Auf einer Winterreise mit den legendären Postschiffen der Hurtigruten kann man die schneebedeckten Panoramen an der Norwegischen Küste bestaunen. Ein Höhepunkt sind die Himmelslichter.

Nordlicht bei Skarsvåg am Nordkap. Wie die geisterhaft bunten Lichter entstehen, ist wissenschaftlich noch nicht völlig geklärt© Cornelius Meffert
Dass wir nicht auf einem alten, rustikalen Paketboot fahren werden, ist uns klar. Trotzdem sind wir baff, als die hell erleuchtete "Finnmarken" im Hafen von Bergen aufscheint. Dieser moderne, einem Kreuzfahrtschiff ähnliche Pott, 139 Meter lang, 22 Meter breit, mit Platz für 1000 Passagiere und 50 Autos, mit Bugstrahlrudern, beheiztem Deckschwimmbad, Jugendstildekor, Cafeterien, Spielautomaten, Souvenirshop, Lounges, Bars - das soll ein Spross der legendären Hurtigruten sein?Vor mehr als 110 Jahren hatte Kapitän Richard With, Gründer der kleinen "Vesterålens Dampskibsselskab", einen Linienpostdienst an der 1400 Kilometer langen, zerklüfteten nordnorwegischen Küste eingerichtet - die Keimzelle der hurtigen Route. Sie brachte Aufschwung an die isolierte Nordküste. Heute wird die Post geflogen, und das Frachtaufkommen der Schiffe geht zurück. Passagiere sind es nun, die das Geld bringen. Einheimische "Distanzgäste", die die Schiffe wie Züge benutzen, Konferenzteilnehmer, Incentivegruppen. Und Leute, die auf das geheimnisvolle Nordlicht aus sind, Deutsche vor allem.

Groß wie ein Kreuzfahrer transportiert die "Finnmarken" wie die anderen elf Hurtigruten-Schiffe einheimische Passagiere, Fracht und Touristen© Cornelius Meffert
Auf der Reichsstraße Nr. 1, wie die Hurtigrute in Norwegen genannt wird, durch ein Gewirr von Fjorden nach Ålesund. Wie eigentlich entstanden Norwegens touristische Hauptdarsteller? Es handelt sich um Relikte der Eiszeitgletscher, die große Täler aus den Felsen frästen. Blasse Theorie, natürlich. Man muss sie mit eigenen Augen sehen, diese Haute Couture der Natur. Kaiser Wilhelm II. war ihr regelrecht verfallen.Landgang in Ålesund. Jugendstilhäuser neben Baubockmist von Hotelketten. Kramläden neben Designmöbel-Geschäften. An der Skansegata verhökern sie den Dorsch direkt vom Kutter, vorbei an der Steuerkrake Staat. Vom Hausberg Aksla aus 189 Meter Höhe ein nordisches Prachtpanorama. Gebieterisch glimmen die Alpen von Sunnmore aus der Ferne.
Eine Stunde in Molde. Mitbringsel gefällig? Die Renner sind Kratzpullover, Käse und Trollfiguren, Norwegens Antwort auf den Gartenzwerg. Hat man Bekannte, die man nicht so oft sehen möchte - ein Troll kann Wunder wirken. Die Hafenkioske verkaufen Mini-Klorollen, regenfest verpackt ("komfortabel, behagelig"). Only in Norway.Seenotübungen finden nicht statt, weil dauernd neue Passagiere zusteigen. Und im Fall des Falles? Gewiss, unser Kapitän Per Pedersen fährt schon eine Ewigkeit auf den Hurtigruten. Dennoch... Ein Schwesterschiff der "Finnmarken", so verbreitet die Schiffstrommel, sei neulich durch einen Totalausfall des Stromsystems manövrierunfähig gewesen. Die Passagiere mussten in die Boote.Kristiansund, Mekka des Klippfisk-Kultes. Klippfisk, auch Trockenfisch, Baccalà oder Bacalao genannt, ist ein Exportschlager, bei dem man entweder begeistert die Augen verdreht oder über die Reling reihert. Angeblich lernten schiffbrüchige Italiener die Extremspeise auf den Lofoten schätzen und nahmen sie mit nach Italien. Von dort verbreitete sich Baccalà über den Mittelmeerraum bis nach Portugal.Trondheim. Einst die Hauptstadt des Landes, berühmt für ihre Holzhausschönheiten. Hier steigt eine Gruppe aufgekratzter Konferenzler zu. Sie bringt eine Band mit, nicht zur Freude der betagten Nordlichtfans. Unsere Gruppe besteht aus pensionierten Beamten, gut verwitweten Damen, Handwerkern mit vollen Auftragsbüchern, Mittelständlern mit soliden Bilanzen. Letztere müssen sein. Hurtigruten-Preise sind so gepfeffert, wie es die Hausmannsküche an Bord leider nie ist.Michael Risch, Hobbyastronom und Mitgründer der renommierten Internetseite astronomie.de, ist unser mitreisender Experte. Weiß alles über Aurora Borealis, das Nordlicht: in Deutschland normalerweise nur alle elf Jahre intensiv zu beobachten, wenn sich auf der Sonne viel tut. Weiß, gelblich, violett, grünlich, manchmal rot. Faszinierend und unheimlich wie die Schwaden in Carpenters Horrorklassiker "The Fog". Michael macht uns mit Döntjes und Fotos heiß. "Auf der letzen Reise ... ich dachte, ich spinne ... wie ein Strudel, der das Schiff einsaugen wollte..." Und wann sind wir an der Reihe?Wunderbar, so mit 10 bis 15 Knoten durch Passagen und Fjorde zu gleiten, Schiffen zu begegnen, das Land mit dem Feldstecher abzuglasen. Sahnestück der "Finnmarken" ist die Brotoppen-Lounge auf Deck acht, mit 270-Grad-Blick, Drehplüschsesseln, Tischchen und Bar. Manche bleiben den halben Tag dort.In Rorvik liegt die "Lofoten" am Pier, die 40 Dienstjahre auf dem Rumpf hat. Der Nostalgiekahn löst helles Entzücken aus, obschon, genau besehen, nur mehr von der Farbe zusammengehalten. Die Reisen der "Lofoten" sind immer lange im Voraus ausgebucht. Das letzte Schiff der alten Hurtigruten-Generation schwimmt auf einem Sympathiebonus.
TIPPS Schnuppern und schippern
Hurtigruten-Schnupperreisen gibt es im Winter ab 1195 Euro pro Person (acht Tage inkl. Flug)
Die Themenreise "Nordlicht und Sterne" im November und Dezember 2004 kostet ab 2295 Euro (elf Tage inkl. Flug)
Im Winter und Frühjahr sind auch weitere fachkundig geführte Reisen im Angebot, zu den Themen "Auf den Spuren der Orcas" und "Kulinarische Erlebnisreise"
Nostalgiefahrten mit der "MS Lofoten" starten nur von September bis November (ab 1695 Euro)
Ausführliches Material zu allen Hurtigruten-Reisen bei:
NSA Norwegische Schiffarts Agentur
Kleine Johannisstraße 10
20457 Hamburg
Tel.: 040/37 69 30
Fax: 37 69 31 99
Internet: www.hurtigruten.de