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Von Berlin über München nach Unna

Oliver Kaczmarek sitzt für die SPD im Parlament - und hat während des Bahnstreiks die gleichen Probleme wie alle anderen Arbeitnehmer in Deutschland. Nach Hause gelangt er bloß teuer und umständlich.

Von Andreas Hoffmann

  Oliver Kaczmarek kam dank Bahnstreik bloß über einen verrückten Umweg nach Hause

Oliver Kaczmarek kam dank Bahnstreik bloß über einen verrückten Umweg nach Hause

Wo ist nur die Bordkarte? Oliver Kaczmarek wühlt in seiner Tasche. Er fingert eine Plastikhülle heraus, ein Blatt mit einem Lufthansa-Aufdruck erscheint. Gottseidank. Bloß nicht zurück ins Büro. Kaczmarek sitzt auf der Rückbank einer grauen Daimler-Limousine, Ziel Flughafen Berlin-Tegel. 14.15 Uhr hebt sein Flieger ab. Zuerst München, dann Dortmund und schließlich mit dem Auto nach Kamen.

Kaczmarek gehört zur politischen Elite, sitzt für die SPD im Parlament. Aber an diesem Freitag teilt er das Los vieler Millionen Deutscher.

Wie komme ich nach Hause, wenn die Bahn streikt?

Wer sich im Bundestag umhört, stellt schnell fest: Die meisten Parlamentarier haben kaum Probleme mit dem Streik. Sie weichen auf Flüge aus, steigen aufs Auto um oder bleiben gleich ganz in der Hauptstadt. Nächste Woche ist ohnehin wieder Sitzungswoche, warum also überhaupt zurück?

Keine Zeit für ausfallende Züge

Für Kaczmarek war das keine Wahl. Er will seine Partnerin nicht allein lassen, sie ist in der 34. Woche schwanger. Er steckt auch noch in einem Umzug, streicht am Wochenende Wände, baut Möbel auf. Samstag und Sonntag hat er politische Termine, eine langgediente Verbandsfunktionärin verabschiedet sich aus ihrem Amt, Kränze zum Gedenken an die Judenprogrome am 9. November wollen niedergelegt werden. Ein volles Programm wartet.

Auch auf Carola Stauche. Ein halbes Dutzend Mauerfall-Feiern stehen in ihrem Wahlkreis im thüringischen Saalfeld an. Normalerweise nimmt die CDU-Abgeordnete am Freitag den ICE. Aber heute? Den Fernbus. Gegen Mittag wartet sie am Zentralen Busbahnhof am Funkturm in Berlin-Charlottenburg. Zwei Kollegen aus Thüringen hat sie entdeckt, sie freut sich. Die Fahrt kostet 17 Euro. "Das ist doch supergünstig", sagt sie. Platz ist genug, der Bus ist halbleer; der Unternehmer hat einen Zusatzwagen eingesetzt.

Im Fernbus dem Wahnsinn entgangen

An den Fernbus hat Kaczmarek nicht gedacht, ist ihm nicht eingefallen. Bahn fährt er gern, er kann lesen, Musik hören, schlafen, rumgehen. Im Flugzeug muss er immer seine langen Beine verknoten. Doch jetzt sitzt er gleich zweimal im Flieger. Er hätte natürlich auch Düsseldorf ansteuern können, aber dann mit dem Auto quer durch das Ruhrgebiet? An einem Freitagnachmittag? Letzten Freitag hat er für die 90-Kilometer-Strecke zwei Stunden gebraucht.

Locker rollt der dunkelgraue Daimler über die Berliner Straßen, erst ein, zwei Kilometer vor dem Tegeler Flughafen stauen sich Fahrzeuge. Kurz vor halb zwei Uhr erreicht er das Gate. Kaczmarek reiht sich in die Schlange ein. Er hätte seinen Diplomatenpass zücken können, dann hätten sie ihn durchgewunken. Aber solche Privilegien nutzen, macht sich nicht gut für einen Sozialdemokraten, besonders wenn er sich bei der parlamentarischen Linken engagiert. In der Wartehalle begegnet ihm ein Abgeordneter aus Bayern und lacht über Kaczamareks Umweg via München.

Gegen 15 Uhr trifft der Bus mit Carola Stauche in Jena ein. Sie wechselt in den ICE. Zahlreiche Plätze sind frei, offenbar haben viele die Bahn gemieden. Gegen halb fünf erreicht sie Saalfeld. "Die Rückfahrt war sehr entspannt, ganz anders als gedacht", sagt sie. Auf dem Münchener Flughafen wäre Kaczmarek fast in einen Bayern-München-Fan-Shop gestolpert. Ein Grauen für den bekennenden Schalke-Fan. Bloß weiter. Eine Stunde Warten, eine Stunde Flug, dann erreicht er Dortmund. Seine Partnerin und sein Sohn warten. Heute Abend will er nur noch die Füße hoch legen. Eigentlich. Aber da warten noch ein paar Steckdosen auf ihn, um die er sich kümmern will. Umzug halt.

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