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Auf der Rolle

Die schönste Skatingbahn Deutschlands liegt im brandenburgischen Teltow-Fläming. Lange war hier nichts los. Jetzt kommen 250.000 Besucher im Jahr.

Von Anja Lösel

"Runter! Auf die Knie!" Thomas Glätzer, Inlineskate-Lehrer mit Basecap und blondem Pferdeschwanz, ist erbarmungslos. Bevor wir die Skaterschuhe überhaupt zu Gesicht bekommen, müssen wir das Fallen üben. Denn wer nicht fallen kann, der darf bei Glätzer auch nicht fahren. Also lassen wir uns wieder und wieder auf den Betonboden knallen, immer schön nach vorn auf die Knieschoner, bloß nicht auf den Steiß. Thomas Glätzers Arbeitsplatz: an der längsten und schönsten Skatingbahn Deutschlands. Die liegt in Teltow-Fläming, südlich von Berlin, und bietet nicht nur über 190 Kilometer makellos glatten Asphalt, sondern auch schöne Landschaft, Sehenswürdigkeiten, nette Gasthäuser und Unterkünfte von der Jugendherberge bis zum Spitzenhotel. 14 Millionen Skater gibt es in Deutschland, Tendenz steigend. Wer gut in Form ist, schafft den großen Rundkurs von 100 Kilometern in ein paar Stunden. Besser ist es allerdings, wenn man sich Zeit lässt, hier und da stoppt und vielleicht sogar ein- oder zweimal übernachtet.

Po runter, Oberkörper vor

Wir starten in Kolzenburg vor der ehemaligen Getränkehalle, in der Glätzer uns zwei Stunden lang aufgewärmt und mit den wichtigsten Tipps ausgestattet hat. Der kleine Rundkurs RK 2 ist zwölf Kilometer lang, genau richtig für Anfänger. Erst mal sollen wir einfach geradeaus laufen, "Inline" eben. Gar nicht so einfach, denn natürlich ist die Strecke nicht schnurgerade. In schönen, grossen Kurven geht es durch eine Schrebergartensiedlung, in der schon die Apfelbäume blühen. Vorbei am Städtchen Luckenwalde mit seiner bronzenen Gedenktafel für Rudi Dutschke, den "Mitbegründer der 68er-Bewegung". Weiter zur "Mc Conner Ranch", wo sich jemand seinen Traum vom Cowboyleben verwirklicht hat, und zu einem Park mit Hirschen, die zutraulich vor sich hin grunzen. Am Schwimmbad Elsthal scheint alles noch wie früher zu sein. 50 Cent kostet der Eintritt für Kinder, unter einem altmodischen Sprungturm reckt ein Typ mit langer Mähne seinen nackten Oberkörper der Frühlingssonne entgegen. Mit dem Skaten läuft es immer besser. Wir werden sicherer, gleiten ein Stückchen an der Straße entlang, wieder hinein in den Wald, durch Wiesen und Felder, und schon sind die zwölf Kilometer RK2 geschafft. Wie war das noch mal mit dem Bremsen: "Po runter! Oberkörper vorbeugen, rechten Fuß mit dem Stopper nach vorn, Zehen hoch und "Heel Stop".

Angefangen hatte alles mit Landrat Peer Giesecke. Dem erzählte ein Freund von einer Skatingbahn in Österreich, immer an der Donau entlang. Giesecke war hingerissen: "So was brauchen wir in Teltow-Fläming." Das war allerdings gar nicht so einfach. "Wir mussten über 1000 Privateigentümer überzeugen, uns ein Stückchen ihres Grundes zur Verfügung zu stellen - in Westdeutschland hätten wir das nie geschafft." Hier aber, in Brandenburg, kamen ihm die alten Strukturen der DDR zu Hilfe. "Wenn die ehemaligen LPG-Chefs Ja sagten, dann stimmten alle anderen auch zu." So konnten die Landwirtschaftswege genutzt werden.

"Diese Bahn hat die Region umgekrempelt!"

Im Gasthof "Zum Eichenkranz" sitzt Detlef Gärtner vor einem Teller hausgemachter Sülze mit Bratkartoffeln. Er ist Gieseckes Stellvertreter. "Dieses Lokal stand kurz vor der Pleite", sagt er. Aber seit die Skater am Wirtsgarten vorbeiflitzen, ist alles gut. Uwe Kuhlmey, Sohn der Wirtsleute, ist selbst Speed Skater geworden. In Nadelstreifenhose und weißem T-Shirt steht er stolz in der Stube und erzählt, dass Belgiens schnellste Mannschaft hier übernachtet hat, um zu trainieren und an der Europameisterschaft im benachbarten Jüterbog teilzunehmen. Bald, so hofft er, wird die Arena von Jüterbog mit ihren 1400 Plätzen das wichtigste Speed-Skating-Stadion Deutschlands sein. "Schon jetzt hat diese Bahn die ganze Region umgekrempelt. Hier war vorher kein Tourismus." Trotzdem soll alles ländlich-gemütlich bleiben. "Ein McDonald's wird es hier nicht geben", sagt Gärtner. "Lieber sollen die Leute am Gartenzaun selbst gebackenen Kuchen verkaufen."

Schon jetzt kommen etwa 250 000 Skater im Jahr nach Teltow-Fläming. Manche nur für ein paar Stunden, so wie Horst, 63, drahtig, zäh und braun gebrannt. Er läuft hier einmal in der Woche, den 100-Kilometer-Rundkurs schafft er in sechs Stunden. Seine Waden sind so prall, "dass es die Mücken nicht schaffen, ihren Stachel reinzurammen". Aber er ist eher die Ausnahme. Die meisten Skater wollen nicht rasen, sondern auch mal gemütlich im Biergarten sitzen, nett Kaffee trinken gehen - oder ein Barockschlösschen wie Wiepersdorf besichtigen mit Park, Orangerie und einer Feldsteinkirche. 1814 ließ sich hier das Dichterpaar Bettina und Achim von Arnim nieder, beide sind auf dem kleinen Familienfriedhof im Park begraben. Zu DDR-Zeiten trafen sich Künstler wie Christa Wolf oder Anna Seghers in Wiepersdorf zu "Arbeit und Erholung". Auf dem Teich paddelt ein Schwan. Ein kleines Mädchen zupft dürre Blätter vom Grab des Dichters, und richtet ein zerzaustes Gesteck auf Bettinas Grab wieder auf.

Weiter geht's, diesmal auf dem großen Rundkurs RK1. Das Skaten klappt jetzt schon ziemlich entspannt, und langsam spüren wir, warum Detlef Gärtner so schwärmt vom extrem gleichmäßigen, glatten Asphalt. Samtig fühlt der sich an, leicht und lässig gleiten wir drüber hinweg. Das braucht Pflege. Zwei Kontrolleure sind ständig auf dem Streckennetz unterwegs. Der Asphalt darf sich nicht aufwerfen, kleinste Risse könnten zu Stürzen führen. Das schlimmste Problem sind Flachwurzeln, die den Belag zu sprengen drohen. Heute ist alles perfekt. Gräser wehen im Wind, die Sonne schimmert über den Rapsfeldern. In Neuhof mäht eine Frau in Kittelschürze den Rasen vor der efeubewachsenen Feldsteinkirche. Schüchtern grüßt sie rüber. Vor dem Gutshof Werder empfängt uns die erste Steigung: bergab. Einfach laufen lassen, ab und zu mal sanft bremsen. Und wenn's dann unten um die Kurve geht: Eiffelturm-Stellung mit breiten Beinen, da verliert man Tempo. Kirsch- und Pflaumenbäume blühen, im Herbst kann man die Früchte im Vorbeifahren pflücken. Eine Blindschleiche schlängelt sich über den Weg. Vom Wald zieht herber Wildschweingeruch herüber.

Und dann Kloster Zinna, unser Ziel. Der Alte Fritz, steinern und ziemlich klein, empfängt uns auf dem Dorfplatz. Die Bedienung im Hotel "Alte Försterei" kennt schon die matten Skater, die zu faul sind, ihre Rollenschuhe auszuziehen. Sie serviert uns den Cappuccino auf dem idyllischen grünen Ruhebänkchen unter Weinlaub und Rosen. "Ausnahmsweise aber nur."

In der Alten Klosterabtei müssen die Skatingschuhe aber dann doch runter von den Füßen. Wer keine Ersatzschuhe im Rucksack hat, läuft auf Strümpfen durch das Museum. Ein süßherber Duft schlägt uns entgegen. Nein, das sind nicht die Sportlersocken: In der Schau-Destille wird nach geheimem Rezept der "Zinnaer Klosterbruder" gebraut, ein Likör aus 23 Kräutern, alle auf dem märkischen Sand gewachsen. Vor 600 Jahren soll der Mönch Lukas den Likör quasi aus Versehen erfunden haben. Weil er unter schwerstem Liebeskummer litt, wanderte er in den Wald, sammelte Kräuter und braute sich einen, wie er glaubte, tödlichen Trank. Nach einigen Gläschen des 35-Prozentigen fand er das Leben allerdings wieder so lustig, dass er beschloss, öfter mal Kräuter suchen zu gehen. Am Abend in der Schankstube "Zwölf Mönche" trinken wir zwei Gläschen. Der Likör soll nämlich nicht nur gegen Liebeskummer, sondern auch gegen Schmerzen ganz anderer Art helfen: Muskelkater.

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