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Im Ost-Zipfel Europas unterwegs

Eine Stadt wie eine Wundertüte: In den Gassen Tallinns verbinden sich die Gegensätze. Wenn man im richtigen Moment abbiegt, findet man entweder deutsche Geschichte, nordisches Design oder eine stilvolle Bar.

Von Daniel Erk

Der Himmel über Tallinn ist dunkelblau, jede Minute eine Nuance tiefer, bis er schließlich pechschwarz und sternenfunkelnd über der Stadt hängt. Hoch oben auf dem Domberg, am Ende einer schmalen Pflastersteingasse, ein gutes Stück hinter dem estischen Parlamentsgebäude, der mächtigen russisch-orthodoxen Kirche und dem Dom der einstigen deutschen Gemeinde Tallinns, das damals noch Reval hieß, sitzt auf einem Rest der Stadtmauer ein junger Este, vielleicht 19 Jahre alt, raucht, schreibt in einen Notizblock und blickt hinab auf seine Stadt. Die liegt ruhig in der anbrechenden Nacht, glitzernd und mit der Würde und dem Stolz eines alten Handelszentrums. Hinter der Altstadt und dem einstigen sowjetischen Marineareal, auf dem mittlerweile glasverspiegelte Bürogebäude und Kaufhäuser schimmernd in den Himmel ragen, dämmert der Hafen der Stadt.

Mittlerweile werden hier nicht mehr nur Waren an Land gebracht, sondern auch Touristen. Der Hafen ist die Anlaufstelle für die Kreuzfahrtschiffe, auf denen im Sommer kauffreudige, amerikanische Touristen durch das Baltikum schippern. Heute aber liegt nur ein einziges Schiff hier. Überhaupt ist Tallinn ruhig – kalt und ruhig. Es ist Winter in der Hauptstadt Estlands. In der Dunkelheit zeichnen sich zwei Türme ab: Der Minarettartige des Rathauses aus dem 14. Jahrhundert und die lange, feine Spitze der Olaikirche, die einmal das größte Gebäude der Welt war, damals, im Mittelalter. Aber auch heute müssen sich die Schönheit der Stadt, das Leben unten in den Gassen, die kleinen Boutiquen und schicken Cafés nicht verstecken. Wer nach Tallinn reist, findet Beschaulichkeit und Ruhe gleichwohl wie Weltläufigkeit und Stil. Über all dem liegt der Zauber eines Landes, das sich nach einem Jahrhundert wechselnder Besatzungen im Aufbruch und im Aufwind befindet.

Die Stadt lebt von ihren kleinen Brüchen

Wer Estland auf einer Karte sucht, kann den Eindruck gewinnen, dieses kleine Land am nordöstlichen Ende Europas wäre nicht nur ein bisschen ab vom Schuss, sondern sogar ziemlich ab vom Schuss. Doch Estland, dieser letzte Stopp in Europa vor der ewigen Weite Russlands, sperrt sich. Estland ist nicht allein Osteuropa, nicht allein Nordeuropa, nicht allein baltisch, aber eben auch nicht wirklich skandinavisch, ist mit jedem Kilometer den man sich von Tallinn entfernt immer russischer, aber eben nicht Russland. Tallinn selbst aber verschwindet in all diesen Gegensätzen und Spannungsverhältnissen nicht, im Gegenteil: Die Stadt lebt von ihren kleinen Brüchen wie ein Potpourrie. Eine dieser typischen Überraschungen erlebt man etwa, wenn man nur knapp unterhalb des historischen Domberges mal wieder in eine der pflastersteinernen Gassen einbiegt und sich plötzlich in einer Bar wiederfindet, die Stanley Kubrick sich futuristischer nicht hätte ausmalen können: Die Wände, die Tische und Sessel sind weiß, hinter der Bar ist die Wand aus überdimensionierten Monitoren zusammengesetzt an denen Gäste Videoanimationen betrachten oder sich im Wettstreit in Computerspielen messen. Und so überraschend wie das Interieur der Stereo Lounge ist Estlands Hauptstadt auch sonst.

Wer nach Tallinn kommt, erlebt zunächst schwer zuzuordnendes Gefühl des Vertrauten. Der Hauch des Heimeligen ergreift einen, wenn man durch die Tallinner Altstadt streift, entlang am imposanten Rathaus, durch einen Torbogen durchschlüpft, vorbei an kleinen Cafés und Geschäften schlendert. Die Stadt hat etwas puppenstubenhaftes, niedliches. Man biegt in einen Hinterhof ein und steht in einem kleinen Laden, vollgestopft mit hübschen, kleinen Holzschnitzereien, die manchmal herzig oder kitschig sind, dann aber wieder durch ihr klares, funktionales Design bestechen. Dann merkt man, wie nah Estland an Skandinavien dran ist.

Helsinki, die finnische Hauptstadt, liegt seeeinwärts über den finnischen Meerbusen 40 Kilometer entfernt. Das Estische – Eestii – ist eng verwandt mit dem Finnischen. Die kleinen Touristenläden aber zeugen von der Nähe Russlands, sind gespickt mit grellen Andenken, bunten Tellern und Mamuschkapuppen, die die amerikanischen Touristen von den Kreuzfahrtschiffen sehr gerne kaufen – wo sie schon mal da sind. Näher kommen sie an Russland nicht ran und die Details, ja die Details, die sind ja irgendwie auch egal. Wer aber nicht auf Teufel und komm raus das Russische finden will oder eine der landestypischen, krellbunten Wollmützen mit knielangen Zipfeln, die man sich als Schal um den Hals legen kann, kaufen mag, der darf sich überraschend lassen. Schlichtes, überlegtes Interieur, ausgefallene Schnitte und Drucke, ein Stilbewusstsein, dass sich keinen Moment hinter den großen europäischen Metropolen verstecken muss, beherrscht die vielen Cafés, Bars und Boutiquen Tallinns.

Nu Nordik heißt der kleine Laden am Rande der Altstadt, der in einem dunkelgrauen Bau aus den 60ern liegt. Im Schaufenster stehen Teller und Vasen, drinnen gibt es T-Shirts, Ohrenwärmer und Handtaschen. Die drei Mädchen im Laden könnten sich ohne weiteres in Barcelona, London oder Berlin sehen lassen – und die Dinge, die sie verkaufen auch. Die quietschbunten, bestickten Handschuhe von Maru etwa, die es wie alles andere nur hier oder im Internet zu kaufen gibt, mischen traditionellen estischen Stil mit dem State-of-the-Art skandinavischer Gestaltung. Fast alles wird in Handarbeit erstellt, beinahe jedes Stück hier ist ein Einzelstück.

Die Esten, vor allem die jungen Esten, sind hungrig auf Europa, hungrig auf Stil und auf Moderne. Estland ist weltweit das einzige Land, das ein Gesetz erlassen hat, das jedem Esten jederzeit den freien Zugang ins Internet garantiert, meist per Funkverbindung. Der ehrgeizige Plan sieht vor, dass innerhalb der nächsten Jahre ganz Estland mit Wireless-Internet abgedeckt sein soll. Und das Kumu, das elegant in den Küstenfelsen gebaute Kunstmuseums Tallinns, ist architektonisch ein Wunderwerk: Unter der Erde, doch Dank großflächiger Dachverglasung taghell stellt es aus, was in Estland vor dem Hintergrund der lokalen Eigenheiten mit den aus Paris und Spanien durch ganz Europa schwappenden Wellen der Kunst gemacht wurde.

200 Kilometer landeinwärts, also knapp vor der russischen Grenze, ticken die Uhren anders. Die Setu, ein Volk mit eigener Kultur und Sprache, dessen Name schon "Dies und das" bedeutet, pflegen hier ihre Lebensweise und auch wenn das neue Estland auch vor diesem verlassenen Winkel nicht halt macht. Hier werden traditionelle Gerichte und Gesänge, Trachten und Tänze hier mit einer Überzeugung gepflegt, die sich gegensätzlicher zur sonstigen, vor allen Dingen wirtschaftlichen Aufbruchstimmung in Estland nicht verhalten könnte.

Auch das ist Estland: Die hügelige, ewige Landschaft Livlands im Süden des Landes, durchzogen von Seen und Morasten, die im Winter jede denkbare Braun- und Grauschattierung aufweist. Schotterpisten, über die durch den Schneematsch der Jahreszeit ab und an ein Auto, selten ein Bus zieht. Von der Straße aus sieht man die braunen und schwarzen, pastellfarbenen und weißen Holzhäuser, in denen Bauern und Fischer leben, wie sie es seit Jahrhunderten getan haben. Wenn man am Abend raus in die eiskalte, sternenklare Nacht tritt, beißt der Wind im Gesicht und die Stille über einem einzelnen Weg, vor einem einzelnen Gebäude, inmitten von Hainen und Seen, strömt in den Körper ein wie ein kalter, sanfter Hauch, der Ruhe verspricht – und einen schweren, tiefen Schlaf. Der selbst gebrannte Branntwein und die spätnachts noch angeheizte Sauna der herzlichen, immer eilenden Gastgeber mögen ihr übriges getan haben.

Tallinn saugt alle Einflüsse auf wie ein Schwamm

Am folgenden Abend, zurück in der Hauptstadt, sind die Plätze im Choclats de Pierre heillos ausgebucht. Das kleine, mit Memorabilia aus ganz Europa liebevoll eingerichtete Café in einem vor allem mit Künstlerbetrieben bevölkerten Hinterhof der Altstadt Tallinns, ist unter jungen Esten berühmt für seine Chilitrüffel und die dickflüssige, heiße Schokolade. Kaspar, der Trüffelmeister, erklärt seine Kunst so herzlich, ausführlich und gern, als hätte er die Ruhe des ländlichen Estlands als Zutat für seine handgeformten Pralinen auf seiner Arbeitsplatte bereitliegen. Die Schokolade, erzählt er, lässt er aus Belgien liefern, das Marzipan kommt aus Lübeck. Die alten Handelsverbindungen nach Europa funktionieren und Tallinn saugt alle Einflüsse auf wie ein Schwamm.

Viel später am Abend, etwas außerhalb der Innenstadt. Die Wände des Hausflurs, vor dem das Taxi gehalten hat, bröckeln, die Briefkästen fallen jeden Moment auseinander und der Wind zieht eisig wie in einem Windkanal, weil in einem oberen Stockwerk ein Fenster des Treppenhauses eingeschlagen ist. Nun, endlich, das arme, das ostige, das andere Estland?

Einen Augenblick später, hinter der Wohnungstüre, zerbröselt die Erwartung wie draußen die Wandfarbe: Die Küche ist mit dunklem Furnier großflächig ausgekleidet, an einer kleinen Bar stehen mehrer junge Esten, unter einem Strahler aus den 60ern steht ein schneeweißes, schlichtes Sofa. Alles passt auf eine Weise zueinander, die den Verdacht nahe legt, dass in den blechernen Briefkästen ab und an Ausgaben der Wallpaper liegen.

Estland, denkt man sich, ist in der Substanz zu je einem Drittel deutsch, skandinavisch und russisch. Deutsch in der Geschichte Tallinns und im Eifer der Esten. Skandinavisch im Stilbewusstsein und der regionalen Kultur. Und draußen, vor den Toren der Stadt, beginnt die Steppe, die einem das Gefühl großer Einsamkeit und Kälte gibt, als wäre man von Sibirien nur einen Straßenzug entfernt. Hier drinnen aber ist das Russische: Die Wärme, mit der die jungen Esten lachen und von all den Dingen erzählen, die ihre Altersgenossen in jeder anderen Hauptstadt Europas auch beschäftigen. Und dann ist die Regelmäßigkeit, mit der die Gastgeber diesen süßen, honigzähen Kräuterschnaps nachfüllen, der „Vana Tallinn“ heißt – altes Tallinn. Dann beginnt es draußen zu schneien und fest, dünne Flocken legen einen weißen Puder über die alte Stadt, hoch oben im Baltikum, in der das Herz Europas vielleicht lauter schlägt als irgendwo anders.

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