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Piloten warnen vor zu großer Eile

Offiziell gilt das Flugverbot bis mindestens 20 Uhr, tatsächlich aber sind schon wieder Hunderte Flugzeuge im deutschen Luftraum. Pilotenverbände sehen das äußerst kritisch.

Die allmähliche Wiederaufnahme des Flugverkehrs stößt bei den Piloten auf Widerstand. Der Internationale Pilotenverband erklärte, die Entscheidung über einen Flug müsse letztlich den jeweiligen Piloten überlassen werden und dürfe nicht auf wirtschaftlichen Druck erfolgen. Verbindungen sollten zunächst nur zwischen Flughäfen freigegeben werden, deren Luftraum vollständig aschefrei ist, forderte der Verband am Dienstag.

Ähnlich hatte sich auch die Pilotengewerkschaft Cockpit geäußert. "Nach unserer Einschätzung ist nicht mit Sicherheit ausgeschlossen, dass es zu Vorfällen kommen kann", sagte Cockpit-Sprecher Jörg Handwerg in der ARD-Sendung "Beckmann" am Montagabend. Die Piloten fühlten sich unter Druck gesetzt, "weil sie sich ihrem Arbeitgeber gegenüber verpflichtet fühlen". Beim Thema Flugverbot sei Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) unter dem Druck der Fluggesellschaften eingeknickt: "Das muss man so sehen. Gestern haben wir noch ganz andere Töne gehört, man lasse sich nicht von den wirtschaftlichen Überlegungen der Airlines hertreiben", sagte Handwerg.

Kurz vor einem ersten Messflug des Zentrums für Luft- und Raumfahrt, der die seit Tagen erwartete Daten bringen solle, heiße es plötzlich: "Dann fliegt halt nach Sicht". Das bedeute, man "fliege mal los", weil ein paar Testflüge gut gegangen seien. Das ganze laufe nach dem Motto: "Es wird schon gut gehen", kritisierte Handwerg. Das juristische Risiko sei jetzt auf die Piloten verlagert worden, fügte der Gewerkschaftssprecher hinzu. "Wenn etwas passiert, wird jeder sagen: 'Das war alles genehmigt, das war abgestimmt, uns kann man nichts vorwerfen'." Dann habe eben der Pilot den Fehler gemacht, "der hätte ja nicht durch die Wolke fliegen dürfen". Außerdem fehle die wissenschaftliche Grundlage für eine Wiederaufnahme der Flüge: "Wir wissen, dass Asche gefährlich werden kann fürs Flugzeug. Wir haben aber bisher keine Daten eingeholt, wie hoch die Asche überhaupt über uns schwebt. Wir wissen nicht, wie dicht die Asche ist, und wir wissen auch nicht, wie die Asche in der vorhandenen Dichte sich bisher auf die Triebwerke auswirkt", kritisierte Handwerg im MDR.

Ramsauer verteidigt sich gegen Kritik

Verkehrsminister Ramsauer wies die Kritik der Pilotengewerkschaft zurück. Aus Pilotenkreisen höre er seit Tagen nichts anderes als den Wunsch, den Flugverkehr wieder zu normalisieren. "Das ist das krasse Gegenteil von dem, was die Pilotenvereinigung Cockpit seit gestern offiziell vertritt", sagte Ramsauer im ZDF-"Morgenmagazin". Auch deshalb habe Deutschland eine "konstruktive Schrittmacherfunktion" in Europa übernommen.

Die Deutsche Flugsicherung (DFS) betonte hingegen die Verantwortung der Piloten bei den derzeitigen Flügen. Es werde teilweise nach Sicht geflogen. "Von den Verfahren her ist das absolut sicher, was die Aschewolke angeht, können wir das nicht sagen - das muss der Pilot selbst entscheiden", erklärte ein Sprecher.

Trotz der Bedenken der Verbände und der offiziellen Sperre des Luftraums bis mindestens 20 Uhr werden an diesem Dienstag deutlich mehr Flugzeuge in Deutschland starten und landen. Der Betrieb auf den deutschen Flughäfen nimmt seit Dienstagmorgen erheblich zu. Die DFS hatte am Montagabend zwar die Sperrung des Luftraums wegen der Aschewolke aus Island verlängert, unter bestimmten Bedingungen aber Flüge erlaubt. Airlines wie Lufthansa und Air Berlin schickten daraufhin ihre Maschinen vor allem nach Übersee oder in Feriengebiete, um deutsche Touristen zurückzufliegen. Die Deutsche Lufthansa will auch am Dienstag vor allem Interkontinentalverbindungen fliegen und 15.000 gestrandete Passagiere nach Deutschland zurückbringen. Air Berlin nahm trotz der weiter geltenden Beschränkungen sogar das normale Flugprogramm auf.

75 Prozent des europäischen Luftraums geöffnet

Freuen dürfte die Fluggesellschaften auch, dass sich der Himmel rund um Deutschland wieder öffnet. Nach Angaben der europäischen Luftsicherheitsbehörde Eurocontrol in Brüssel ist der Luftraum über 75 Prozent des europäischen Festlandes wieder geöffnet. In der Folge würden am Dienstag 55 bis 60 Prozent der Flüge wieder genehmigt. Bis 10 Uhr seien schon 10.000 von 27.500 planmäßigen Flügen angesetzt oder bereits in der Luft. "Schritt für Schritt wird der normale Flugbetrieb wieder aufgenommen." Selbst ein weiterer Vulkanausbruch würde derzeit nicht die verheerenden Folgen wie in den vergangenen fünf Tagen haben, weil sich die Wetterbedingungen geändert hätten, erklärte die Behörde.

Wie schnell der Flugverkehr in Deutschland wieder vollständig aufgenommen wird, sollen vor allem Satellitenbilder und Daten aus der Aschewolke sein. Zu diesem Zweck war in Deutschland am Montagabend ein Forschungsflugzeug in die Luft gestiegen. In Oberpfaffenhofen bei München startete der Flieger zu einem knapp vierstündigen Rundflug, um die Dichte der Ascheteilchen in der Luft und ihre Größe zu messen. Mittlerweile ist das Flugzeug wieder gelandet, allerdings wird die Auswertung der Daten noch einige Stunden dauern. Klar ist bislang nur, dass die Forscher tatsächlich Asche in der Luft festgestellt haben, allerdings regional in sehr unterschiedlichen Konzentrationen.

Was macht der Vulkan?

Widersprüchliche Angaben gibt es derzeit über den Vulkanausbruch auf Island: Während die Experten auf der Atlantikinsel von einer "optimalen" Entwicklung mit wenig neuer Asche in der Luft sprechen, hat das Meteorologische Institut in London gemeldet, dass "die Eruption sich verstärkt hat und sich eine neue Aschewolke in südöstlicher Richtung auf Großbritannien zubewegt".

   Ein Sprecher des Meteorologischen Institutes in Reykjavik sagte dazu: "Unsere Messinstrumente haben keine verstärkten Eruptionen angezeigt." Es sei eindeutig, dass der Vulkan unter dem Eyjafjallajökull viel weniger Asche und stattdessen Lava ausstoße. Außerdem gelange die Wolke über dem Krater nur noch in geringe Höhen.

CDU-Wirtschaftspolitiker kritisiert Ramsauer

Unterdessen haben die Milliardenschäden durch die Flugausfälle die deutsche Wirtschaft alarmiert. Bundesregierung und Industrie haben eine Arbeitsgruppe eingesetzt. In der Politik wurden erste Diskussionen über staatliche Hilfen für Airlines laut. Die Fluglinien selbst hatten sich in den vergangenen Tagen vermehrt darüber beschwert, dass das Flugverbot nur aufgrund von Computeranalysen ausgesprochen worden sei.

In die Schusslinie geriet dabei vor allem Verkehrsminister Peter Ramsauer. Kritik erntete der CSU-Politiker auch aus der eigenen Bundestagsfraktion. Der CDU-Obmann im Wirtschaftsausschuss, Andreas Lämmel, sagte der "Bild"-Zeitung: "Verkehrsminister Ramsauer muss sich fragen lassen, wie die unterschiedlichen Bewertungen zu erklären sind. Es darf nicht sein, dass wir uns angesichts der immensen wirtschaftlichen Schäden vor allem im Tourismus allein auf Messungen berufen, die höchst umstritten sind."

DPA/AP/AP/DPA

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