HOME

"Sind wir auf dem Mond?"

Nein, wir sind in der Türkei. Aber schon frühe Archäologen kamen ins Grübeln, als sie durch die unwirkliche Felslandschaft von Zentralanatolien reisten. Auch heute gibt's für Urlauber in Kappadokien viel zu staunen - zu viel für einen kurzen Ausflug.

Der Morgen graut, eng ist das Tal, und Kathy und Allison, zwei amerikanische Touristinnen, kämpfen mitten in Zentralanatolien um den ersten Platz im weltweiten Wettreisen. "Wir waren in Australien", sagt Allison. "Wir waren in Neuseeland", sagt Kathy. "Bora-Bora ist ganz reizend", sagt Allison. "Wir können die "Queen Mary" empfehlen", sagt Kathy. Während Allison darüber nachdenkt, wie sie das toppen kann, ist unser Ballon zum Einsteigen bereit, und Minuten später gleiten wir vorbei an eigentümlichen Pyramiden und bizarren Felsen, die im Licht der aufgehenden Sonne mal rötlich, mal gelb, mal ockerfarben, mal weiß wie Schnee schimmern.

Das Schauspiel ist so überwältigend, dass selbst den beiden Damen minutenlang der Atem stockt, bis Kathy schließlich in die Stille hineinruft: "Sind wir jetzt auf dem Mond, oder was?" Wir sind in Kappadokien, in der Türkei. Als Gott diese Landschaft schuf, muss er auf Speed gewesen sein. "Nie habe ich etwas Derartiges gesehen oder davon gehört", schrieb im Jahr 1712 der Franzose Paul Lucas, der im Auftrag des Sonnenkönigs Ludwig XIV. eine Reise nach Anatolien unternommen hatte. "Welchen Nutzen haben zweitausend Pyramiden, so nah beieinander?" Manche erinnerten den Mann "an die Jungfrau", andere indes "an nackte Frauen auf Knien, in unschicklichen Positionen", wie er entsetzt notierte. Zwei Jahre später kehrte er erneut an den "einzigartigen Ort" zurück, zählte noch mal nach, kam diesmal auf "zweihunderttausend Pyramiden" und rätselte: "Ist es der Friedhof von Kayseri oder eine eigenartige Stadt, die einzige ihrer Art im gesamten Universum?"

Lucas hatte dem Okzident gerade die Existenz Kappadokiens enthüllt, doch kaum einer schenkte ihm Glauben. Man hielt ihn für einen Wirrkopf - 200 000 Pyramiden, haha! - und vergaß seine Reiseberichte. Erst mehr als 100 Jahre später schaute wieder ein Westler vorbei, Franzose wie Lucas, Charles Texier mit Namen und Archäologe seines Zeichens. Sein Urteil: Lucas sei keineswegs im Delirium gewesen, dafür aber die Natur. Denn die surrealistische Landschaft sei nicht von Menschenhand geschaffen worden, sondern von Vulkanausbrüchen und Erosion. So ist es. Vor einigen Millionen Jahren brodelte in Anatolien die Erde; Vulkane spien Asche und Lava auf die Natur. Daraus wurde Tuffstein, weich und anfällig für Erosion. Nach dem Zeitalter der Detonationen formte Wasser die Geografie, sägte Canyons in die Erde und fräste aus den Felsen Kegel, innen hohl, meist bedeckt von einem Hut aus härterem Gestein. Das Resultat war für die Menschen schon in grauer Vorzeit unwiderstehlich: Wo sonst findet man komplette Städte mit Etagen- sowie Einfamilienhäusern, vom lieben Gott selbst gebaut und nach wenigen Hammerschlägen bezugsfertig? Als sehr praktisch erwies sich in der Vergangenheit auch, dass man sich in den weichen und zugleich standfesten Tuff einfach eingraben konnte, wenn Eroberer in Sicht waren. An denen mangelte es nicht: 16 Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung kamen die Hethiter nach Kappadokien, gefolgt von Asyrern, Phrygern, Lydern, Persern, Römern, Arabern, Seldschuken und Mongolen. Wenn Gefahr im Verzug war, buddelten sich die Bewohner Maulwürfen gleich bis zu zwölf Stockwerke tief unter die Erde: Geschätzte 150 ausgeklügelte unterirdische Städte mit Ventilationsschächten, Küchen, Wassertanks, Ställen und Latrinen gibt es in Kappadokien, gefunden wurden 36, ein halbes Dutzend sind zugänglich. Sechs Monate lang konnten hier Zehntausende Menschen sicher, wenngleich vermutlich nicht unbedingt glücklich leben. Denn wer Platzangst hatte, war in der Hölle gelandet, und an die Ausdünstungen wagt man gar nicht erst zu denken. Ein Abstieg in die Tiefe - etwa in Derinkuyu - ist so schaurig wie schön und obligatorisch, wenn man mit Kindern reist.

Jedenfalls: Kappadokien gibt es gleich doppelt, über-irdisch wie unterirdisch. Unten gruselt man sich, oben ergötzt man sich. Insbesondere, wer mit einem Ballon gen Himmel fährt und die unwirkliche Landschaft von oben bestaunt. Und dort, wo bereits in der Jungsteinzeit vor 7000 Jahren Menschen hausten, lässt man es sich heute gut gehen. Es wimmelt von Troglodyten-, also Höhlenmensch-Hotels, in denen Gäste Familie Feuerstein de Luxe spielen können. Zum Beispiel im "Kayadam" in Ürgüp, wo Frau Kismet Ciner sieben Felslöcher in wunderschöne Zimmer verwandelt hat. Hier kann man bei einem Tee auf der Terrasse überlegen, was man als Erstes oder als Nächstes tun soll. Sich bilden, nach Göreme fahren und Fresken in Felsenkirchen bestaunen? Sich nicht nur bilden, sondern auch körperlich stählen und ins zwölf Kilometer entfernte Zelve mit seinen Klosteranlagen spazieren? Die Reiseroute ändern und gleich morgen durch das atemraubende, abseits gelegene Ihlara-Tal mit seinen Kapellen wandern? Oder doch erst in das mondäne Uçhisar mit seinen schicken Höhlenhotels rund um einen durchlöcherten Burgfelsen reisen? Am besten allerdings tut man zunächst nichts von alledem, sondern hält stattdessen eine Siesta im Himmelbett und fährt anschließend zum Essen nach Mustafapasa, einem hinreißenden Dorf mit einer wehmütigen Geschichte: Bis Türken und Griechen 1923 einen Bevölkerungsaustausch miteinander vereinbarten - so nannte man damals die ethnische Säuberung -, waren seine Bewohner fast ausnahmslos Griechen. Die mussten nach Thessaloniki fliehen, und Türken aus Thessaloniki kamen nach Mustafapasa.Eins ist klar: In Kappadokien sollte nichts überstürzt werden. Zwar muss man nicht gleich ganz so lange bleiben wie die Hethiter, die vor 3600 Jahren hier ihr Reich errichteten und erst geschätzte 400 Jahre später untergingen, aber eine Woche Zeit sollte es schon sein - und auch dann hat man noch längst nicht alles gesehen. Es ist der ideale Ort, um sich auf so spannende wie angenehme Weise mit Bildungsgut zu befrachten, um es anschließend an den Gestaden des Mittelmeers wieder abzuschmelzen. Die meisten Touristen allerdings bleiben nicht einmal 48 Stunden: Sie kommen per Reisebus angebraust, sausen im Schleudergang durch die Mondlandschaft, vorbei an Kirchen und Klöstern, und schon sind sie wieder weg, nachdem sie 1000-mal auf den Auslöser gedrückt und einige Häkeldeckchen bei den fliegenden Händlern gekauft haben, die überall dort sind, wo auch sie sind. So kommt es, dass Kappadokien einerseits eine der meistbesuchten Gegenden der Türkei ist und man sich dort andererseits so fühlen kann, als wäre man der einzige Mensch auf der Welt.

Etwa in der Felsenkirche von Pancarlik am Ende eines Feldweges auf der Strecke nach Mustafapasa. Dort kommen wir an, als die Sonne untergeht und der Mond gerade aufgegangen ist über einer rosafarbenen Landschaft. Man könnte fast fromm werden, so schön ist es. Kein Wunder, dass der Kirchenvater Gregorius von Nazianz im vierten Jahrhundert schrieb: "Wenn es möglich ist, die Anwesenheit Gottes durch das Sichtbare zu erkennen, dann ist man geneigt zu glauben, dass Gott in Kappadokien eher zu Hause ist als an anderen Orten." Denn bevor die muslimischen Seldschuken und später die Osmanen kamen und Allah einzog in Anatolien, war der Gott hier christlich. Nirgendwo im römischen Reich lebten so viele Anhänger von Jesus wie in Kappadokien; verfolgte Christen aus dem ganzen Mittelmeerraum fanden in den Höhlen Zuflucht. Sie hinterließen Hunderte von Felsenkirchen, Felsenkapellen und Felsenklöstern, bedeckt mit Fresken. Heute nagt weniger der Zahn der Zeit an ihnen als Blitzlichter und moderne Vandalen namens Osman, Yusuf und Ali, die sich auf ihnen verewigt haben. Manche der Gottesmänner waren weise, etwa Gregorius, andere fanatische Eremiten, bärtig und spärlich bekleidet selbst im bitterkalten anatolischen Winter. Zum Schlafen legten sie sich nicht hin, sondern lehnten sich zwecks Selbstkasteiung an die feuchten Wände ihrer Höhlen, und auf ihr karges Mahl streuten sie Asche, auf dass es schlecht schmecke. Wir indes kehren beim netten Herrn Süleyman im "Old Greek House" in Mustafapasa ein und kosten im alten Gemäuer die kaloriengeladene örtliche Spezialität Manti, türkische Ravioli, gekocht von Süleymans Gattin. Statt mit Asche bedecken wir sie mit Paprikabutter und Joghurt, anschließend schieben wir ein Baklava, dieses süße Gebäck, auf den letzten freien Platz im Bauch. Draußen bescheint der Mond die Mondlandschaft. Wie sagte heute Morgen noch Allison? "Gott, das schlägt ja Bora-Bora."

Stefanie Rosenkranz/print

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Wissenscommunity

Partner-Tools