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Der neue Billigflieger hebt ab

Passagiere müssen sich umstellen und teilweise für jedes Extra zahlen: Ab sofort fliegt die neue Germanwings für Lufthansa auf vielen Europa-Strecken. Schon bald könnte das Kabinenpersonal streiken.

Von Till Bartels

  Neu eingekleidet: Die Flugbegleiter der Germanwings. Die Kosten liegen bei Germanwings pro Passagierkilometer zwischen 20 und 30 Prozent unter denen der Lufthansa.

Neu eingekleidet: Die Flugbegleiter der Germanwings. Die Kosten liegen bei Germanwings pro Passagierkilometer zwischen 20 und 30 Prozent unter denen der Lufthansa.

Die Tochtergesellschaft der Lufthansa, der Billigflieger Germanwings, hat mit dem heutigen Tag einen Großteil aller Europa-Strecken der Lufthansa offiziell übernommen. Für die Passagiere, die nicht über die Drehkreuze Frankfurt und München fliegen, hat sich mit dem heutigen Tag nicht nur das Farbbild geändert, sondern auch das Tarifsystem und der Service an Bord. Jeder, der mit einem günstigen Ticket unterwegs ist, muss für Getränke, Snacks und aufgegebenes Gepäck extra zahlen.

Wer von Hamburg nach Stuttgart oder von Berlin nach Köln fliegt, steigt nicht mehr in Maschinen mit dem vertrauten Kranich am Leitwerk ein, sondern in die weiß lackierten Airbusse von Germanwings mit einem himbeerfarbenen W am Heck, das für Germanwings steht.

Flotte wächst auf 87 Jets

Der komplett runderneuerte Billigflieger der Lufthansa, der bisher Ryanair und Easyjet im Billigflugsegment Paroli geboten hat, ist komplett überarbeitet worden. Die Flotte bekommt Zuwachs und muss vermehrt Geschäftsleute an Bord locken. Denn der neuen Germanwings soll die Quadratur des Kreises gelingen: Durch die Verlagerung der Verkehrsströme von Lufthansa auf einen Billigflieger will die Muttergesellschaft die Kosten langfristig senken. Andererseits sitzen in den Maschinen ganz unterschiedliche Kundengruppen. Das Spektrum reicht vom anspruchsvollen Vielflieger bis zum Schnäppchenjäger.

Für Carsten Spohr, Mitglied des Vorstandes der Lufthansa, bedeutet die neue Germanwings einen "strategischen Schwenk", wie er bei der Präsentation am Flughafen Hamburg erläuterte. An Orten wie Köln, Berlin, Hamburg und Stuttgart will man das Feld nicht anderen Billigfliegern überlassen, sondern weiterhin präsent sein und wieder profitabel werden. Denn im Europageschäft flog Lufthansa in den vergangenen Jahren hohe Verluste ein.

Ab Reihe 11 wird es eng

Bald werden 20 Prozent aller Lufthansa-Passagiere in Maschinen der neuen Germanwings sitzen. 38 bestehende Jets wurden bereits umgerüstet. Bis Ende 2014 werden es 64 Airbusse vom Typ A319 und A320 sein, sowie 23 schmale Regionaljets vom Typ Canadair 900. Damit wäre Germanwings der drittgrößte Billigflieger in Europa.

Die Tarifstruktur wurde von Lufthansa stark vereinfacht. Die Business Class wurde abgeschafft. In den ersten Reihen der reinen Economy-Class-Kabine nehmen die Fluggäste Platz, die zum Best-Tarif (ab 199 Euro oneway) gebucht haben. Dort herrscht mehr Beinfreiheit, freie Getränke- und Snackauswahl, und der Mittelsitz bleibt frei. In der Mitte sitzen die Passagiere des Smart-Tarifs (ab 53 Euro). Sie erhalten eine Snackbox und dürfen auch ein Gepäckstück gratis aufgeben. Damit entspricht der Smart-Tarif am ehesten dem gewohnten Economy-Class-Produkt der Lufthansa. Ab der 11. Reihe wird der Sitzabstand im Airbus A319 schmaler. Hier werden die Billigtouristen des Basic-Tarifs (ab 33 Euro) platziert. Sie müssen für jedes Extra zahlen: Ein Becher Kaffee kostet 2,50 Euro, der Muffin 2,50 Euro und ein halber Liter Mineralwasser 3 Euro. Der beim Check-in spontan aufgegebene Koffer schlägt mit 25 Euro zu Buche.

Auf die Flugbegleiter kommt über den Wolken eine Menge Arbeit zu. Sie verteilen nicht nur die Getränke, sondern sie müssen auch kassieren. In der Praxis hat sich gezeigt, dass die strikte Trennung zwischen den beiden unteren Tarifgruppen in den letzten Wochen noch nicht einwandfrei funktionierte: So kann es passieren, dass zwei Passagiere, die nebeneinander sitzen, teilweise eine kostenlose Snackbox erhalten, der Sitznachbar aber bezahlen muss, weil er im Internet zum Basic-Tarif gebucht hat.

Proteste von Vielfliegern

Die Einführung der neuen Germanwings bleibt nicht nur unter Passagieren umstritten. Zunächst war Vielfliegern, die den Smart-Tarif gebucht hatten, der Lounge-Zutritt verwehrt worden. Nach heftigen Protesten dürfen sogenannte Frequent Traveller (FTL) und Senatoren ohne Zusatzkosten in die Lounge. Nun droht der neuen Germanwings weiteres Ungemach: Mit dem Kabinenpersonal, das bei der Billig-Airline weniger als bei Lufthansa verdient, droht ein Tarifkonflikt. Nach Angaben der Kabinengewerkschaft UFO ist der Manteltarif seit Januar 2012 offen. Gefordert werden Zulagen und Verbesserungen. Unter den Flugbegleitern wurde eine Urabstimmung eingeleitet, deren Ergebnis am Freitag verkündet wird.

Streik ist für UFO das letzte Mittel, "nötigenfalls werden wir diesen Schritt aber nicht scheuen", sagt Nicoley Baublies von der Gewerkschaft. Noch besteht eine Einigungsmöglichkeit. Wie stern.de erfuhr, gibt es bis Freitag noch zwei Verhandlungstermine zwischen Airline- und Gewerkschaftsvertretern, die einen Streik mitten in der Urlaubszeit und damit einen Fehlstart der neuen Germanwings verhindern können.

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