Bilder vom Pannen-Airport

16. August 2012, 19:27 Uhr

Ein Airport ohne Flugzeuge und Passagiere. Eine Baustelle ohne Arbeiter im Stillstand. Berlins Vorzeigeprojekt verkommt weltweit zum Gespött - ein Rundgang durch den Geisterflughafen. Von Till Bartels

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Inbetriebnahme des Flughafens Berlin Brandenburg ungewiss: Blick durch den Bauzaun auf die Hauptpier©

Pleiten, Pech und Pannen begleiten den Flughafen Berlin Brandenburg von Anfang an. Das milliardenschwere Prestigeprojekt droht zum Riesenflop zu werden. Der Aufsichtsrat steht vor eine Herkules-Aufgabe. Er muss unter anderem Finanzlöcher stopfen, überarbeitete Terminpläne prüfen und beim Lärmschutz nachbessern - die Liste der Baustellen ist lang.

1. Komplexe Brandschutzanlage

Vier Wochen vor der Eröffnung, die für den 3. Juni geplant war, platze die Bombe: Kein Umzug der Flughäfen Tegel und Schönefeld zum neuen Hauptstadtflughafen BER. Die offizielle Begründung lautete im Mai: Die vollautomatische Brandmeldeanlage sei nicht funktionsfähig, unter anderem verweigerten der TÜV und das Bauordnungsamt die Abnahme. Die Airport-Verantwortlichen hatten zur Inbetriebnahme eine Ausnahmegenehmigung verlangt: Weil das Zusammenspiel der einzelnen Komponenten nicht klappte, sollten mit Handys ausgestattetes Personal an den Feuerschutztüren platziert werden, was die Behörden ablehnten. Jetzt wird an dem komplexen Zusammenspiel von 16.000 Meldern und einem kilometerlangen Rauchgasabpumpsystem gearbeitet. Rund 500 verschiedene Szenarien gibt es zu testen.

2. Fehlender Lärmschutz

Auf die Anwohner des Flughafens und in den Einflugschneisen kommt eine höhere Lärmbelastung zu, doch die bislang umgesetzten Schallschutzmaßnahmen sind "unzureichend", urteilte das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg im Juni. Die Richter bestätigten, dass Betroffene Anspruch auf finanziellen Ausgleich und Schallschutzfenster haben: Am Tag darf in Wohngebäuden mit geschlossenen Fenstern kein höherer Schallpegel als 55 Dezibel auftreten. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit spricht von einem zusätzlichen Etat von 591 Millionen, die für den Lärmschutz der 14.000 Anwohner benötigt werden.

3. Finanzierung steht auf der Kippe

Laut Plan sollte der Flughafen nicht teuer als 2,83 Milliarden Euro werden. Doch durch Fehlplanungen und den verschobenen Eröffnungstermin explodieren die Kosten auf 4,277 Milliarden Euro. Flughafenchef Rainer Schwarz meldete einen zusätzlichen Bedarf von 276 Millionen Euro allein für höhere Baukosten an. Hinzukommen Entschädigungszahlungen in unbekannter Höhe für die Airlines, fällige Vertragsstrafen und Rücklagen für die Risokovorsorge. Unterm Strich stehen Mehrkosten von 1,177 Milliarden Euro im Raum - und die Insolvenz droht.

Die bisherige Kalkulation ging von Einnahmen durch den Flugbetrieb ab dem 3. Juni von 15 Millionen Euro pro Monat aus. Die Gelder fehlen nun. Auch wird es für die Flughafengesellschaft schwieriger, sich auf dem freien Markt bei Banken zusätzliche Kredite zu beschaffen. Die Liquidität reicht nach Medienberichten nur noch bis Ende des Jahres. Fazit zu den Mehrkosten von Jochen Esser, Finanzexperte der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus: "Egal wie es kommt, es steht zu befürchten, dass die Rechnung der Steuerzahler begleichen wird."

Esser behielt Recht: Der Bund und die Länder Berlin und Brandenburg beschlossen am Donnerstag, den Hauptstadtflughafen mit einer Finanzspritze vor der Zahlungsunfähigkeit retten. "Es wird ein Mix sein aus Eigenkapital, aus Überbrückungskrediten und Gesellschafterdarlehen", sagte der Verkehrsstaatssekretär des Bundesverkehrsministeriums, Rainer Bomba (CDU), in Schönefeld. Konkrete Summen wurden nicht genannt. Bevor das staatliche Geld fließt, muss ein Beihilfeverfahren der EU-Kommission abgewartet werden. Bomba kündigte an, dass demnächst Kontakt mit Brüssel aufgenommen werde.

4. Sicherheitsprobleme

Die jüngste Hiobsbotschaft von der Großbaustelle im Süden Berlins trifft ein höchst sensibles Thema: die Sicherheit. Nach einem dem stern vorliegenden Bericht des Staatsschutzes des Brandenburger Landeskriminalamtes vom 3. August hat in der Zugangskontrolle zum Flughafenareal ein Islamist gearbeitet. Ob der 21-Jährige aus dem Umfeld der Berliner Salafisten ein Sprengstoffattentat plante, blieb allerdings unklar.

5. Zu wenig Check-in-Terminals

Fast schon in Vergessenheit geraten sind Fehlplanungen im Check-in- und Sicherheitsbereich. Die monatelangen Tests mit Tausenden von Komparsen führten zu Warteschlangen an den Abgabestellen für das Gepäck und beim Security Check. Anfang April wurde beschlossen, weitere 20 Abfertigungsschalter in einer "Leichtbauhalle" vor dem Terminal zu installieren.

6. Unangenehme Personaldebatte

In der Krise werden Schuldige gesucht, und es müssen Köpfe rollen. Ende Mai wurde mit sofortiger Wirkung das Vertragsverhältnis mit der Projektgemeinschaft Flughafen Berlin-Brandenburg (pg bbi) gekündigt. Die Generalplaner, zu der auch die Architekten Gerkan Marg und Partner gehören, waren für die Planung und Bauüberwachung zuständig. Und zum 1. August musste der für Technik bei der Flughafengesellschaft zuständige Geschäftsführer Manfred Körtgen seinen Hut nehmen. Sein Nachfolger wurde der 59-jährige Horst Amann vom Frankfurter Flughafen, der den neuen Eröffnungstermin festlegen soll.

Die Berliner Grünen kritisieren auch Flughafenchef Rainer Schwarz, der das BER-Projekt nicht zum Erfolg führen könne. Längst sind die Personalquerelen ein Politikum: Brandenburgs CDU-Generalsekretär Dieter Dombrowski verlangt sogar den Rücktritt des gesamten Aufsichtsrats, dem auch Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) angehören.

7. Kabelsalat in den Schächten

Weiterer Pfusch am Bau stellt den Eröffnungstermin im März 2013 in Frage. Als Problem entpuppen sich die Kabelschächte. Aufgrund der absehbaren Terminengpässe sind beim Bau die Stark- und Schwachstrom- und Kommunikationsleitungen zum Teil in denselben Schächten verlegt worden. Die Kabelstränge müssen nun getrennt werden. Auch "wurde bei der Verlegung von Kabeln die Traglast der Kabelkanäle zum Teil weit überschritten", zitiert die "Berliner Zeitung" einen Kenner der Materie.

8. Air Berlin in Turbulenzen

Noch ist es nur ein Problem für die finanziell angeschlagene Air Berlin, deren Eigenkapitalquote laut der "Finanial Times Deutschland" auf ein besorgniserregendes Niveau zusammengeschrumpft ist. Deutschland zweitgrößte Fluggesellschaft hatte auf ihr neues Drehkreuz am Flughafen BER gesetzt, wo sie ab Juni mit der Südpier ein eigenes Terminal für den Umsteigeverkehr in Betrieb nehmen wollte. Jetzt muss die für Berlin wichtigste Airline in Tegel weiter improvisieren und die ertragsschwachen Quartale in den Wintermonaten überstehen, hoffentlich mit einer weiteren Finanzhilfe des Anteileigens Etihad Airways aus Abu Dhabi.

Sollte Air Berlin nicht durchhalten, wäre das der Super-Gau für BER. Denn ohne die Fluglinie mit den zurzeit meisten Starts und Landungen in Hauptstadt wäre das Prestigeobjekt um ein Drittel seines Flugverkehrs und der meisten interkontinentalen Flugverbindungen beraubt. "Hoffentlich kommen sie schnell in die Hufe", sagte Air-Berlin-Chef Hartmut Mehdorn, als er am Mittwoch auf das Thema Flughafendebakel angesprochen wurde.

9. BER statt BBI

Wer sehr der Teufel bei der Planung im Detail steckt und mit welch engem Horizont die Planer in Berlin denken, zeigen drei Buchstaben. Flughäfen werden weltweit mit einem Drei-Letter-Code abgekürzt, mit denen beim Check-in auch die Gepäckaufkleber bedruckt werden. Seit Jahren lief das Projekt des neuen Flughafens unter dem Namen Berlin Brandenburg International. Noch bis 2011 verteilte die Flughafengesellschaft Hochglanzbroschüren mit dem Kürzel BBI und lud zu "BBI-Baustellentouren" ein. Erst vor wenigen Monaten blickten die Planer über den Tellerrand und mussten feststellen, dass BBI längst für den Flughafen Bhubaneswar im indischen Bundesstaat Orissa vergeben war. Nun heißt Berlins halbfertiges Tor zur Welt offiziell "Berlin Brandenburg Airport Willy Brandt" - mit dem Drei-Letter-Code BER.

Eines steht nach der heutigen Sitzung des Aufsichtsrates der Flughafengesellschaft fest: Kaum noch jemand glaubt an einen Eröffnungstermin im März 2013. Auch der Aufsichtsrat legte sich nach Angaben des Vorsitzenden, des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD), nicht fest, ob der Starttermin 17. zu halten ist. Die Spekulationen reichen nun vom Sommer 2013 bis zur Einführung des Winterflugplans 2013/14. Das erschwert die weitere Finanzierung der Mehrkosten. Ohne sichere Termine gibt es keine Bankzusagen.

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