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Sichtflug - was ist das überhaupt?

Noch ist der Luftraum über Deutschland offiziell bis 20 Uhr gesperrt. Gestattet sind lediglich Sichtflüge - ein bewährtes Verfahren, das aus der Sportfliegerei bekannt ist.

Von Till Bartels

Aufatmen unter den Passagieren. Lufthansa und Air Berlin haben den Flugbetrieb in kleinem Rahmen wieder aufgenommen. Das ist völlig legal möglich. Der Grund: Die großen Verkehrsmaschinen fliegen nicht wie sonst üblich nach den Anweisungen der Fluglotsen, sondern zunächst in niedriger Höhe auf Sicht. Die Piloten sind dabei wie im Straßenverkehr nach dem Prinzip "Sehen und Gesehen werden" unterwegs. Das Sichtflugverfahren wird in der Privat- und Sportfliegerei angewandt.

Grundprinzip des Sichtfluges ist es, dass der Pilot im Cockpit genügend Sicht nach draußen hat - Flüge in Wolken sind verboten. Auch nachts sind Sichtflüge möglich. Die Piloten müssen dafür spezielle Fähigkeiten nachweisen und bestimmte Navigationsgeräte an Bord haben. Unabhängig von Lotsenanweisungen ist der Pilot für die Sicherheit von Maschine und Passagiere selbst zuständig. Er muss Mindestabstände zu anderen Flugzeugen und Wolken einhalten, kann sich aber auf Funkfeuer oder Satelliten-Navigationsinstrumente stützen.

Die Pilotenvereinigung Cockpit hatte am Montag Sicherheitsbedenken gegen die weitgehende Freigabe von Sichtflügen geäußert. "Nach unserer Einschätzung ist nicht mit Sicherheit ausgeschlossen, dass es zu Vorfällen kommen kann", sagte Cockpit-Sprecher Jörg Handwerg in der ARD-Sendung "Beckmann". Handwerg warf Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) vor, unter dem Druck der Fluggesellschaften eingeknickt zu sein. "Kurz vor einem Messflug, der endlich die Daten liefert, auf die wir alle seit Tagen warten, heißt es plötzlich: Dann fliegt halt nach Sicht. Das heißt, wir fliegen mal los, weil ein paar Flüge gut gegangen sind, und, na ja, es wird schon gut gehen", kritisierte der Cockpit-Sprecher.

Wie einst im Flugkorridor nach West-Berlin

Im Sichtflug (englische Bezeichnung: visual flight rules ) können wesentlich weniger Flugzeuge gleichzeitig unterwegs sein als unter Kontrolle der Flugsicherung, die sie staffelt. Vor der Wiedervereinigung flogen jahrzehntelang Jets in Luftkorridoren nach West-Berlin ebenfalls auf Sicht in einer Höhe von 3000 Metern - diese Höhe war noch zur Zeit der Propellerflugzeuge festgelegt worden.

Airlines müssen beim Transport von Menschen mit Flugzeugen von mehr als 14 Tonnen Gewicht eine Genehmigung für Sichtflüge beim Luftfahrtbundesamt beantragen. Nach dem Start kann der Pilot dann eigenhändig entscheiden, ob er - etwa wegen Wolken - seinen Kurs ändert oder nicht. Ab 3000 Metern Höhe beginnt dann der sogenannte kontrollierte Sichtflug, bei dem die Fluglotsen zusätzlich auf den Abstand der Maschinen achten und die Positionen durchgeben.

Eine große Rolle spielt bei Sichtflügen das Wetter: Der Mindestabstand zur Untergrenze einer Wolke beträgt 330 Meter. Piloten dürfen nach dem Start nicht durch die Wolkendecke stoßen, sondern müssen auf Sicht so lange fliegen, bis sich entweder die Wolkendecke aufgelöst hat oder sie ein Gebiet erreichen, in dem der Instrumentenflug wieder erlaubt ist.

Verantwortung liegt bei den Piloten

Die in Deutschland nach Sichtflugregeln startenden und landenden Flugzeuge durchfliegen nach Angaben der Deutschen Flugsicherung auch Luftschichten mit Asche darin. Der Unterschied zu dem sonst üblichen Verfahren liege im Wesentlichen nur in der Verantwortung, die dann nicht bei der Flugsicherung liege, sagte Flugsicherungssprecher Axel Raab. Er widersprach damit Berichten, wonach die Piloten unter der Aschewolke hindurch fliegen. Am Dienstag erwartete die Flugsicherung rund 700 bis 800 Flüge statt der sonst üblichen 10.000.

Die Piloten würden auf eigene Verantwortung starten und nach etwa zehn Minuten eine Höhe von rund 6000 Metern erreichen, sagte Raab. Dabei würden sie auch durch diejenigen Luftschichten fliegen, die der Flugsicherung als "kontaminiert" gemeldet seien. Da die Aschewolken unterhalb von etwa 6000 Metern lägen, beginne darüber der ganz normale Flug, der auch im deutschen Luftraum wieder von den Lotsen gesteuert werde. Auch beim Landeanflug würden die Maschinen etwa zehn Minuten brauchen, um von 6000 Metern Höhe im Sichtflug bis zum Boden zu gelangen.

Der Unterschied zu der sonst üblichen Steuerung der Flüge durch Lotsen liege in der Verantwortung im unteren Luftraum. "Diese Verantwortung können wir nicht übernehmen", sagte Raab. Nach Einschätzung von Raab können die Piloten die Vulkanasche auch nicht umfliegen. "Die Aschewolke ist nicht sichtbar." Auch während des Sichtfluges erhielten die Piloten aber Unterstützung durch die Lotsen. "Die Fluglotsen lassen die Maschinen nicht ins offene Messer fliegen."

Raumsauer weist Kritik der Vereinigung Cockpit zurück

Bisher haben zehn Fluggesellschaften einen Antrag auf kontrollierte Sichtflüge gestellt, die von Radarlotsen unterstützt werden, sagte Verkehrsminister Ramsauer. Am Wochenende habe man für solche Genehmigungen noch keine hinreichende Datenbasis gehabt, Interkontinentalflüge könnten starten, wenn es 100 Prozent sichere Wetterprognosen gebe.

Der Minister verteidigte am Dienstag die weitgehende Freigabe von Sichtflügen. Er handele verantwortlich und "nicht hau-ruck-mäßig". Mit den eingeschränkten kontrollierten Flügen habe Deutschland eine "konstruktive Schrittmacherfunktion" in Europa übernommen. Zu der Kritik der Pilotenvereinigung Cockpit sagte Ramsauer, von den Piloten höre er seit drei Tagen nichts anderes als: "Macht doch bitte alles, dass wir wieder fliegen können." Er betonte zudem, er habe sich "überhaupt keinem Druck gebeugt."

Von Till Bartels, mit Agenturen
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