Features7. Januar 2013 , 11:01 Uhr
Onlinegames – Warum werden wir gesperrt?
Der “Reddit”-Nutzer Erekai ist der Meinung: “Wer sich durchweg wie ein Idiot verhält, wird gesperrt. Das ist nur fair.”
Erekai hat sich dabei auf die Sperrung des professionellen E-Sports-Spielers IWillDominate bezogen, der von “League of Legends” („LoL“) gesperrt wurde. IWillDominate wurde für ein Jahr von dem Spiel verbannt und aus dem Topteam für E-Sports, Dignitas, geschmissen. Für die meisten Gamer ist die Sperrung von einem Spiel oder Forum ärgerlich, aber für IWillDominate bedeutet sie den Verlust des Jobs, des Einkommens und der Glaubwürdigkeit.
Acht Verwarnungen
Auf Webseiten wie “Reddit” und anderen Foren besteht Konsens darüber, dass IWillDominate bekommen hat, was er verdiente. Der E-Sports-Chef von „League of Legends“-Entwickler Riot hat erklärt, dass IWillDominate bereits acht Mal aufgrund von “In-Game-Belästigung, verbaler Misshandlung, anstößiger Ausdrucksweise und negativer Einstellung” offiziell verwarnt wurde. Außerdem hätte er wohl auch außerhalb des Spiels eine ähnliche Verhaltensweise an den Tag gelegt.
Riot wird kaum dafür kritisiert, zu streng zu sein. Manche Nutzer werfen dem Entwickler sogar Nachsicht vor. Immerhin war die Verbannung der neunte Versuch, gegen IWillDominates Verhalten vorzugehen. Die meisten von uns könnten sich glücklich schätzen, wenn sie nach drei Verwarnungen noch ihren Job behalten dürften.
Gesetz, AGB, Richtlinien?
In Foren oder Abonnementspielen gibt es keine allgemeingültigen Gesetze oder Regeln, die festlegen, wie oder warum Nutzer bestraft werden sollen. Individuelle Plattformbesitzer setzen ihre eigenen Regeln durch und machen die digitale Welt somit zu einem subjektiven Ort. Es handelt sich um einen Fall von „mein Haus, meine Regeln“. Jede seriöse Webseite verfügt über ihre eigenen Verhaltensregeln, aber die Entscheidung über die Bestrafung einzelner Spieler wird meist von Fall zu Fall von einem Komitee oder einer einzelnen Person entschieden.
Die Entscheidungsträger mögen die besten Absichten haben, aber es ist relativ unwahrscheinlich, dass der Beschluss einer Sperrung au seiner komplett neutralen und unparteiischen Perspektive getroffen wird. Grundsätzlich führt die einmalige Verletzung der allgemeinen Geschäftsbedingungen nicht notwendigerweise zu einer Sperre. Wer sich jedoch wiederholt unfair verhält (er muss dabei nicht einmal unbedingt gegen die offiziellen Regeln verstoßen), wird wahrscheinlich aus dem Spiel verstoßen.
Regelbruch versus negatives Verhalten
Sperrungen dienen als Warnung und sollen oftmals den Ruf einer Seite aufrechterhalten. „Schädliche Elemente“ sollen aus der Community entfernt und Betrug vermieden werden. Wer die Regeln eines Spieles beispielsweise durch illegale Modifikationen oder schädliche Software offiziell missachtet, macht es den Managern mit ihrer Entscheidung relativ einfach. Keiner mag Betrüger und alle sind froh, wenn solche Personen aus dem Game entfernt werden. Negatives Verhalten ist jedoch eine kompliziertere Angelegenheit.
Bekannte Namen wie Apple und Google können negative Publicity verkraften. Kleinere Webseiten und Onlinespiele (vor allem kostenlose Titel), die von den Spielern abhängig sind, um ein Einkommen zu erzielen, bewegen sich beim Umgang mit Fieslingen auf einem sehr schmalen Grat.
Community ist alles
Wenn Gamer das Spiel kritisieren und es vor anderen Nutzern schlecht machen, endet man schnell mit einer vergifteten Atmosphäre in der Community und hält neue Spieler davon ab, dem Game beizutreten. Übertriebene Sperren und Zensuren können die Nutzer aber einschüchtern und halten die Gemeinschaft davon ab, sich auszudrücken und aufzublühen. Außerdem kann man nicht gewährleisten, dass ein Nutzer nach einer Verbannung das Game anderswo im Internet schlecht redet.
Todd Harris, der Firmenchef von Hi-Rez Studios („Tribes: Ascend“, „SMITE“) sagte: “Für Onlinespiele ist die Community alles. Wenn man im echten Leben auf einen streitlustigen Aufschneider in einer Bar trifft, wird man den Ort höchstwahrscheinlich so schnell wie möglich verlassen. Deshalb erwartet man vom Türsteher, dass er den Störenfried herausschmeißt. Im Internet ist die Überwachung schwieriger, aber das Ziel dasselbe: eine positive Gemeinschaft, sodass die Leute sich gerne dort aufhalten.“
Türsteher im Internet
Entwickler und Verleger stellen immer öfter bezahlte Community-Manager an, die für die Gewährleistung des guten Rufs verantwortlich sind und Übeltäter beseitigen. Außerdem werden die Spieler oftmals dazu aufgefordert, missbräuchliches Verhalten zu melden, sodass die Administratoren dem nachgehen können. Idealerweise sollte die Gemeinschaft sich selbst regeln.
Harris fuhr fort: “Die Community kann dabei helfen, Störenfriede zu identifizieren. Im Endeffekt muss aber der Entwickler die Sperre verhängen.”
Selbstjustiz
Die Gemeinschaft kann nicht nur dazu benutzt werden, fiese Spieler zu identifizieren, sondern auch zu deren Bestrafung. Im MMO „Roma Victor“ wurden die Charaktere von ein paar Betrügern und Regelbrechern im Game hingerichtet. Auch in „Runescape“ werden wiederholte Nutzer von illegaler Software wie Bots öffentlich an den Pranger gestellt, nämlich in einem speziellen Bereich, der passenderweise „Botany Bay“ genannt wird.
Andere Spieler können die Störenfriede dann sogar mit faulem Obst bewerfen. Manche Entwickler sehen diesen Umgang mit Betrügern als einen Schritt in die falsche Richtung an. Harris erklärte: „Wenn man Regelbrechern noch zusätzliche Aufmerksamkeit schenkt, zieht das nur weiteres negatives Verhalten an.“
Psychologische Herangehensweise
Onlinegames werden immer größer und zunehmend kostenlos. Es wird dadurch schwieriger, „negatives Verhalten“ zu definieren. Wiederholter Missbrauch in einem Forum kann leicht entdeckt werden, aber was ist beispielsweise mit In-Game-Mobbing? Hat Entwickler Riot deshalb neun Anläufe gebraucht, um IWillDominate endgültig zu sperren? Und wodurch unterscheidet sich seine “Belästigung” von rechtmäßiger, psychologischer Kriegsführung oder Kreativität? Riot hat jetzt sogar ein eigenes Team an Psychologen angestellt, um herauszufinden, warum Spieler sich negativ verhalten, wie man es identifizieren und beheben kann.
In “EVE Online” hatte ein Spieler namens Cally die Idee, eine In-Game-Bank zu eröffnen. Damit hat er Gründerkredite an Nutzer vergeben, die nicht genug Zeit oder Muse hatten, sich das Spielgeld selbst zu verdienen. Die Bank funktionierte monatelang gut, als Cally eines Tages plötzlich das gesamte Geld (umgerechnet etwa 130.000 Euro) in seine eigene Tasche gesteckt und in ein gigantisches, fast unzerstörbares Raumschiff investiert hat. Dann setzte er ein Kopfgeld auf sich selbst aus und forderte seine Opfer dazu heraus, sich an ihm zu rächen. Diese Aktion war zwar mehr als hinterhältig, aber es wurden keine offiziellen Regeln gebrochen.
Erziehungsmaßnahmen
Heutzutage versuchen immer mehr Entwickler, die Community zur Selbstregelung zu bringen. Für gutes Verhalten gibt es Belohnungen, was theoretisch im Gegenzug zu einer noch besseren Gemeinschaft führen soll.
Belohnungen werden Sperren nie ganz ersetzen können. Wenn Belohnungen für gutes Verhalten jedoch einfacher zu erreichen sind als durch Betrug, werden Administratoren aber vielleicht weniger häufig eingreifen müssen.
Es hängt viel mehr an einem virtuellen Leben, als man denkt: virtuelle Währung, echtes Geld, guter Ruf und Statistiken. Es ist hart, all das nach einer Verbannung zu verlieren. IWillDominate kann davon ein Lied singen.
Quelle: cvg