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Der Hunger fliegt mit

Ein Essen im Flugzeug ist heute nicht mehr selbstverständlich. Bei Billigfliegern gibt es Snacks nur noch gegen Bezahlung. Wir zeigen, was Airlines ihren Fluggästen auftischen.

Von Till Bartels

Das Ritual kündigt sich mit Geklapper an. Zwei Flugbegleiter lösen die Bremsen ihres Rollcontainers und schieben den Servicewagen durch den Kabinengang. Automatisch klappen die Passagiere ihre Tischchen aus den Rücklehnen herunter. Die Essensausgabe an Bord kann beginnen. Kulinarische Höhenflüge sind nicht zu erwarten.

Nur auf Langstreckenflügen gibt es noch etwas Warmes. "Chicken or Pasta", lautet die Standardfrage. Oft reicht die Auswahl nur bis zur Sitzreihe des Vordermanns. Wer in den letzten Reihen eines Flugzeugs Platz genommen hat, muss sich mit dem begnügen, was übrig bleibt. "Sorry, wir haben nur noch Pasta", heißt es mit einem Lächeln. Denn Flugzeugmenüs werden knapp kalkuliert. Schon aus Gewichtsgründen kommt in der Economy Class keine Portion zu viel an Bord.

Wer Durst hat, wird gemolken

Manche Airlines würden ihre Passagiere, denen sie in Zeiten der Krise nur Sparmenüs servieren, gern auf eine Nulldiät setzen. Insbesondere Fluggesellschaften in den USA jetten schon seit Jahren verpflegungsfrei durch Nordamerika. Catering, wie das Essen an Bord in der Fachsprache genannt wird, gehört nicht mehr zur Gastfreundschaft. Analog zur Gebühr für aufgegebene Gepäckstücke ist das Bordmenü längst zur Einnahmequelle geworden. Die Controller der US-Airlines glauben mit dieser Maßnahme, einer drohenden Insolvenz zu entkommen. Als aber United Airlines im August letzten Jahres ankündigte, auf Transatlantikflügen statt warmer Speisen nur noch Snacks gegen Bares anzubieten, gab es einen Sturm der Entrüstung - der Vorschlag wurde zurückgezogen.

Besseres Essen gegen Vorkasse

Auch in Europa ist die Pappbox mit einem labberigen Baguette auf dem Vormarsch. Die Grundbedürfnisse Essen und Trinken lassen sich an Bord von Billigfliegern nur mit einem Griff zur Geldbörse befriedigen. So gibt es bei Ryanair und Easyjet ein Glas Wasser und etwas zum Beißen nur gegen Bezahlung. Air Berlin und Ferienflieger wie Condor bieten dem Fluggast die Wahl - wenn man sie denn kennt. Denn neben der schlichten Standardverpflegung kann man auf der Website beider Gesellschaften ein "Gourmetessen" gegen Aufpreis bestellen. Für ein besseres Frühstück verlangt Condor auf dem Weg nach Mallorca 7 Euro, für ein "Premium-Menü" bei einem Langstreckenflug 15 Euro. Bei Air Berlin kostet die "Entenbrust in Orangensauce" 9,90 Euro, die Currywurst nach Rezeptur der Sansibar auf Sylt 6,50 Euro.

Neben dem Upgrade für den Magen bei Urlaubsfliegern wird vom Sonderessen, das fast alle Fluggesellschaften kostenlos anbieten, kaum Gebrauch gemacht. Die Palette reicht vom Menü für Vegetarier über laktosefreie Kost bis zum koscheren Essen. In der Praxis erweist sich die Bestellung, die mindestens 48 Stunden vor Abflug im Callcenter der Fluggesellschaft erfolgen muss, als Roulettespiel. Je nach Airline und Caterer fallen die Portionen mager bis üppig, schmackhaft bis lieblos aus.

Bäckerei für 80.000 Brötchen

Zu den Irrtümern der Luftfahrt gehört das Märchen, dass die Speisen vor dem Servieren in der Mirkowelle der Bordküche aufgewärmt werden. Diese Methode kommt aus Sicherheitsgründen nicht zur Anwendung, weil sie die Elektronik im Cockpit irritieren könnte. Selbst im modernsten Airbus A380 sind klassische Umluftherde eingebaut, die die heruntergekühlten Menüs erhitzen. Alles, was über den Wolken aufgetischt wird, wurde von einem Catering-Unternehmen vorgekocht.

Der Weltmarktführer Sky Chefs produziert 427 Millionen Flugmahlzeiten pro Jahr für 300 Airlines in 49 Ländern. Allein in seinen Frankfurter Betrieben sind 3850 Mitarbeiter beschäftigt, vom gelernten Konditor bis zur Aushilfskraft. Der tägliche Abwasch ist enorm: Fast 150.000 Teller und Schälchen, noch einmal so viele Bestecke und 85.000 Gläser durchlaufen die Spülstraße.

80.000 Brötchen verlassen jeden Tag die hauseigene Bäckerei. Die Zutaten von der Tomate bis zum Putenfleisch werden bereits am Tag vor Abflug verarbeitet, auf Tabletts portioniert und auf wenige Grad über Null gekühlt, ehe sie vom Hubwagen später zum Flugzeug transportiert werden. Um die Passagiere eines ausgebuchten Jumbojets zu versorgen, sind 104 Trolleys erforderlich.

Tomatensaft oder Rotwein?

Bei der Auswahl gibt es einfache Regeln zu beachten: Schweinfleisch steht mit Rücksicht auf Moslems und Juden nicht auf dem Speiseplan, ebenso geruchsintensives Gemüse wie zum Beispiel Blumenkohl. Auch ändert sich das Geschmacksempfinden, wenn zwölf Kilometer über der Erdoberfläche das Essen aufgetischt wird. Der Kabinendruck auf Reiseflughöhe entspricht 2000 Höhenmetern, die trockene Luft macht Gaumen und Nase weniger sensibel. Das erklärt, warum Tomatensaft an Bord der große Renner ist. Am Boden schmeckt die rote Gemüsebrühe viel zu intensiv, im Flugzeug wird sie dagegen zusätzlich mit Salz und Pfeffer gewürzt.

"Das Geschmacksvermögen ist ein ganz anderes", sagt Oz Clarke. Der britische Weinkenner sucht die Bordweine für die skandinavische Fluggesellschaft SAS aus. Dabei greift er gerne auf Weingüter in der neuen Welt zurück. Kräftige Rot- und Weißweine aus Australien, Neuseeland und Südamerika. Diese entfalten ihr Bouquet schneller, ein europäischer Riesling wirkt dagegen eher schwach. Alle großen Airlines verlassen sich auf die Expertise von Weinkennern, die "eine Beziehung zu den Winzern entwickeln", wie Clarke berichtet. Manches Weingut ist durch das Ausschenken in Flugzeugen groß geworden.

Gerade im vorderen Teil der Kabine werden die Gäste der Business und First Class mit edlen Tropfen verwöhnt. Die Airlines versuchen sich mit einer breiten Weinauswahl zu positionieren und die gut zahlenden Geschäftsleute über den Gaumen an sich zu binden. Kleine Fluglinien haben den Vorteil, besondere Jahrgangs-Champagner anzubieten. Air France serviert sogar in der Economy Class auch ein Glas Champagner. Allerdings nur eins. Nachfragen selbst in perfektem Französisch hilft da wenig.

Das beste Essen in der Holzklasse

Wer wissen möchte, welche Fluglinie sich beim Speiseangebot von der Konkurrenz abhebt, dem seien die Sieger der Kategorie "best economy class catering" empfohlen. Aus der weltweiten Befragung zur Qualität internationaler Fluggesellschaften ging in diesem Jahr die koreanische Asiana Airlines als Sieger hervor, gefolgt von Emirates, Qatar Airways, Etihad Airways und Austrian Airlines. Für alle Flüge, sei es auf einer innerdeutschen Kurzstrecke oder auf dem Langstreckenflug nach San Francisco, gilt jedoch ein Rezept: Nie hungrig an Bord eines Flugzeuges gehen. Denn nur mit einem halbwegs gefüllten Magen ist man beim Öffnen der Plastikfolie, mit der die Speisen auf dem Tablett versiegelt sind, vor großen Enttäuschungen sicher.

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