir hier nie über 400 Meter hinaus! Denn wir laufen schließlich am Rhein entlang. Allerdings hat sich der Fluss in Jahrmillionen tief ins Mittelrheintal geschnitten. Und wer wie wir zwischen Bonn und Wiesbaden an seinen Ufern wandert, muss ziemlich viel hinauf und hinunter.

Rheinsteig heißt die 320 Kilometer lange Route seit 2005. Sie verbindet alte Wege, Wildpfade und Schmugglerrouten miteinander. Allein der Name hätte uns hellhörig machen können. Ich war fest überzeugt, dass man am Rhein herumspaziert, wenn man Rentner ist und weite Reisen scheut. Ich war Alpenquerungen gewöhnt, stand schon auf Andengipfeln. Frank Gallas, der den Rheinsteig erfunden hat, musste mich zum Gepäcktransport überreden: "Die Gegend ist die wohl alpinste in Deutschland – außerhalb der Alpen."

Nun wandern mein Freund Arne und ich gegen den Strom, nach Süden. Knapp hinter Bonn führt der Weg durch das Siebengebirge, 1922 schon zum Naturschutzgebiet erklärt. Es geht durch lichten, dann dichten Wald, an Baumriesen vorbei, zu deren Füßen sich ein hochfloriger Teppich aus Büschen und Farnen ausbreitet. Wasserläufe mäandern, ein Bach gluckert. Der Fluss ist anfangs nur eine flüchtige Erscheinung, ein Lamettafaden am Horizont. Oder er ist so geradegerückt und von Industriegebieten bedrängt, dass man froh ist, wieder Abstand zu gewinnen.

Am zweiten Tag: über Sankt Goarshausen

Am zweiten Tag aber wandelt sich das Bild. Über Leutesdorf schraubt sich ein Stichweg hinauf zur Burgruine Hammerstein. Wir blicken zu beiden Seiten auf Wälder und Schieferhänge: In deren V-Ausschnitt glitzert der Rhein. Erstmals kann ich mir vorstellen, warum im 19. Jahrhundert die Romantiker kutschenweise anreisten, den Fluss bedichteten und die Landschaft malten.

Wir sind fast immer allein unterwegs, obwohl jährlich Zehntausende kommen. Die aber verlieren sich auf dem langen Steig. Die erste, die uns ein längeres Stück begleitet, ist Beatrix Ollig, 37, kastanienbrauner Bubikopf, die Tasche vollgestopft mit Schablonen, Spraydosen und Heckenschere, eine der 21 Wegepaten der Rheinsteig-Pfade. In den Bergen kümmern sich die Alpenvereine um Pflege und Markierung der Wege. "Aber ohne Alpen kein Alpenverein", sagt Ollig. Sie hat als Landschaftsarchitektin die neue Fernwanderroute von Anfang an mit geplant und sich dann wie Dutzende andere um eine Patenschaft beworben: "Und ich bekam auch noch diese tolle Etappe zwischen Kamp-Bornhofen und Sankt Goarshausen."

"Ihr" Weg, 18 Kilometer lang, führt anfangs streng bergauf zu den Burgen "Katz" und "Maus": Der Erzbischof und ein reicher Graf lebten im Mittelalter dort in Feindschaft nebeneinander. Wir queren Geröllhänge, aus denen sich hüfthohe Eichen winden, gehen durch Magerwiesen, Schachbrett-Schmetterlinge tänzeln über den Halmen. Am Rabenacksteig, in den kantigen Felsen hoch über Sankt Goarshausen, sichern Halteseile und Leitern den Weg. Tief unter uns schlägt der Rhein seine Haken. Beatrix Ollig, die es nach dem Studium in Greifswald zurück zum Mittelrhein zog, überblickt selig das Panorama: "Hier gibt es so viele schöne Aussichtspunkte. Ich darf gar nicht so viel rasten, wie ich will. Sonst werde ich nie fertig." Zweimal im Jahr ist Ollig je vier Tage am Rhein unterwegs. Sie schneidet Schilder frei und erneuert an Bäumen und Zaunpfosten verwitterte Rheinsteig-Zeichen, ein R auf blauem Grund.

Fünf-Tage-Tour
Fünf-Tage-Tour
Fünf-Tage-Tour
Fünf-Tage-Tour
Fünf-Tage-Tour Auf dem Rheinsteig wandern
Übernommen aus

Übernommen aus Geo Saison, Heft September 2013, ab sofort für 6 Euro am Kiosk.

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