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Schluss mit Schweröl: Wenn Kreuzfahrtschiffe keine Dreckschleudern mehr sind

Noch fahren Kreuzfahrtschiffe mit schädlichem Schweröl und Marinediesel. Luxusliner mit Flüssigerdgas versprechen 90 Prozent weniger Emissionen. Das erste saubere Kreuzfahrtschiff wird am 6. September auf Kiel gelegt.

Aida Nova

Kreuzt ab Dezember 2018 ab den Kanaren: Die "Aida Nova" wird das weltweit erste Kreuzfahrtschiff sein, dass von Flüssigerdgas angetrieben sein wird.

Die meisten Schiffsnamen in der Aida-Flotte enden mit dem Buchstaben A: Auf die "Prima" und "Perla", den beiden jüngsten und größten Schiffe, folgt Ende 2018 die "Aida Nova". Ein weiterer Neubau, wie der Name schon verrät? Nein, mitnichten. Denn die Bezeichnung ist mit "Nova" eher untertrieben.

Das nächste -Schiff, für das bereits im Februar 2017 bei der Meyer Werft im niedersächsischen Papenburg der Stahlschnitt erfolgte, toppt alle bisherigen Schwesternschiffe nicht nur an Größe. Mit einer Bruttoraumzahl von 183.900 BRZ übertrifft die "Nova" die erst 2013 in Dienst gestellte "Aida Stella" um das Anderthalbfache und begründet die neue "Helios"-Klasse.


Wer nun glaubt, dass der Luxusliner mit 2500 Kabinen und Platz für 6000 Passagiere aufgrund der Klassen-Bezeichnung von Sonnenkraft angetrieben wird, der liegt falsch - wenn auch nicht ganz. Denn die "Nova" wird das erste Kreuzfahrtschiff weltweit sein, das von Flüssigerdgas angetrieben wird. Damit gelingt der wegen ihrer Dreckschleudern in Verruf geratenen Branche endlich der Quantensprung zum Green Cuising, zu umweltverträglicheren Kreuzfahrten.

Technologisches Know-how aus Rostock

Im Gegensatz zu und Diesel können durch den Einsatz von Liquefied Natural Gas (LNG) die Emissionen von Stickoxiden bis zu 80 Prozent und der CO2-Ausstoß um weitere 20 Prozent reduziert werden.

Laut Hansjörg Kunze von Aida Crusies wird durch den Antrieb mit Flüssigerdgas auch während der Fahrt auf See "technologisches Neuland" betreten. Bisher wurden mit der Energieversorgung durch LNG nur während der Liegezeiten in den Häfen mit der "Prima" und "Perla" erste Erfahrungen gesammelt.

Derzeit entsteht auf der Neptun-Werft in Rostock das Herzstück des Neubaus: die Motoren und die Flüssigkeitstanks: Zwei der riesigen Tankkolosse wirken mit seiner Länge von jeweils 35 Metern und einem Durchmesser von 8,25 Metern aufgeblasene Eisenbahnwaggon, die später mit den vier anderen Motorenkomponenten per Schlepper über die Ost- und Nordsee nach Papenburg transportiert wird, wo am 6. September das revolutionäre Schiff im Baudock II der Meyer Werft auf Kiel gelegt wird.

Der Vorrat in den insgesamt drei LNG-Gastanks, die erstmals in einem Kreuzfahrtschiff eingebaut werden, reicht für einen 14-tägigen Törn. Zusätzlich wird für die von Caterpillar ebenfalls in Rostock gebauten Motoren auch Diesel gebunkert. Denn die "Motoren werden mit Diesel angefahren", erklärt Kunze. "Erst bei 25 Prozent der erreichten Leistung kann auf 100-prozentigen Gasbetrieb umgestellt werden".

Im August 2018 soll der 337 Meter lange und 42 Meter breite Rohbau die Werfthalle in Emsland verlassen und ab Dezember 2018 zu einwöchigen Kreuzfahrten ab Teneriffa und Gran Canaria ablegen - zu "sauberen" Kreuzfahrten, die dank LNG "nahezu vollständig emissionsfrei" sind, so steht es Prospekt.

E-Ferry-Boom im Norden

Was in der Kreuzfahrtindustrie noch nach Zukunftsmusik klingt, wird auf kürzeren Strecken schon praktiziert. Im Fährbetrieb wurden erste Antriebs-Innovationen zuerst umgesetzt. Die Skandinavier haben klar die Nase vorn. Seit Mai 2015 pendelt die "Ampere" der Reederei Nordled auf der sechs Kilometer lange Route im norwegischen Sognefjord zwischen Lavik und Oppedal. Dabei handelt es sich um die weltweit erste Elektrofähre im Liniendienst, deren Antriebstechnik von Siemens mitentwickelt wurde.

Ampere

Verkehrt im 20-Minuten-Takt im Sognefjord: Die weltweit erste Elektrofähre "Ampere".


Bis zu 30 Mal pro Tag pendelt das 80 Meter lange Schiff in Leichtbauweise mit seinem Aluminiumrumpf zwischen beiden Orten und transportiert jeweils 120 Fahrzeuge plus deren Insassen. Bei den zehnminütigen Stopps und nachts werden die Akkus aufgeladen - mit übrigens, der aus regenerativer Wasserkraft gewonnen wird. Nach Angaben des Fährunternehmens konnten in dem inzwischen zweijährigen Betrieb die Energiekosten um 60 Prozent gesenkt werden.

In Norwegen besteht ein hohes Potential für 50 weitere Strecken, auf den E-Ferries betrieben werden können. Die norwegische Havyard Group hat bereits für fünf weitere Verbindungen mit neuen Elektro-Fähren Aufträge erteilt. Ebenfalls auf LNG setzt die Reederei Tallink Silja, die seit Anfang des Jahres mit der "Megastar" zwischen Tallin in Estland und Helsinki verkehrt. Das 212 Meter lange Fährschiff wurde auf der Meier Werft im finnischen Turku gebaut.

Auf der für deutsche Urlauber wichtigen Verbindung zwischen Rostock und dem schwedischen Gedser sind inzwischen Hybridfähren die Regel. Die "Copenhagen" und "Berlin" von Scandlines sind solche modernen Schiffe: Die Dieselgeneratoren fahren konstant von 90 Prozent Belastung. Bewegt sich die Fähre im niedrigeren Lastbereich, wie beispielsweise im Hafen, wird überschüssige Energie in einem Batteriesystem für die Elektromotoren gespeichert.

Nachhaltiger Antrieb von Expeditionsschiffen

Ab Sommer 2018 wird die "MS Roald Amundsen" der Reederei Hurtigruten in See stechen. Dieser Typ eines neuen Expeditionsschiff entsteht zurzeit auf der Kleven Werft in Norwegen. Es wird das erste Expeditionsschiff weltweit sein, das mit Hybrid-Technologie ausgestattet wird. Das 140 Meter lange Schiff mit dem markanten senkrechten Bug, dunklem Rumpf und weißen Aufbauten ist das erste von zwei Neubauten, die mit Diesel- und Elektromotoren angetrieben werden.

Roald Amundsen

Kreuzt ab Sommer 2018 in den Gewässern der Polarregionen: Das Hybrid-Expeditionsschiff "Roald Amundsen" wurde von dem norwegischen Schiffsdesigners Espen Øino entworfen.


Diese Schiffe sind speziell für sensible Fahrtgebiete in der Arktis und Antarktis geeignet, weil sie bis zu einer halben Stunde ausschließlich elektrisch und damit fast lautlos fahren können. Die Reederei verspricht sich neben der Treibstoffersparnis eine Reduktion der CO2-Emissionen bis zu 20 Prozent - macht 3000 Tonnen pro Jahr.

Auf den ersten Reisen wird die "MS Roald Amundsen" bis zu 530 Gäste durch die chilenischen Fjorde Feuerlands, zu den Falklandinseln und in die Antarktis führen. Ein Jahr später folgt das Schwesternschiff, die ebenfalls mit Hybrid-Technologie ausgestattete "MS Fridtjof Nansen".

Bei einem Teil der modernen Kreuzfahrtschiffe, wie zum Beispiel bei den Neubauten von Tui Cruises, sind Scrubber im Einsatz. Diese filtern vor allem den Schwefelanteil aus den Abgasen, bevor diese durch den Schornstein in dem Himmel gepustet werden. Doch "Scubber sind nur eine Übergangslösung", sagte Monika Griefahn, die Direktorin für Umwelt und Nachhaltigkeit Aida Cruises, auf dem 6. Kreuzfahrtkongress im vergangenen Jahr in Hamburg.

Weitere Reedereien setzten auf LNG

Zukünftig werden die Kreuzfahrtschiffe mit Flüssigerdgas angetrieben werden. Neben der "Aida Nova" haben weitere Reedereien Neubauten mit LNG-Antrieb geplant. Die Auftragsbücher bei den Meyer Werften in Papenburg und Turku in Finnland sind mit sieben Schiffe für Costa Kreuzfahrten, P&O Cruises und Carnival Cruises bereits prall gefüllt. Alle Reedereien gehören ebenso wie Aida Cruises zum Carnival Corporation, dem größten Kreuzfahrtunternehmen der Welt. Auch die drei nächsten Schiffe von Disney Cruise, die bei der Meyer Werft entstehen, werden mit LNG fahren.

Die in Privatbesitz befindliche MSC Cruises sehen die Zukunft ebenfalls im LNG-Antrieb. Deren bei der STX-Werft in der Bretagne bestellten World-Class-Schiffe werden eine neue Generation von LNG-Antrieben erhalten. Die Neubauten sollen 2022 und 2024 ausgeliefert werden und sind mit je 6850 Passagieren an Bord die Schiffe mit der größten Kapazität überhaupt.

World-Class-Kategorie MSC

So soll das größte Passagierschiff der Welt aussehen: Das erste Luxusliner der World-Class-Kategorie wird von LNG angetrieben und soll von der STX-Werft 2022 an MSC Cruises abgeliefert werden.


Die Cruise Line International Associatione (Clia), die Lobby der Kreuzfahrtbranche, fordert schon seit langem Landstrom-Anschlüsse und eine besser Verfügbarkeit von LNG in den Häfen. "Es muss sichergestellt werden, dass Schiffe in den Häfen, die sie anfahren, mit LNG betankt werden können", sagt Helge Grammerstorf, National Director von CLIA Deutschland. "Für den nächsten Schritt brauchen wir daher die Unterstützung der Häfen." Bislang würden in fast allen Häfen Landstromanschlüsse fehlen, über die Schiffe während ihrer Liegezeit im Hafen mit Strom versorgt werden und dadurch ihre Motoren abstellen können.

Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu), der mit seinem jährlichen Kreuzfahrtschiff-Ranking und der Kampagne "Mir stinkt's! Kreuzfahrtschiffe sauber machen!" auf das Thema aufmerksam macht, begrüßt den Trend zu LNG-Schiffen. "Das ist auf jeden Fall ein sehr erfreulicher Schritt nach vorn", sagte der Nabu-Verkehrsexperte Daniel Rieger.

Doch jeder, der an Bord eines Kreuzfahrtschiffes der neusten Generation geht, sollte nicht vergessen: Auch bei Erdgas handelt es sich um einen fossilen Brennstoff und eine nicht erneuerbare Energie. 


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