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Syrakus - das sizilianische Saint-Tropez

Syrakus an der Ostküste Siziliens lebt von seiner Schönheit und seiner Geschichte, die Spuren der Vergangenheit sind allgegenwärtig. Dass so wenige Reisende von der Stadt wissen, ist schade – oder vielleicht auch nicht?

Syrakus liegt an der südöstlichen Küste Siziliens im Mündungsgebiet der Flüsse Anapo und Ciane.

Syrakus liegt an der südöstlichen Küste Siziliens im Mündungsgebiet der Flüsse Anapo und Ciane.

Der schönste Juwelierladen der Welt? Es ist nicht Cartier, nicht Tiffany und auch nicht Bulgari – es ist der Fischmarkt in Syrakus. Es glitzert da und gleißt, es schimmert, schillert und changiert, als wären Fische einzig geschaffen zu brillieren und nicht zunächst zu schmecken. Es funkeln die Rotbarben rosenquarztürkis, es opalisieren die Tintenfische, es blitzen die Beißer der Zahnbrassen. Silbrige Sardinen, bizarre Felsenfischchen, Dicklippige Meeräschen und schnittige Wolfsbarsche – ihre Schuppen sind wie Prismen.

"Wir können gleich hier essen", schlägt Corrado Celebre vor, ein Stuttgarter Syrakuser. Als einziger Spross einer Familie, die über Generationen "beim Daimler" schaffte, kehrte er nicht nach zurück, sondern blieb in Stuttgart. Dort lehrt er die Kunst, Kaffee zu rösten, zu mahlen und zu brühen – den "Caffè" jenseits der Filtertüte.

Doch so schön das Ländle ist, alljährlich reist er zur Familie, wo der Großvater den kleinen Konrad – so heißt Corrado auf Deutsch – einst durch die antiken zog, mal ins griechische Theater, mal in den römischen Zirkus. Corrado sagt, alles, was der Großvater erzählte und früher so dramatisch schilderte, könne der Reisende auch heute in Syrakus sehen.

Syrakus ist ein Collier

"Hier", ruft er nach 20 Minuten Spaziergang und schwenkt seinen Arm ins Halbrund eines kalkweißen Theaters von der Größe, die immer noch jeder Metropole Europas angemessen wäre: "Jetzt sieht man noch etwa 40 Sitzreihen, vor dem von 1693 ging es noch viele Reihen höher." Im griechischen Theater bangten 15.000 Menschen bei den Tragödien von Sophokles, und sie schrien vor Lachen bei den Komödien des Aristophanes.

Das Teatro Greco von Syrakus, das im 6. Jahrhundert v. Chr. errichtet wurde und nach seiner Erweiterung Platz für 15.000 Zuschauer bietet.

Das Teatro Greco von Syrakus, das im 6. Jahrhundert v. Chr. errichtet wurde und nach seiner Erweiterung Platz für 15.000 Zuschauer bietet.

Warum denken wir so selten an Sizilien – und beinahe nie an Syrakus? Wie diese Stadt die Sinne kitzelt! Wie sie den Besucher verjüngt! Alles, was man als Kind im Geschichtsunterricht gehört und in die Hinterfächer des Hirns gelegt hat – hier tritt es hervor. Syrakus hat derart viele antike Stätten, dass man wie in der Zeitmaschine durch die Jahrtausende schreitet, vor einer traumhaften Seekulisse. Nicht nur Markt und Hafen, die ganze Stadt ist ein Juwel – die Kirchen, die Palazzi, die Villen an der Promenade … Es ist schwer, sich sattzusehen an so viel Schönheit und Geschichte –"bellezza" und "storia" bilden in Syrakus ein Collier.

Essen auf dem Inselchen

 Der Ort, an dem Corrado Celebre essen gehen möchte, ist die "Trattoria L'Isoletta" – das Inselchen zu Deutsch – ein Lokal, benannt nach dem, was Syrakus eigentlich ist, ein Eiland noch vor der Insel, ein kalkiger Fels, eine durch einen Wasserstrang vom Festland Siziliens getrennte Festung. Mit einer Burg aus der Stauferzeit und Kasematten aus Spaniens Ära, als Syrakus zum Königreich beider Sizilien gehörte, gesteuert aus Madrid.

Es gibt die Stadt somit gleich zweimal – einmal als vorgelagerten Inselteil Ortigia mit einem dichten Geäder an Gassen, Wegen, Tritten und Höfen, wo es im Sommer vor Lokalen – vom Restaurant bis zur Jazzbar – nur so wimmelt. Ein weiteres Mal gibt es Syrakus als Neapolis auf dem Festland, als Neustadt, wobei sich nea/neu auf die Situation vor fast 2500 Jahren bezieht, als das grandios riesige Halbrund des Theaters in einem kaum fassbaren Kraftakt in den schieren Fels geschlagen wurde. Tempelanlagen und Zirkus kommen dazu!

Halb Neapolis ist heute ein archäologischer Park. Selbst ein Tempel der Athene hat unzerstört überlebt und ist bis heute ein Gotteshaus. Dem dorischen Bau hat die Kirche eine Barockfront vorgesetzt, sie nutzt den Tempel bis heute – als Dom! Der Platz davor ist grandios mit seinen Cafés, dem Rathaus und barocken Klosterkirchen.

Herrliche Speiselokale

Nach der Dombesichtigung setzt man sich also in Elisabetta Latinos "L'Isoletta" nieder, sie bringt kühlen Weißen vom Ätna, während ihr Mann Filippo Strano in der Küche steht und fragen lässt, was es denn sein soll an Stärkendem und dann Erfrischendem. Elisabetta serviert dreierlei Fisch – Scombro (Makrele), Branzino (Wolfsbarsch) und Sardelle (Sardellen). Braucht Filippo Nachschub, geht seine Frau über die Straße in die "Pescheria del Popolo". Kurze Wege, frische Fische … nur mit Zitrone und Olivenöl benetzt schmecken sie so lebendig, dass sich ihr Funkeln auf der Zunge fortsetzt.

Sinnliches Einkaufen: Frisches Obst und Gemüse sowie Meeresfrüchte - oder auch Leidung.

Sinnliches Einkaufen: Frisches Obst und Gemüse sowie Meeresfrüchte - oder auch Leidung.


Syrakus liegt an der südöstlichen Küste Siziliens. Von dort geht der Blick übers Ionische Meer in Richtung Griechenland, der Levante und Libyen. Die Stadt war Dreh- und Angelpunkt des ostwestlichen Schiffsverkehrs mit dem wohl größten Naturhafen des Mittelmeers, in dem sich die gewaltigste Tragödie des Peloponnesischen Kriegs abspielte: Eine Schiffsinvasion scheiterte, und 7000 Athener mussten in die Steinbrüche – bis zum Tod.

Das sizilianische Saint-Tropez

Heute fahren die Yachten der Milliardäre in den alten Hafen ein, Syrakus ist ein sizilianisches Saint-Tropez, nur weniger bekannt. Sizilien mag heute italienisch sein, Syrakus aber war eine stolze, griechische Stadt – die größte, neben Athen. Man schätzt, dass einst bis zu eine Million Menschen in und um Syrakus lebte. Archimedes war hier Mathematiker und Ingenieur, mit seinen Winden hob er ganze Schiffe ins Wasser! Es half nichts, mitten in den Punischen Kriegen kamen dann doch die Römer und knackten die Festung. Da stand dann ein tumber Soldat Roms vor dem griechischen Genie. "Störe meine Kreise nicht", sprach Archimedes, der über einer Berechnung saß. Der Soldat erschlug ihn.

All diese Namen und Ereignisse, all die Tragödien, der Jubel und die Klagen, die Triumphe und Niederlagen der Stadt und der Völker, es sind glitzernde Geschichten am Himmel der Erinnerung. Wie einfach ist es, sie zu schauen – nur hinfahren muss man. Und genießen, wie etwa Filippo seiner Elisabetta quer über die Straße hinterherruft: "Bring Seeigel mit, die Gäste wollen Pasta, die nach Meer schmeckt!"


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