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4. Dezember 2008, 10:17 Uhr

"Wir träumen schon im Mutterleib"

Seit Sigmund Freud betrachten viele Menschen Träume als verschlüsselte Wünsche. Allan Hobson, der "Traumpapst", hat diese Theorie ins Wanken gebracht. Im stern.de- Interview erklärt er, warum Träume keine geheimen Botschaften enthalten und wieso wir schon im Mutterleib träumen.

Schlafforscher, Träume, Allan Hobson, Sigmund Freud, Mutterbauch

"Schon im Mutterleib träumen Babys, um sich auf die Welt draußen vorzubereiten", sagt Allan Hobson© Colourbox

Professor Hobson, warum glauben Sie, dass man im Labor mehr über Träume erfährt als auf der Couch eines Psychoanalytikers?
Menschen fanden Träume schon immer faszinierend und neigen dazu, ihnen eine tiefere Bedeutung zuzuschreiben. Freud glaubte, Träume seien Ausdruck von verschlüsselten Trieben und sexuellen Wünschen. Um das Bewusstsein zu schützen, würden diese jedoch in codierten und verzerrten Bildern dargestellt, die es zu entschlüsseln gelte. Die Traumdeutung basiert allerdings auf keinerlei wissenschaftlicher Grundlage. Die Wissenschaft kann dagegen zeigen, was sich im Gehirn abspielt.

Und was passiert im Gehirn, wenn wir träumen?
Schon 1953 entdeckte Eugen Aserinsky im Schlaflabor von Nathaniel Kleitman, dass das Gehirn während der Haupt-Traumphase äußerst aktiv ist. Werden Menschen in der so genannten REM-Phase (von "rapid eye movement" = schnelle Augenbewegungen, d. Red.) geweckt, berichten 95 Prozent von realen, emotionalen und bizarren Traumerlebnissen. Freud hielt die Zeit des Träumens für einen unbewussten Zustand. Kleitmann und Aserinsky zeigten bei weiteren Untersuchungen jedoch: Die Aktivität der Nervenzellen im Gehirn ist zu dieser Zeit vergleichbar mit der Aktivität von vollbewussten, wachen Menschen. Der Traum ist also durchaus ein Bewusstseinszustand. Er unterscheidet sich nur in einigen Punkten von dem Wachbewusstsein.

Zum Beispiel?
Die Art, wie das Gehirn gesteuert wird, verändert sich. Eine andere Klasse von Nervenbotenstoffen ist am Werk. Wir sind in dieser Zeit komplett von der Außenwelt abgeschirmt. Reize von außen dringen nicht mehr zu uns vor, der Großteil unserer Muskeln ist nahezu lahm gelegt. Auch das System für die Gedächtnisbildung ruht. Aus diesem Grund ist es so schwer, sich an seine Träume zu erinnern. Freud dagegen glaubte, dass die Trauminhalte aktiv unterdrückt werden, um das Bewusstsein vor gesellschaftlich nicht akzeptierten Wünschen zu schützen.

Wieso entstehen häufig so bizarre Traumbilder?
Das visuelle Zentrum im Gehirn wird spontan aktiviert. Es bekommt Informationen aus dem Stammhirn, einem sehr primitiven Hirnbereich, und versucht diese in einen möglichst sinnvollen Zusammenhang zu bringen. Da bestimmte Bereiche des Gehirns die Informationen jedoch nicht mehr logisch auswerten können, entstehen die bekannten bizarren Bilder. Trauminhalte werden nicht verschlüsselt, sie werden nur vom Gehirn im Schlaf nicht richtig interpretiert.

Sind Träume dann nur das Resultat von willkürlicher Gehirnaktivität - ein sinnloses Feuer von Neuronen?
Träume sind alles andere als sinnlos oder unwichtig. Wenn ich einen Tag vor einem wichtigen Test von dieser Aufgabe träume, zeigt es, dass ich mich damit beschäftige. Ich glaube allerdings, dass die Bedeutung von Träumen offensichtlich ist. Es geht nicht um ein Bilderrätsel, das es zu entschlüsseln gilt. Ich muss nicht in langen und teuren Therapiesitzungen herausfinden, was es mir sagen soll, wenn ich von einer Zigarette träume.

Dieses Beispiel mag einleuchten, aber warum träumen wir von Mördern, Monstern oder Aliens?
Albträume sind zwar nicht schön, haben aber eine Funktion. Im Schlaf empfinden wir oft Angst, Ärger oder Wut. Das sind lebenswichtige Gefühle, die zum Menschen dazugehören - am Tag, wie auch in der Nacht. Wer sich fürchtet, wird vorsichtig. Und wer wütend ist, setzt sich zur Wehr. Dafür ist keine weitere Interpretation nötig.

Zur Person

Zur Person Allan Hobson ist emeritierter Professor an der Harvard University in den USA und Gastprofessor an der Universität Wien. Der Neurologe und Psychiater ist besonders durch seine Arbeiten über den REM-Schlaf bekannt geworden. Hobson hat den Traum aus der Freudianischen Interpretation herausgenommen und ihn als einen bewussten Vorgang geschildert. Er gilt als der bedeutendste Wissenschaftler der Traumforschung in den vergangenen 30 Jahren.

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