Hunderttausende Deutsche sitzen in Ferienparadiesen fest. Klingt besser, als es ist. Denn die Ungewissheit zerrt an den Nerven. stern.de-Redakteur Dieter Hoss ist auf Madeira gestrandet.

Madeira ist ein Urlaubsparadies - solange man sich dort freiwillig aufhält© Madeira/DDP
Wie zum Hohn geht an diesem Morgen die Sonne auf über Madeira. Wir sollten eigentlich gar nicht mehr da, sondern mit Air Berlin längst wieder in Deutschland gelandet sein. Zuletzt hatte Abreisewetter geherrscht. Regnerisch war es, und stürmisch. So stürmisch, dass am vergangenen Donnerstag vom Flughafen in Funchal einige Flieger nicht starten konnten. Die Start- und Landebahn des Insel-Airports ist kurz, obwohl sie in den vergangenen Jahren dank gigantischer Betonpfosten verlängert wurde und nun teilweise wie eine riesige Brücke über dem felsigen Ufer steht. Doch bei einem ausgewachsenen Atlantik-Sturm bleiben die Maschinen am Boden. Da braucht es keinen Vulkan-Ausbruch auf einer tausende Kilometer entfernten anderen Insel.
Sturm und Regen könnten in Nordeuropa vielleicht jene verhängnisvolle Aschewolke vertreiben, die nun schon seit Tagen den Flugverkehr über Europa stilllegt. Hier aber kann niemand schlechtes Wetter gebrauchen. Urplötzlich ist die portugiesische Atlantik-Insel von einem Teil der Europäischen Union wieder zu einem verlorenen Eiland in den Weiten des Meeres geworden, wie es im Madeira Story Center, dem ultramodernen historischen Museum in Funchal, so schön poetisch heißt. Auf den Nachbildungen antiker Globen ist dort zu sehen, dass Madeira Ende des 15. Jahrhunderts noch am Ende der bekannten Welt lag.
Und genauso "ab vom Schuss" fühlen sich nun die vielen Touristen, die die Blumeninsel, auf der in der Regel ewiger Frühling herrscht, nicht verlassen können. Rund 900 Kilometer entfernt vom europäischen Festland sitzt man hier erst einmal fest - ein goldener Käfig, weit entfernt von allen denkbaren Rückreise-Alternativen wie tagelangen Zug- oder Autofahrten. Für Fähren zum Festland ist der Weg ist viel zu weit; die Flugverbindungen nach Lissabon sind spärlich und kaum zu haben.
In der Lobby der "Quinta do Furao", einem traumhaft an der Steilküste im Norden der Insel gelegenen Hotel, sitzen die Gestrandeten an den Vormittagen und warten auf Anrufe ihrer Reiseveranstalter. "Wann geht es weiter?" ist die Frage, die fast alle umtreibt. Selbst jene, die erst in den kommenden Tagen abreisen wollen. "Auch während der Wanderung denke ich oft: Na, ob ich am Dienstag weg komme", sagt ein Reisender aus Thüringen und lacht leicht säuerlich. Dann zieht er mit seiner Frau los - immer die Ungewissheit im Hinterkopf, vielleicht doch während des Ausflugs eine neue Entwicklung zu verpassen.
Wenigstens kann man sich so auf angenehme Weise die Zeit vertreiben und muss nicht - wie andernorts - am Flughafen versauern. Dort ist dementsprechend kaum etwas los; einige Franzosen versuchen, auf Flüge nach Nantes umzubuchen und von dort weiter in den Norden zu kommen. Doch viele freie Plätze gibt es augenscheinlich nicht.
Die meisten Touristen auf der Insel können in ihren Hotels bleiben oder werden in anderen Unterkünften untergebracht. Viele Reiseveranstalter haben Sonderpreise für ihre Kunden ausgehandelt. Die meisten Hotelbetreiber gehen darauf ein. Sie können letztlich froh sein, noch ein paar Gäste zu haben. Das Gros der Touristen auf Madeira kommt aus Deutschland und Großbritannien. Doch wegen der Aschewolke bleibt der Nachschub seit Tagen aus. "Das ist schlimm für uns alle", sagt Jorge, einer der Kellner im Restaurant der Quinta. Es herrscht gähnende Leere, an den wenigen besetzten Tischen sitzen seit Tagen immer die gleichen Gäste, die nicht mehr mit den letzten Fliegern abreisen konnten.
Gut eine Million Touristen besuchen das Wanderparadies vulkanischen Ursprungs alljährlich - die meisten kommen traditionell aus Großbritannien und auch aus Deutschland - beides Länder mit geschlossenem Luftraum. "Und niemand weiß, ob die, die jetzt nicht kommen können, später im Jahr kommen werden", ist Jorge skeptisch. Es ist kein gutes Jahr für Madeira. Schon vor zwei Monaten gab es zahlreiche Stornierungen, nachdem ein heftiges Unwetter große Teile der Insel verwüstet hatte. Viele Menschen kamen dabei ums Leben.