Vollbremsung für den Hauptstadtflughafen. Die Eröffnung muss zum zweiten Mal verschoben werden. Es hapert am Brandschutz. Für die Planer und Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit ist es ein Debakel.

Statt Reisende fahren bislang noch LKW und Bauarbeiter in ihren Fahrzeugen zum Hauptstadtflughafen© Sean Gallup/Getty Images
Dieser Tag war sicher einer der schwersten in Klaus Wowereits Laufbahn als Regierender Bürgermeister von Berlin: Knapp vier Wochen vor der Eröffnung des neuen Flughafens Berlin-Brandenburg (kurz: BER) musste Wowereit der Öffentlichkeit die Nachricht überbringen, dass der Flughafen nicht pünktlich in Betrieb geht. "Es ist eine bittere Erkenntnis", sagte er gestelzt. Sein Brandenburger Kollege, Ministerpräsident Matthias Platzeck, formulierte deutlicher: "Ich bin stocksauer. Was uns gestern Nacht erreicht hat, war mehr als eine böse Überraschung."
Auf einer eilig einberufenen Pressekonferenz unweit des neuen Flughafens in Schönefeld südöstlich von Berlin sollten vor allem die beiden Geschäftsführer des Flughafens, Rainer Schwarz und Manfred Körtgen, Rede und Antwort stehen. Schuld ist laut Körtgen die Entrauchungsanlage im Terminalgebäude, das insgesamt rund 300.000 Quadratmeter Fläche habe. Die Anlage sei die größte ihrer Art, sagte Körtgen. "Sie ist über mehrere Geschosse installiert." Die einzelnen Teile müssten separat und im Gesamtsystem getestet werden. "Diese Testphase zieht sich über einen längeren Zeitraum hin, als zu erwarten war", sagte er.
Sprich: 27 Tage vor der Eröffnung ist der Brandschutz in der Terminalhalle nicht gewährleistet. Die behördlichen Prüfer sind laut Wowereit noch nicht eingeladen worden, um die Anlage zu kontrollieren. Offenbar befürchteten die Bauherren, dass der Flughafen keine Abnahme bekäme, und beschlossen die Verschiebung der Eröffnung.
Die Niederlage, die diese für die beiden SPD-Politiker Wowereit und Platzeck bedeutet, ist schwer zu ermessen. Der Flughafen ist das größte Bauprojekt in der strukturschwachen Region. Auf zahlreichen Plakaten lädt Willy Brandt, nach dem der neue Airport benannt ist, junge Frauen ein, über BER in die Hauptstadt zu fliegen. "Willy Brandt begrüßt die Welt", steht selbstbewusst auf den Leinwänden.
Die beiden Hauptnutzer der Berliner Flughäfen, Airberlin und Lufthansa, wollten den Flugverkehr ab dem 3. Juni massiv ausbauen. Airberlin reagierte denn auch "mit großer Enttäuschung" auf die Verschiebung. Die Airline müsse komplett umplanen, was für alle Beteiligten "gewaltige logistische Probleme" und "erhebliche noch nicht kalkulierbare Mehrkosten" bedeute. Lufthansa "bedauerte" die Verschiebung. Laut der Deutschen Flugsicherung (DFS) hat die Verschiebung weltweit Auswirkungen.
Der Bau des Flughafens war von Anfang an mit Schwierigkeiten behaftet. Nach jahrelangem Streit über den Standort entschieden sich Berlin und nach langem Zögern auch Brandenburg für Schönefeld. Diese Wahl stand wegen der zahlreichen Anwohner des Flughafens von Anfang an stark in der Kritik. Planungs- und Bauarbeiten zogen sich über mittlerweile 16 Jahre hin. Ursprünglich sollte BER bereits im November 2011 den Betrieb aufnehmen. Wegen des Einbaus zusätzlicher Sicherheitsmaßnahmen musste dieser Termin aber aufgehoben werden.
Doch auch der 3. Juni erschien Beobachtern von Anfang an als wackelig. Wowereit griff diese Kritik auf und betonte, die Mitarbeiter hätten "rund um die Uhr geackert", um den Flughafen fertigzustellen. Das hätte ihn immer wieder ermutigt, an den Eröffnungstag zu glauben. "Ich habe mir nicht vorstellen können, dass so etwas passiert", sagte er mehrfach.
Offenbar hatten die Politiker noch versucht, Maßnahmen zur "Baubeschleunigung" zu ergreifen, wie Wowereit sagte, um das nun eingetretene Debakel zu verhindern. Doch am Ende hätten sie "akzeptieren müssen", dass die Situation nicht zu retten war.
Die Geschäftsführer beeilten sich zu sagen, dass die Entscheidung auf die Urlaubsflüge von Berlinern und Brandenburgern keinen Einfluss haben werde. Da die Sommerferien in beiden Bundesländern von Ende Juni bis Anfang August dauern, musste die Eröffnung mehr als zwei Monate verschoben werden. Wowereit versprach, die Zeit für mehr Lärmschutz bei den Betroffenen zu nutzen. Das klang wie ein schwacher Trost.