Der Traumjob ist aus

5. September 2012, 10:10 Uhr

Über den Wolken könnte die Freiheit grenzenlos sein - wenn die Flugbegleiter der Lufthansa nicht gerade streiken. Für viele ist der Traum- zum Knochenjob geworden. Dagegen setzen sie sich zur Wehr. Von Manuela Pfohl und Verena Kuhlmann

29 Bewertungen
Flugbegleiter, Streik, Stewardess, Steward, Traumberuf, Gewerkschaft

Der einstige Traumberuf hat Schattenseiten©

Viel Zeit bleibt Marco Stein* nicht. Tasche packen, Uniform rein, Wechselklamotten, nebenbei Nachrichten hören. Die Freundin zum Abschied küssen. Dann nach Frankfurt. Über einen Bildschirm am Flughafen läuft die Info: Streik bei der Lufthansa. Bereits rund die Hälfte aller geplanten Kurz- und Mittelstreckenflüge sei gestrichen. Marco Stein ahnt, was die nächsten Stunden bringen werden. Er ist Flugbegleiter. 34 Jahre alt. Seit elf Jahren im Job.

Weil die Arbeitsbedingungen der Flugbegleiter immer miserabler und die Bereitschaft der Lufthansa zur Besserung der Situation nicht erkennbar sei, hatte die Flugarbeitergewerkschaft "Ufo" erklärt, ein Streik sei unumgänglich. Stein kann das nachvollziehen. Von seinem Traumjob ist längst nur noch der Job geblieben. "Ein Kellner in der Luft", sagt er. "Mehr nicht." Und: Es wird immer schlimmer. Von den Kollegen hat er gehört, dass demnächst Leiharbeiter auf den Flügen eingesetzt werden sollen. Der Kostendruck bei den Fluggesellschaften steigt permanent. Es muss immer alles billiger werden. Die Flüge, das Personal, die Ausstattung. Wie viel Qualität bleibt da noch für die Freiheit über den Wolken? "Wir geben unser Bestes", sagt Stein. "Aber das ist nicht immer leicht, wenn man übermüdet ist, weil ein Flug den anderen jagt und der eigene Biorythmus dem dichten Dienstplan nicht mehr folgen kann."

In Frankfurt, Berlin und München wird gestreikt

Die Flugbegleitergewerkschaft Ufo hat 13 Monate lang mit der Lufthansa verhandelt. Nach drei Jahren Nullrunden verlangen die Gewerkschafter neben einem fünf Prozent höheren Entgelt unter anderem das Ende der Leiharbeit und Schutz gegen die Auslagerung von Jobs. Lufthansa plant hingegen mittelfristige Einsparungen bei den Personalkosten und will dafür unter anderem die Beförderungsstufen strecken.

Für Ufo inakzeptabel. Also kam der Entschluss zum Streik. In den Abfertigungshallen am Frankfurter Flughafen ist die Reaktion darauf spür- und sichtbar. An den Umbuchungsschaltern im Frankfurter Terminal 1 sind lange Schlangen. VielePassagiere schauten ratlos auf die Anzeigetafeln. Dort finden sich Ausfälle von Flügen innerhalb Deutschlands und in ganz Europa. Unter anderem sind die Ziele London, Madrid, Zürich und Berlin-Tegel betroffen.

Der Flughafenbetreiber Fraport spricht von 190 Flügen. Auch etwa jeder dritte Langstreckenflug ist gestrichen, berichtet Lufthansa-Sprecher Boris Ogursky. Geplant waren in der Streikzeit am Dienstag 370 An- und Abflüge der Lufthansa am Frankfurter Airport. Doch schon vor dem Beginn des Streiks um 6.00 Uhr hatte die Airline die ersten Flüge vom Programm nehmen müssen. In Berlin sieht es nicht besser aus. Und seit 13 Uhr wird auch in München gestreikt.

Bei zehn Minuten Verspätung ist der Tag gelaufen

Marco Stein arbeitet nicht bei der Lufthansa. "Bei uns läuft es noch ganz gut", meint er. Das Management funktioniere. Gott sei Dank. Von der Lufthansa hingegen könne man das nicht behaupten, sagt Ufo. In einem Brief an die "Lieben Passagiere", versucht die Gewerkschaft zu erklären, warum von dem lang ersehnten Urlaubstrip womöglich nur stundenlanges banges Warten am Flughafen und schließlich die große Enttäuschung bleibt. Den Stress, den die "geschätzten Passagiere" jetzt hätten, könne man sich sehr gut vorstellen, heißt es in dem Brief. Aber: "Die Führung der Fluggesellschaft will nach Fehlinvestitionen im dreistelligen Millionenbereich mit einem enormen Sparpaket zum großen Schlag gegen das Lufthansa-Personal ausholen, zuerst trifft es derzeit das Kabinenpersonal, weil dort die ersten Tarifverhandlungen anstehen." und: "Als Folge des sogenannten Angebots würde der Beruf des Flugbegleiters zum Billig-Job verkommen, da sich niemand von uns mehr ein langjähriges Verbleiben in der Kabine leisten könnte."

Marco Steins Briefing für den aktuellen Flug wird in anderthalb Stunden sein. Dann werden die Basics besprochen: Route, Wetter, Service. Anschließend rein in den Flieger. Arbeitsposition einnehmen und den Flug vorbereiten. Auf die Passagiere warten. "Und hoffen, dass alle Koffer da sind und alle rechtzeitig einchecken." Stein kennt die Szenarien, die eintreten, wenn auch nur zehn Minuten Verspätung entstehen. "Dann ist der ganze Tag gelaufen, die nächsten Verspätungen sind programmiert und wir als Flugbegleiter müssen den Ärger der Passagiere abfedern."

Trotz allem ein Traumjob

Für Louise Jensen ist die Arbeit als Flugbegleiterin – trotz aller Veränderungen und der derzeitig ungünstigen Lage – immer noch ein absoluter Traumjob. Fremde Länder zu bereisen, sie in den 24 Stunden Ruhepause auch zu Gesicht zu bekommen und dadurch immer wieder Neues zu sehen, machen für sie den Reiz aus. "Klar, man muss sehr leidensfähig sein und kommt am ehesten mit viel Engagement weiter. Aber wenn ich mit meiner Crew in der Uniform über den Flughafen laufe oder der Flieger startet, bekomme ich heute, nach 16 Jahren, immer noch eine Gänsehaut."

Die 36-Jährige ist Kabinenchefin für Kurz- und Mittelstrecken bei Lufthansa. Mit 20 hat sie als Flugbegleiterin angefangen, seitdem kann sie sich ein Leben ohne das Fliegen nicht mehr vorstellen. Es gibt natürlich Aspekte, mit denen man klar kommen muss, mit denen man lernen muss, zu leben "In den letzten 16 Jahren habe ich zum Beispiel nur zwei Weihnachten zuhause verbracht, an solchen Tagen Urlaub zu bekommen ist mehr als schwierig. Man braucht einen verständnisvollen Partner und Freunde, die akzeptieren, dass das Privatleben um die Flugzeiten geplant werden muss", erzählt sie. Dass viele den Beruf nach zwei Jahren wieder aufgeben, weil der Stress zu groß ist, das Geld als Einsteiger ohne Zweitjob einfach nicht reicht, um sich das Leben in der Stadt zu finanzieren oder man an seine gesundheitlichen Grenzen stößt, kann sie gut verstehen. "Der ständige Klimawechsel führt dazu, dass man häufiger krank wird. Dazu der Jetlag, der Stress, die Anstrengung – das ist nicht für jeden etwas."

Den derzeitigen Streik findet sie nur verständlich – die Arbeitsbedingungen sind verbesserungswürdig, der Einsatz von Leiharbeitern verunsichert das Personal und nach drei Nullrunden wäre eine Gehaltserhöhung angebracht. Für Louise Jensen ist klar: "Gute Bedingungen sind unbedingt notwendig, damit die Kunden von Lufthansa am Ende ihres Fluges zufrieden sind, weil wir einen guten Job gemacht haben."

*Name von der Redaktion geändert

Lesen Sie auch
Reise
Ratgeber
Ratgeber Urlaub: Planen, buchen, Koffer packen Ratgeber Urlaub Planen, buchen, Koffer packen
Ratgeber Hotels: Hotels suchen und finden Ratgeber Hotels Hotels suchen und finden
Reiseratgeber Australien: Up and Down under Reiseratgeber Australien Up and Down under
Ratgeber Trauminseln: Sonne, Strand und Palmen Ratgeber Trauminseln Sonne, Strand und Palmen