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Wieso der Hass auf Weselsky?

Viele Deutsche sind wütend auf Claus Weselsky und die GDL, Hass verbreitet sich im ganzen Land. Aber wieso eigentlich? Es ist der erste Streik der Lokführer seit sechs Jahren - und deren gutes Recht.

Ein Kommentar von Arno Luik

Ganz Deutschland scheint Claus Weselsky zu hassen - aber weshalb?

Ganz Deutschland scheint Claus Weselsky zu hassen - aber weshalb?

Was für ein Verbrechen hat dieser Typ bloß begangen? Für einige ist er "durchgeknallt", ein "Schienen-Honecker" beziehungsweise "Assad oder Amokläufer".

Auch beim stern springt man nicht gerade freundlich um mit diesem Kerl, schließlich führe er sich "nicht wesentlich anders auf als das kleine Arschloch der großen Pause". Und die "Bild"-Zeitung fordert auf der Titelseite ihre Leser auf, sie sollen dem "Größen-Bahnsinngen" jetzt endlich "die Meinung geigen". Damit das auch klappt, steht die Telefonnummer von dessen Büro gleich auf der Titelseite.

"Focus-Online" legt nach, liefert weitere Details über den "meistgehassten Deutschen": Fotos von seinem Wohnhaus samt genauer Ortsangabe. So viel Hass war selten. So wird ein Mensch zum Abschuss freigegeben. Pogromstimmung. Fehlt nur noch, dass beschrieben wird, wie Molotowcocktails gebaut werden.

Was hat der Typ bloß verbrochen?

Das Verbrechen von Claus Weselsky: Er ist Chef von "Deutschlands dümmster Gewerkschaft" ("Spiegel Online"), der GDL, der Gewerkschaft der Lokomotivführer. Er ist der Staatsfeind Nummer eins.

Angeklagt wird er, weil er tut, was sein grundgesetzliches Recht ist. Attackiert wird er, weil er sich für seine Mitglieder einsetzt. Und das sind 90 Prozent der Lokführer und 30 Prozent der Zugbegleiter.

Zum ersten Mal seit sechs Jahren streiken die Lokführer, aber in vielen Medien und der Politik hört sich das an, als ob nun der Weltuntergang droht.

Alle Streiks sind lästig - darum geht es ja

Jeder Streik ist lästig. Jeder Streik nervt. Das ist das Wesen von Streiks. Einen Streik ohne Opfer gibt es nicht. In der langen Geschichte von Arbeitskämpfen hat es wohl nie einen beliebten Streik gegeben. Sollen die Lokführer nachts zwischen zwei und vier Uhr streiken?

Es ist kaum mehr auszuhalten. Seit Tagen und Wochen hört es sich an, als nähme eine kleine, völlig außer Rand und Band geratene Splittergewerkschaft mit einem komplett durchgeknallten Chef Deutschland in Geiselhaft. Die GDL, so schimpft RTL, "legt das ganze Land lahm".

Gerade mal sieben Prozent des Personenverkehrs gehen über die Schiene, 14 Prozent des Güterverkehrs. Selbst wenn die GDL also hammerhart kämpft und alle Bahnräder still stehen – 93 des Personenverkehrs und 86 Prozent des Güterverkehrs blieben weiter in Fahrt.

Irrelevante private Details

Aber das interessiert nicht. Franz Josef Wagner sorgt sich in "Bild" um "Töchter, die ins Hospiz zu ihren alten Vätern" wollen. "Focus" stellt fest, dass Streikführer Weselsky "seit 1992 im warmen Büro" sitzt, ein Gehalt von "5389 bis 6836 Euro" bezieht und mit seiner Familie in einer ehemaligen Altstadt-Remise wohnt – auf ganzen 61 Quadratmetern.

Ja, mein Gott, soll ein Gewerkschaftsboss unter der Brücke hausen? Bahnchef Rüdiger Grube - das sei ohne jede Polemik notiert - bekommt 2,7 Millionen Euro im Jahr. Sieben Tage muss er arbeiten, um auf das Jahresgehalt von Weselsky zu kommen.

Sind die Streikziele der GDL absurd? Fünf Prozent mehr Lohn will die Gewerkschaft, eine Begrenzung der Überstunden und eine Verkürzung der Arbeitszeit von 39 auf 37 Stunden. Und sie will auch für die Zugbegleiter verhandeln und Tarifverträge abschließen.

Die GDL darf das!

Es kann nicht deutlich genug gesagt sein: Die GDL darf das! So hat das Bundesgericht vor vier Jahren entschieden. Die plötzlich so oft von Medien und vor allem Politik beschworene goldene Regel der Tarifeinheit, auch das muss gesagt werden, verstößt gegen das grundgesetzlich garantierte Recht auf Koalitionsfreiheit.

Vielleicht geht es bei diesem bitteren Kampf um viel mehr als um Löhne und Arbeitszeiten. Vielleicht, ein überaus unangenehmer Gedanke, stellt sich das Staatsunternehmen Bahn aus politischen Gründen so stur. Die Stimmung in der Bevölkerung ist aufgeheizt. Die Wut auf die Lokführer ist groß. Vielleicht wird diese Atmosphäre nun genutzt, um bisher Undenkbares durchzusetzen: eine generelle Einschränkung des Streikrechts, also die Beschneidung elementarer Arbeitnehmerrechte.

Die Bahn nervt doch das ganze Jahr

Die Große Koalition könnte so etwas durchsetzen. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) jedenfalls denkt über das Tarifeinheitsgesetz nach. Sie möchte, dass nur eine Gewerkschaft pro Betrieb, nämlich die größere, das Recht zu verhandeln hat. Bei der Bahn wäre das die EVG. Die hat nichts gegen Niedriglöhne. Die hat auch mal einen Abschluss mit 1,5 Mehrstunden ohne Lohnausgleich verhandelt. Nur: Wem nützen solche Kuschelgewerkschaften?

Das sollte vielleicht jeder Bürger bedenken, wenn er fluchend, frierend auf dem Bahnsteig steht und voller Zorn auf seinen Zug wartet.

Nochmals: Jeder Streik nervt. Aber nervt die Bahn nicht ohnehin das ganze Jahr? Mit Verspätungen, vergammelnden Bahnhöfen? Fehlenden Sitzplätzen, ausfallenden Klimaanlagen? Komplett ausfallenden Zügen im Winter?

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