Was als Akrobatik kalifornischer Beach-Boys bekannt wurde, ist heute zum Breitensport geworden. Und erlernbar in Surf-Camps wie auf Fuerteventura: die Kunst des Wellenreitens. Von Marc Bielefeld

Brett-Tragen durch die Brandung: links schulmäßig, rechts die riskante Art© Mirco Taliercio
Wellenreiten beginnt mit einem Knie fall im Sand, fünf ziemlich kessen Miezen und einem Stück Wachs. Die Miezen schmücken eine kleine rote Schachtel, auf der steht: "Five Daughters, extra sticky - satisfaction guaranteed". Produkte mit hübschen Mädchen darauf sind bei Surfern schwer angesagt. Und dann spricht Ralph Geerdts, der Wellenreitlehrer, dieses Wasserwesen, diese Skulptur von Mann: "Nehmt das Stück Wachs aus der Schachtel und schmiert erst mal eure Bretter ein, dick und fett, sonst rutscht ihr schon beim Rauspaddeln von den Boards."
Die Sonne knallt, der Himmel wölbt sich ferienblau. Vom Atlantik her rollen vier Meter hohe Brecher in die Bucht von La Pared an der Südwestküste Fuerteventuras. Grüne Riesenwalzen, die so laut auf die vorgelagerten Sandbänke krachen, als würde alle zehn Sekunden ein Hochhaus zusammenstürzen. Danach läuft das schäumende Weißwasser flach aus und schiebt sich an den Strand. "Heute können wir die ersten Rutscher probieren - auf dem Bauch und ganz nah am Ufer!", sagt Ralph.

Trockenübung: Surflehrer Ralph demonstriert am Strand die perfekte Haltung auf dem Board© Mirco Taliercio
Acht Schüler in schwarzen Neoprenanzügen knien im Sand, wachsen artig ihre 2,50 Meter langen Schulboards und gucken skeptisch aufs Meer. Sie werden eine Woche im "Cowabunga"-Surfcamp verbringen. Cowabunga ist Hawaiianisch und bedeutet so viel wie "göttlich", "irre". Hawaiianer schreien dieses Wort angeblich, wenn sie eine perfekte Welle abgeritten sind.
Darum sind sie alle hier: um Surfen zu lernen. Die älteste, purste und erhabenste aller Meeressportarten. Früher Hobby der Südseekönige, in den Sechzigern Lebensinhalt kalifornischer Beach-Boys, heute ein zunehmend beliebter Sport. Der Haken: Wer die steile Front einer Welle hinabfahren will, muss verflucht lange üben. Denn als Erstes lehrt der Ozean Respekt. Und Demut.
"Dann schnappt euch mal die Boards", sagt Ralph, 37, ein gelernter Stuckateur und Ex-Fotografiestudent aus Hamburg, der vor acht Jahren nach "Fuerte" auswanderte, weil er die Nase voll hatte von deutscher Kälte und Surflehrer werden wollte. Das Meer hat ihn geformt. Der Mann ist schlank, sehnig, durchtrainiert. Sein letztes Gramm Fett muss der Babyspeck gewesen sein.
"Haltet die Boards seitlich hinter dem Körper, wenn ihr in die Wellen geht. Und Finnen nach außen!", warnt er die ersten drei Eleven, die sich in die Brandung wagen. Ein weiser Rat. Übermütigen Novizen nämlich, die lässig mit dem Brett unterm Arm ins Wasser stolzieren, hauen die Wellen das Board ganz fix um die Ohren. Platzwunden und Beulen sind keine Seltenheit. Und welche Wucht selbst das auslaufende Weißwasser noch hat, lernen die Schüler schnell.
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Ausgabe 20/2006