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Böser Touri - guter Touri

Touristen können die Welt verschandeln oder aber die Welt verbessern. Vorausgesetzt, man geht die Sache richtig an. Etwa im Djuma Game Reserve in Südafrika und der "Käsestraße Bregenzer Wald" in Österreich - zwei Beispiele für faires Reisen.

Von Marc Goergen und Monika Bender (Fotos)

  • Marc Goergen

Drei Jahre ist es her, da beschloss die Regierung Ibizas, quer über die Insel zwei Autobahnen zu bauen. Seit 2005 durchpflügen nun Planierraupen Obstgärten und plätten Walzen Asphaltbänder in die Landschaft. 500 Millionen Euro veranschlagt die Provinzregierung für die 25 Kilometer Schnellstraße - auf einem Eiland, dessen breiteste Stelle gerade mal 40 Kilometer beträgt. Allerorten sprießen Apartmenthäuser aus dem Boden, dabei scheint die Sonneninsel mit über vier Millionen Touristen schon jetzt nicht mehr aufnahmefähig. Der Protest der Einwohner bleibt ungehört. So brutal kann Tourismus sein.

Es geht aber auch anders: Anfang der Neunziger erbte der Südafrikaner Jurie Moolman von seinem Vater eine Lodge am Rande des Krüger-Nationalparks. Moolman renovierte nach ökologischen Maßstäben und machte aus den einfachen Jagdhütten ein Luxusresort - zum Wohle seiner Nachbarn. Mit den Einnahmen finanziert er mittlerweile vier Schulen in der Nähe, und 65 Männer und Frauen aus den Nachbardörfern finden bei ihm Arbeit. Moolmans Djuma Lodge - Djuma bedeutet auf Deutsch Löwenschrei - besteht aus drei Siedlungen mitten in der Savanne, die edelste davon mit Luxus à la "Jenseits von Afrika". Jede einzelne der acht Hütten besteht aus riesigem Schlaf- und Badezimmer samt Wanne und Außendusche, dazu gibt's einen Extraleseraum und eine Terrasse mit privatem Pool. Schon hier lässt sich wunderbar die Zeit verträumen. Besonders wenn, kaum 30 Meter entfernt, Elefanten mit schweren Schritten zum Wasserloch trotten, um sich einen Rüssel frisches Nass zu gönnen.

Auch hier geht es hauptsächlich um die Tiere

Noch mehr aber zeigen die Safaris morgens und abends, worum es in Djuma wirklich geht: die Tierpracht des schwarzen Kontinents. Erfahrene Führer geleiten die Gäste durchs Reservat, die Sonne ist glutrot, und dann, hinter einer Biegung, tauchen sie plötzlich auf: Dutzende von Antilopen. Hyänen queren scheinbar ungerührt die Straße. Giraffen schreiten mit langen Schritten wie in Zeitlupe. Schließlich die Könige der Savanne: Löwen, Leoparden, selbst seltene Geparden mit ihren hohen Stimmen, die eher an Welpen als an todbringende Räuber erinnern.

Stolze 350 Euro pro Nacht kostet der Luxus. Damit aber unterstützt der Gast auch direkt die Region. "Als ich das Land von meinem Vater geerbt habe, hab ich gesagt: Entweder ich verkaufe das Land, oder ich mache damit etwas Sinnvolles", sagt Moolman. Der 40-Jährige entschied sich für Letzteres. Schon jetzt finanziert er mit den Lodge-Einnahmen die Schulen, für das nächste Jahr ist gemeinsam mit anderen Spendern der Bau einer Klinik geplant. Kosten: eine halbe Million Euro. Auch Moolmans Angestellte profitieren von der sozialen Einstellung ihres Arbeitgebers. Die meisten stammen aus Nachbardörfern. Anstatt aber nur als billige Kellner angeheuert zu werden, bietet Moolman ihnen Aufstiegschancen. Schon in den Achtzigern kämpfte der Hotelier als Weißer für die Rechte der Schwarzen im Apartheidstaat Südafrika, landete dafür mehrmals im Gefängnis. Das Engagement hat er sich bewahrt: Seine Köchinnen werden von eingeflogenen Maîtres unterrichtet und kreieren erst später die Menüs nach eigenen Ideen. Wer als Gärtner anfängt, kann es nach dem Besuch einiger Kurse zum Manager einer Lodge schaffen.

Etwas über Tiere lernen, statt sie zu schießen

Aubry Ngobeni etwa, ein 43-jähriger Fährtenleser, arbeitete schon für Moolmans Vater. Damals bestand Tourismus noch vornehmlich aus Großwildjagd. Das Lesen der Spuren, zu unterscheiden zwischen dem vierzehigen Abdruck des Flusspferdes und dem dreizehigen des Nashorns, all dies hat er noch von seinem Großvater gelernt. Heute thront er auf einem Extrasitz am Kotflügel und späht nach Fährten. Bald wird er den Gästen auch fachkundig Fauna und Flora erklären - so er denn die letzte Prüfung zum Reservatsführer besteht. Moolman hat ihn dazu motiviert und die Hälfte der Kosten übernommen. In seiner Freizeit büffelt Ngobeni nun Englisch und Gesprächsführung, ergänzt sein Ahnen-Wissen mit moderner Wissenschaft. "Früher kamen die Touristen hierher, um Löwen zu schießen", sagt Ngobeni. "Heute kommen sie, um von uns etwas über die Tiere zu lernen. Was mir lieber ist, können Sie sich denken."

Tourismus kann zerstören, er kann aber auch erhalten. Er kann Ausbeuter sein oder Devisenbringer. Zwar gibt es Reisende seit der Antike, doch jahrhundertelang war das kein Problem. Nur wenige konnten sich die Fahrt in die Ferne leisten, wollten sich in Kutschen zwängen, auf verschneiten Pässen zittern, den Gefahren von Wegelagerern, Wäldern und fremden Kulturen aussetzen. Dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, begannen die Neckermänner dieser Welt zu Millionen den Globus zu erobern - und zu verändern. Der Tourismus, das Geschäft mit dem Lächeln, entwickelte seine hässliche Fratze: Fischerdörfer wuchsen zu Betonburgen, Alpennester zu Ski-Retorten, die Umwelt ging darüber zugrunde. Der Tourist als Buhmann?

Nicht zwangsläufig. Reisende können dabei helfen, bedrohte Kulturen zu erhalten, sie zu unterstützen oder neu zu entdecken. Sie können Bildung fördern, Arbeit schaffen, Wohlstand bringen. Touristen können, ja, tatsächlich, mit ihrem Geld die Welt verbessern. Wenn die Veranstalter die Sache richtig angehen. Die guten von den schlechten zu unterscheiden - darum bemüht sich zum Beispiel der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung. Die gemeinnützige Organisation fördert nachhaltigen Tourismus. Ihre Gutachter sind Experten für sozial und ökologisch korrektes Reisen, und der seit 1995 vergebene "To do!"-Preis ist branchenweit als Gütesiegel anerkannt. Auch Jurie Moolmans Djuma Lodge wurde schon vom Studienkreis prämiert.

An Bevölkerung und Landschaft anpassen

Die Preisvergabe erfolgt nach strengen Kriterien. Nachhaltiger Tourismus zeichnet sich für den Studienkreis dadurch aus, dass möglichst viele Einheimische vom Tourismus profitieren, dass lokale Kulturen gestärkt werden und dass die Umwelt geschont wird. "Viel zu oft werden Projekte über den Kopf der Einheimischen hinweg geplant, vor allem in den Entwicklungsländern", sagt Klaus Betz, Hauptgutachter des Studienkreises, "für die springen oft nur schlecht bezahlte Jobs als Tellerwäscher heraus." Für Peter Voigt, Tourismusforscher an der Fachhochschule München, scheidet sich guter von schlechtem Tourismus oft schlicht an den Dimensionen der Hotelanlagen: "In der Türkei werden heute zum Beispiel dieselben Fehler gemacht wie in Teilen Spaniens vor 20 Jahren. Man baut die Landschaft zu. Mallorca setzt dagegen behutsam auf kleine Anlagen im Stil der Insel. Und ein Autobahnprojekt wurde gerade erst verworfen."

Über einen Kamm scheren, darin sind sich Betz und Voigt einig, könne man die einzelnen Länder nicht. Licht und Schatten lägen oft nur wenige Straßenzüge voneinander entfernt. Wer mit seinen Euros auch seinem Urlaubsziel etwas Gutes tun will, sollte deshalb beim Veranstalter nachfragen. Werden einheimische Arbeitskräfte auch für höhere Aufgaben gezielt ausgebildet oder nur als Billiglohnkraft genutzt? Wird das Abwasser geklärt? Stammt das Essen von lokalen Märkten, oder wird es sinnlos und teuer importiert? Die gute Nachricht dabei: Immer mehr Deutsche legen Wert auf Urlaub mit gutem Gewissen. Eine Studie des Bundesentwicklungsministeriums zeigte 2005, dass mehr als vier Fünftel der Fernreisenden eine intakte Umwelt und der Respekt vor den Gebräuchen des Gastlandes sehr wichtig sind. Nur 15 Prozent fühlen sich durch Rücksichtsmaßnahmen auf die Umwelt eingeschränkt.

Wenig erstaunlich daher, wenn der Markt für nachhaltigen Tourismus stetig wächst. Schon etwa ein Fünftel der in Deutschland angetretenen Reisen, so schätzt der Studienkreis für Tourismus, können als ökologisch und sozial verträglich gelten. Einer der größten Anbieter, das "Forum anders Reisen", ein Zusammenschluss kleiner und mittlerer Reiseveranstalter, konnte den Umsatz allein von 2004 bis 2005 um 30 Prozent steigern und zählte 2005 knapp 100.000 Urlauber.

Der faire Tourist muss keinen Luxus missen

Wer sinnvoll reisen will, muss also schon lange nicht mehr auf Ökotretern durch die Heide pilgern. Und auch auf Luxus müssen "grüne" Urlauber bei alledem nicht mehr verzichten. "Meist sind es ja die teuren Anlagen, die sich um hohe Standards bemühen", sagt Tourismusforscher Voigt. Gerade in exotischen Destinationen können die Touristen-Euros Gutes bewirken. So werden in der ehemaligen laotischen Königsstadt Luang Prabang zurzeit viele alte Häuser auch deswegen renoviert, weil ein behutsamer Tourismus die Schönheit der Stadt für sich entdeckt hat. Andere Länder wie etwa Costa Rica setzen gezielt auf Ökotourismus. Urlauber können hier durch die Baumkronen von Regenwaldriesen kraxeln und finanzieren gleichzeitig deren Erhaltung. Auch die oft gescholtene Souvenir-Industrie hat, wenn in den richtigen, also lokalen Händen, gute Seiten: Wer würde sich etwa in Guatemala noch für die Webtechnik der Maya interessieren - gäbe es nicht Touristen, die gern einen Poncho mit nach Hause bringen?

Selbst bei den Flügen können Reisende ihr Gewissen entlasten. Über Webseiten wie climatecare.org lässt sich etwa ausrechnen, mit wie viel CO2 der Ferienflug die Umwelt belastet und wie viel es kosten würde, das Treibhausgas durch Aufforstungen wieder abzubauen. Ein Hin- und Rückflug von München in die Dominikanische Republik setzt zum Beispiel pro Kopf 2,23 Tonnen CO2 frei. Eine Spende von 25 Euro via climatecare in Ökoprojekte soll das wieder ausgleichen. Auch Großbritanniens Premier Tony Blair hat jüngst dem öffentlichen Druck nachgegeben und für seine Urlaubsreise diese Art Klimasteuer bezahlt. Noch ökologischer ist natürlich, erst gar nicht für jeden Urlaub den Flieger zu besteigen. Auch vor der eigenen Haustür bemühen sich immer mehr Regionen um nachhaltigen Tourismus. Zum Beispiel im Bregenzer Wald. Dort war die Situation 1995 verfahren. Mit dem EU-Beitritt Österreichs drohte das jahrtausendalte Bergkäse-Handwerk auszusterben. Wie sollten die Alpbauern im Europa der Massenproduktion und Marktordnung überleben? Warteten in den Lagerhäusern nicht schon genug Butter- und Käseberge?

"Alle prophezeiten uns, die kleinen Sennereien würden sterben", sagt Peter Metzler. Metzler, 40, ist Chef des Hotels "Das Schiff" im kleinen Ort Hittisau. Mitte der Neunziger war er einer der Erfinder der Rettungsaktion für die Region: der "Käsestraße". Die bedrohten Molkereien schlossen sich mit Hotels und Restaurants zusammen, um den Käse, das Kapital der Region, fortan gemeinsam zu vermarkten. "Früher kamen die Gäste hier fast gar nicht mit dem Käse in Berührung, heute sehen sie sogar, wie er gemacht wird", sagt Metzler. In jeder der 22 Gemeinden des Bregenzer Waldes gibt es Läden, die die 15, 16 Kilo schweren Laibe anbieten, kaum ein Restaurant, das nicht Portionen davon in verschiedenen Varianten kredenzt. Die Umsätze haben sich verzehnfacht, und das Geld der Touristen hilft, die Alpen und damit eine jahrhundertealte Kulturlandschaft zu erhalten, in die vor zehn Jahren kaum jemand mehr einen Schilling investieren wollte. Heute gibt es Käsekurse, eine Schausennerei, Bauernmärkte und 2000 Kilometer Wanderwege entlang satter Wiesen, einsamer Hütten und Herden von insgesamt 35000 Kühen.

19 davon gehören dem Senn Werner Geiger, einem Käsebauern. Geiger ist 49, aber mit seinem bronzefarbenen Teint, den dichten Haaren und der sportlichen Figur geht er auch für zehn Jahre jünger durch. Seine Alp "Sattelegg" liegt auf 1500 Metern auf einem Bergrücken. Nach beiden Seiten bietet sich ein prächtiger Ausblick, die Wiesen sind mit weißen Blüten gesprenkelt, unten im Tal liegt das kleine Dorf Au. Seit 350 Jahren gibt es hier eine Alp, vor 40 Jahren übernahm sie Werner Geigers Vater. Seitdem kommt Geiger jeden Sommer 12 bis 14 Wochen mit den Kühen vom Tal nach oben - erst als Sohnemann mit dem Vater, jetzt selbst als Papa.

"Buschla kum", ruft er, es ist später Vormittag, und dann kommen sie von der Weide: "Buschla" - das Vieh, vorneweg natürlich Elisabeth, die Leitkuh. Ihren Weg in den Stall finden die Tiere allein. Dann fließt die Milch, und die Zaubervorstellung des Käsemachens beginnt. Kaum hat Geiger die Milch in den großen Kessel gefüllt und einen Becher Kulturen hinzugetan, beginnt sie schon zu flocken. Mit einer Käseharfe zerteilt er die Masse, greift schließlich mit einem Tuch tief hinein und bugsiert gut 20 Kilo in die runde Holzform. Dann noch drei Tage ins Salzbad, ein halbes Jahr in den kühlen Keller, und fertig ist der würzige Bergkäse.

Seinen Besuchern bietet Geiger den Käse auch vakuumverpackt an. Den Rest liefert er wie auch die anderen Bergbauern der "Käsestraße" an Läden im Tal. Riesige Supermärkte oder Fast-Food-Ketten sucht man dort vergebens. Die Region setzt auf Qualität. Mit Erfolg: Die Besucherzahlen steigen langsam, aber beständig, ohne dass die alte Wirtschaftsstruktur zerstört wird. "Die Kühe fressen kein Silofutter, sondern nur das Gras der Wiesen", erklärt Geiger, "das gibt den kräftigen Geschmack." Den schätzen auch die Wanderer, die den Senn auf der Alp besuchen. Seine Mutter schmiert dann Käsebrote, man bespricht Wanderrouten, es gibt Holundersirup, Bier, Verdauungsschnaps - und Alpenidylle. "Vom Verkauf an die Leute hier in der Region könnten wir nicht existieren", sagt Geiger. "Ohne die Touristen wär's mit der Alp vorbei."

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