Dem trüben Novemberwetter entfliehen: Rein in die warmen Wasserwelten mit hohem Spaßfaktor - ohne lange Anreise. Rutschen und Springen erlaubt. Von Stéphanie Souron

Friederike saust mit ihrem Papa durch die letzte Kurve der Riesenrutsche im "Aqua Marien" in Marienberg© Wolfgang Thieme/LSN/DPA
Wer im "Galaxy" durch die Turbo- Röhre Richtung Erde saust, sollte vorher seine Badehose mit einem Doppelknoten festzurren. Denn im "X-Treme Faser", einer Wasserrutsche mit verschärfter Hanglage, wird das gute Stück mitsamt seinem Träger auf bis zu 72 Stundenkilometer beschleunigt. Man liegt in der Röhre, die Füße gekreuzt, die Arme vor der Brust verschränkt und schießt durch die Dunkelheit bergab. Die Beschleunigung presst den Körper gegen die Plastikwanne, der Puls rast, die Orientierung kreist, und Atmen ist unmöglich, ohne einen Schwall Chlorwasser zu schlucken. Wer nach rund vier Sekunden wieder ins Flache gespült wird, verspürt leichte Benommenheit - und ein großes Glücksgefühl. Hinterm Drehkreuz liefert die Stoppuhr die Trophäe für den Nervenkitzel. "Geil, 67 Meter in 3,97 Sekunden", sagt Christian, 26, während er seine Badehose wieder an ihren Platz rückt. "Diese Rutsche gibt dir den Kick."
Unter der 25 Meter hohen Kuppel des "Galaxy" in Erding bei München gibt es genau 16 Möglichkeiten, sich den Adrenalin- Schub zu holen. Die Wasserrutschen haben sanfte Kurven oder steile Abfahrten. Sie wirbeln die Rutschenden durch einen Trichter oder schießen sie im Reifen bergauf. Auf der "Kamikaze"-Rutsche und der Wasserschanze verwischen gar die Grenzen zwischen Abfahrt und freiem Fall. Und so verliert man nach einer Stunde Drehung, Schräglage und Rückwärtsrutschen leicht das Zeit- und Raumgefühl.
Doch gleich nebenan ist die Entspannung inklusive: In der Thermenlandschaft massieren Unterwasserduschen und Schwalldüsen den gestressten Körper. Ein Strömungskanal fließt sanft um die Kurven, im Whirlpool blubbert Heilwasser, und in den Sole-Becken ruht man im Schutz einer Grotte. Ein paar Schritte weiter wird es richtig heiß. In 26 Schwitzkammern sprudeln wahlweise warme Geysire, virtuelle Planeten kreisen über eine Sternenkuppel, und es gibt einen eigenen Aufguss nur für Männer - mit Weizenbier. Das Bade-Paradies in Erding hat mit einem klassischen Hallenbad etwa so viel gemein wie die Karibik mit dem Bodensee.
Doch nicht nur in Münchens Norden verspricht ein Ausflug in die Wasserwelt Urlaub vom Alltag. Wenn die Tage dunkler werden, gaukeln mehr als 350 Freizeit- und Erlebnisbäder, Thermen oder Tropenparks den Badenixen hierzulande den Sommer vor. Ihre Wasserrutschen, Erlebnisbecken und Saunalandschaften machen aus jedem Hallenbadbesuch ein Event. Und das Konzept geht auf. Denn die Deutschen sind alles andere als wasserscheu. "Über 50 Prozent der Jugendlichen und knapp die Hälfte aller Familien haben in den vergangenen zwölf Monaten ein Erlebnisbad besucht", sagt der Freizeitforscher Ulrich Reinhardt. Gerade wenn das Schmuddelwetter die Fortbewegung im Freien unmöglich macht, suchen Eltern und Kinder Abwechslung im warmen Wasser. Und sie werden nicht enttäuscht.
So lockt das "Alpamare" in Bad Tölz mit einer Indoor-Surfanlage zum Wellenreiten, im "Calypso" Saarbrücken erwartet den Besucher eine künstliche Unterwasserwelt zum Schnorcheln. Im "Fildorado" Filderstadt gaukelt die durchsichtige Röhre eine Rutschpartie über dem Abgrund vor, die Toskana Therme bei Weimar lädt ein zu Unterwasserkonzerten. Und im "Tropical Islands" südlich von Berlin wird die Nacht zum Tag gemacht. Rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr, sind dort die Südsee und der Regenwald geöffnet. Wer im Paradies müde wird, legt sich zum Schlafen einfach in ein Zelt am Strand.
Das Erlebnis hat seinen Preis. Für vier Stunden zahlt eine Familie mit zwei Kindern rund 30 Euro. In den großen Wasserwelten wie der "Therme Erding" mit dem "Galaxy"-Rutschenparadies und "Tropical Islands" kostet das Vergnügen mehr als das Doppelte. Doch die Ausgabe lohnt sich offenbar, ebenso wie ein durchschnittlicher Anfahrtsweg von 50 Kilometern.
"Bei uns in der Gegend gibt es nur diese langweiligen Rumliege-Bäder ohne Action", sagt Andreas, 23. Der Student aus Aalen hat zwei Vorlesungen geschwänzt, um den Nachmittag mit seinen Kollegen auf den Erdinger Rutschen zu verbringen. "Am Samstag und Sonntag bringt's das nicht, da musst du ewig anstehen", sagt er, bevor er in den Aufzug steigt. Der Lift katapultiert ihn zu den Startrampen der höchsten Rutschen. Am Wochenende jedoch nutzt der schnelle Aufstieg nichts: Zu Stoßzeiten beträgt die Wartezeit an den Rutschbahnen bis zu 20 Minuten.
An solchen Tagen verbringt man seine Zeit besser in einer klassischen Therme, wie die "Rumliege"-Bäder im Normaldeutsch heißen. Rutschen und anderer schneller Spaß sind dort verpönt, dafür schwemmt man in heißen Thermal- oder Solequellen den Alltagsstress aus. In Bad Aibling beispielsweise, etwa 60 Kilometer südöstlich von München, geht es um die totale Entschleunigung. Beim Bau der Therme hat das renommierte Architekturbüro Behnisch Architekten Hand angelegt und das Wasser unter verschiedenen runden Kuppeln verteilt, die wie Riesenblasen aus dem Boden ragen. Das Wohlfühlerlebnis beginnt dort an der Kasse, wo ätherische Düfte die Luft bestäuben. Unter den Kuppeln badet man in verschiedenen Bassins, in denen sphärische Klänge und sanfte Lichtinstallationen ein Fest der Sinne versprechen. Unter der großen Erholungskuppel allerdings findet sich kein Tropfen Wasser. Dafür flimmert der Ozean im Video über die Wand, und im Halbdunkel rekeln sich Menschen auf riesigen Kissen. "Wir wollten unter jeder Kuppel eine ganz eigene Atmosphäre schaffen", sagt Stefan Behnisch, dessen Büro auch das Stralsunder Ozeaneum entworfen hat. Diese modernen Kabinette sollen das neue Gesundheitsbewusstsein der Deutschen befriedigen: "Wellness im Wasser wird immer wichtiger."
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Ausgabe 45/2008