Features19. April 2012 , 02:04 Uhr

Wii U App Store: Wie Nintendo Apple in ihrem eigenem Spiel schlagen könnte

Als Satoru Iwata auf der Game Developers Conference 2011 die Bühne für seine Keynote betrat, erwartete niemand, dass er eine Attacke auf Smartphone-Spiele ausführen würde. Eigentlich hätte mit der Ansprache ein Vierteljahrhundert Gaming gewürdigt werden sollen.

“Hersteller von Mobilfunkgeräten haben kein Interesse daran, hochqualitative Software zu veröffentlichen”, so Iwata. „Deren Ziel ist es vielmehr, so viel Software wie möglich zu bieten, denn sie profitieren von Quantität. Wir sehen also zwei unterschiedliche Seiten der Industrie. Was wir herstellen hat Wert und diesen Wert sollten wir schützen.“

Einige Monate später sagte der Präsident von Nintendo Amerika, Reggie Fils-Aime, gegenüber der Webseite „Game Trailers“, dass „billige Smartphone-Spiele eines der größten Probleme sind, mit der sich die Spieleindustrie heutzutage konfrontiert sieht“.

Aber könnte Nintendo nicht mit den gleichen Waffen zurückschlagen? Im vergangenen Jahr musste Nintendo seinen ersten Betriebsverlust hinnehmen. Die Aktien des Unternehmens erreichten ihren niedrigsten Stand seit fünf Jahren. Investoren gaben ihr Missfallen kund und drängten Iwata angesichts Apples Geräten (die immer stärker im Gaming-Bereich Fuß fassen) dazu, die Entwicklung von Smartphone-Games in Erwägung zu ziehen.

Als die Webseite “The Daily” berichtete, dass Nintendo die Einführung eines App-Stores auf der Wii U planen könnte, fühlte sich diese Nachricht nicht als komplett an den Haaren herbeigezogen an. Da das Gerücht von „einer Person, die mit der Angelegenheit vertraut ist“ stammte, konnte man ihm zwar nicht zu hundert Prozent Glauben schenken, allerdings war eine solche Idee auch nicht mehr komplett von der Hand zu weisen.

Würde ein App-Store im iOS-Stil eine sinnvolle Erweiterung für die Wii U sein? Wir haben unter anderem Nathan Vella, Präsident von Capybara Games, die das exzellente „Might & Magic: Clash of Heroes“ entwickelt haben, nach seiner Meinung gefragt. Vella konnte bereits Erfahrungen mit dem App Store von Apple machen, nachdem er das Ratespiel „Critter Crunch“ und das abstrakte Musikabenteuer „Superbrothers: Sword And Sworcery EP“ für iOS veröffentlicht hat. Wenig überraschend, ist er der Meinung, dass sich ein solches Vorhaben für Nintendo als erfolgreich erweisen könnte: „Nachdem die Wii U auf einer originalen Benutzeroberfläche aufbaut, denke ich, dass ein App-Store sehr nützlich wäre. Er könnte Platz für Kreativität bieten, den ein solches neues Gerät benötigt, ohne dafür auf die First-Party-Studios von Nintendo angewiesen zu sein.“

Unter Kontrolle

Tommy Refenes von Team Meat, Entwickler von „Super Meat Boy“, stimmt dem zu. Er betont allerdings, dass ein solches Unterfangen sorgsam geplant werden muss: „Wenn Nintendo es ermöglichen könnte, dass jeder sein eigenes Spiel kreieren kann, wäre das unglaublich. Das Problem ist jedoch, dass es eine Art Qualitätskontrolle und einige administrative Elemente auf dem Nintendo-App-Store geben müsste. Durch diese Art von Administration könnten sogenannte Shovelware, Klonspiele und generell Spiele mit niedriger Qualität – wie das auf iTunes zu sehen ist – verhindert werden. Man müsste sich dann nicht erst durch unzähligen Müll durcharbeiten, bis man ein Spiel mit guter Qualität entdeckt. Das sollte Nintendos Ziel sein.”

Mit der Idee einer kontrollierten Umgebung für Spieleveröffentlichungen kann sich auch Simon Flesser von Simogo anfreunden. Das schwedische Entwicklerduo konnte auf dem App Store bereits Erfolge mit seinen Spielen „Bumby Road“ und „Beat Sneak Bandit“ erzielen. Ein App-Store für die Nintendo würde laut Flesser auch kleinere Entwicklerteams anziehen.

Flesser dazu: “Eine Reihe interessanter Spiele wurde durch kleine, unabhängige Teams erschaffen und Apple hat es bisher (absichtlich oder unabsichtlich) geschafft, kleinere Entwicklerteams anzuziehen.” Die Gefahr von Shovelware geht aber auch ihm durch den Kopf: „Ich denke, dass die starke Kontrolle und die Auswahlkriterien die Nintendo, Sony und Microsoft bei ihren digitalen Downloaddiensten anwenden, nicht unbedingt eine schlechte Idee sind. Die geringsten Bedingungen dieser Dienste sind noch immer wesentlich höher, als die bei den mobilen App-Stores.“

Jene, die 500 Punkte für “My Fireplace” verschwendet haben, werden der letzten Aussage vielleicht nicht zustimmen. Kritik hat Nintendo bisher vor allem für die Unbeholfenheit geerntet, mit der die Gamer beim Einkauf konfrontiert waren. Bisher fühlte es sich so an, als ob man in ein Geschäft geht, bei dem die Hälfte der Produkte so weit oben in den Regalen stehen, dass man sich strecken muss, um sie zu erreichen. Die Bezahlung wird dann über ein komplexes Tauschsystem geregelt, wobei der Verkäufer lediglich durch Signale kommuniziert.

Der eShop der 3DS ist definitiv ein Fortschritt, aber dennoch empfinden viele Gamer ihn als zu kompliziert. Flesser stimmt dem allerdings nicht zu: „Ich denke, dass die Nutzer den eShop aus Gewohnheit kritisieren. Im Sinne davon, dass Nintendo sich mit Onlineinhalten nicht auskennt. Der eShop der 3DS ist allerdings ein positiver Schritt. Es werden keine Punkte anstatt richtigen Geldes benötigt und es gibt Kategorien und Spielevorschläge. Außerdem erhalten Spieler Inhalte und Empfehlungen über den Nachrichtendienst. Ich denke, dass Nintendo schon fast am Ziel angekommen ist.“

Der unabhängige Spieleentwickler Rhodri Broadbent, ehemaliger Entwickler der PixelJunk-Serie für die PS3, mahnt Nintendo, von seinem größten Herausforderer zu lernen: „Die Geschwindigkeit des iOS-App-Stores, die einfache Suche und Zugänglichkeit sollten auch beim Wii-U-Online-Store berücksichtigt werden. Meiner Meinung nach hat Nintendo bereits einen Schritt nach vorne gemacht und seine Features durch das Update des eShops verbessert. Allerdings ist noch Arbeit nötig, damit es sich so anfühlt, als dass der Store nahtlos in die Hardware integriert ist. Ich hoffe, dass Nintendo durch die Wii U einen weiteren Schritt nach vorne gehen kann, indem das digitale Download-Erlebnis auf der hauseigenen Hardware noch einfacher und besser vonstatten gehen kann.“

Einkaufsliste

Vella zufolge sollten auch Dienste wie Steam in die Überlegungen miteinbezogen zu werden: „Die Antwort ist eigentlich ganz kurz und ziemlich einfach – kopiere einfach Steam und iTunes. Man muss das Rad nicht neu erfinden und die Konsumenten benötigen kein revolutionäres Einkaufserlebnis. Sie benötigen einzig und allein ein gutes.“

Aber was macht ein Einkaufserlebnis zu einem guten Einkaufserlebnis? Vella dazu: „(Nintendo benötigt) eine intuitive, funktionale, einfache Benutzeroberfläche, mit der der Nutzer mittels weniger Klicks einen Einkauf tätigen kann. Die Kreditkarteninformationen müssen gespeichert werden können, damit die Spieler nicht jedes Mal von vorne beginnen müssen, wenn sie Nintendo etwas von ihrem Geld abgeben möchten. Außerdem benötigen sie eine Seite, auf der die besten und neuesten Games sowie Spielepakete und Angebote zu finden sind. Sie benötigen des Weiteren einfache Suchfunktionen. Zudem müssen die Konsumenten die Möglichkeit erhalten, bereits gekaufte Inhalte ein weiteres Mal und zu jeder Zeit sowie von überall aus herunterladen zu können. Sowohl Steam als auch iTunes ermöglichen das, Nintendo sollte von ihnen lernen. Die Grundlagen der digitalen Distribution liegen direkt vor unseren Augen, sie nicht anzuwenden, käme einem Selbstmord gleich.“

Refenes sagt es kurz und bündig: „Solange Nintendo den Kauf eines Spieles mit wenigen Klicks und in so kurzer Zeit wie möglich anbietet, wird alles gut gehen.“

Was würden sich unsere Interviewpartner speziell von einem Wii-U-Download-Store wünschen? Broadbent hat einige interessante Ideen, mit denen die Konsumenten in die richtige Richtung geführt werden sollen, indem erfolgreiche und interessante Games hervorgehoben werden.

Broadbent dazu: “Ich hoffe, dass Nintendo die erhaltenen Nutzerdaten nutzt, um hilfreiche und zugeschnittene Empfehlungen anbieten zu können. Einzelne, große Titel könnten als Schlagzeilen für den Store genutzt werden. Es könnte dann heißen: Game X wurde nun über zehn Millionen Mal gekauft. Oder, gemeinsam haben die Gamer X Stunden an dem Titel Y gespielt. Außerdem sollten die Kategorien und unterschiedlichen Themen ausgebaut werden, um das Schmökern durch den Shop anzuregen. Dadurch würde der Store unterhaltsam und informativ werden und den Spielern durch die vorhandenen Daten mehr Sicherheit bieten, um auch unbekannten Spielen eine Chance zu geben.“

Wenn ein Wii U Store den Anwendern mehr Informationen zukommen lässt, dann sollte das allerdings weiterhin in einem für Nintendo typischen Weg passieren. Flesser dazu: „Ich würde mir von Nintendo erwarten, dass es dennoch seine Eigenart, die den Anwender zum Lächeln bringt, beibehält. Kleine Dinge, wie das Öffnen eines Geschenkpaketes, bevor man mit dem heruntergeladenen Spiel starten kann, finde ich persönlich sehr charmant. Meiner Meinung nach, sind diese kleinen Dinge etwas Einzigartiges und ein Nintendo-Unikum. Ich möchte nicht, dass diese Elemente durch Downloadbalken und überflüssige Informationen wie Dateinamen oder Installationsnachrichten, an denen ich überhaupt kein Interesse habe, ersetzt werden.“

Refenes hat einfachere Ansprüche: “Gute Spiele!”. Vellas Vorschlag ist da schon spezifischer: „Ich würde mir mehr Spiele über oder mit Vögeln wünschen. Einfach alles mit Vögeln. Ich liebe Vögel.”

Broadbent macht sich weniger Gedanken um Vögel als um regional übergreifende Veröffentlichungen: “Ich möchte, dass es üblicher wird, dass Spiele weltweit veröffentlicht werden. Das ist natürlich eine Herausforderung für alle Parteien, allerdings fühlt es sich nicht richtig an, dass die Stores so stark mit einzelnen Regionen verbunden sind. Wenn man bedenkt, dass die Spielegemeinschaft angesichts dessen was sie liest und wie sie untereinander kommuniziert nicht an Regionen gebunden ist, fühlt sich diese Einschränkung bei den Stores unnatürlich an. Das wirkt sich sicherlich auch auf die Verkäufe aus.“ Flesser stimmt dem ebenfalls zu: „Ich kann die praktischen Gründe von Nintendo, regionsspezifische Stores zu unterhalten, schon nachvollziehen. Als Spieler halte ich auf einzelne Regionen beschränkte digitale Inhalte jedoch für dämlich.“

Natürlich ist ein Shop ohne Produkte nur ein Raum voller leerer Regale. Ein großer Teil von Apples Erfolg ist, wie Flesser bereits angesprochen hat, das Fehlen von Einschränkungen, wodurch auch kleinere Studio die Möglichkeit erhalten, ihre Produkte anzupreisen. Das Risiko dabei ist selbstverständlich, dass der Shop von zahlreichen Inhalten niedriger Qualität, die niemand benötigt, überschwemmt wird. Nintendo muss auf jeden Fall mehr tun, um talentierte Entwickler anzulocken. Denn brandneue WiiWare-Veröffentlichungen sind heutzutage eine Seltenheit. Nur wenige Entwickler bieten beispielsweise Exklusivtitel für den eShop der 3DS an.

Veränderung geschieht

Wie soll Nintendo den Status quo allerdings ändern? Flesser zufolge ist das wieder ein regionales Problem: „Wenn man sich die japanische DSiWare und den eShop anschaut, bekommt man den Eindruck, dass es Nintendo dort bereits gut gelungen ist, kleinere japanische Entwickler an Bord zu holen. Sie müssen das Gleiche auch bei unabhängigen Teams im Westen erreichen. Es gab keine Information zum eShop, bevor die 3DS in Europa erschien. Meiner Meinung nach gelingt es Sony besser, kleine westliche Entwicklerteams mit coolen Ideen anzulocken.“

Vella schlägt eine andere Möglichkeit vor, mit der es Nintendo gelingen könnte, selbst Hobbyentwickler anzuziehen: “Einer der wahrscheinlich besten Einfälle von Apple war es, jedes einzelne iOS-Gerät mit einer Gebühr von 99 Dollar zu einem Entwicklerkit zu machen und die notwendige Infrastruktur zur Verfügung zu stellen, mit der diese Idee unterstützt wird. Nintendo täte gut darin, diesem Beispiel zu folgen und es den Entwicklern zu ermöglichen, ihre Wii U ebenfalls in ein solches Tool umwandeln zu können.“ Flesser betont, dass es für Entwicklerteams sehr kostenaufwändig ist, die eigenen Inhalte bewerten zu lassen: „Die Einführung eines Bewertungssystems, wie es bei Apple der Fall ist, und die eigenständige Überwachung wäre eine Möglichkeit.“

Refenes zufolge ist der momentane Aufbau in Ordnung, allerdings hofft er darauf, dass es bei der Wii U keine Einschränkung bei der Größe der Download-Games geben würde: „Wenn sie Einschränkungen einfügen, sollte es sich zumindest um begründete handeln. 40 MB wäre schrecklich, aber 2 GB sind natürlich angemessen. Super Meat Boy hätte auch auf der WiiWare erscheinen können, wenn wir etwas mehr digitalen Platz erhalten hätten. Man kann nur einen gewissen Teil des Spieles komprimieren, bevor man große Teile herausnehmen muss. Ab diesem Punkt stellt das für die Entwickler allerdings eine Zeitverschwendung dar.“ Wird es „Super Meat Boy“ letztendlich auf die Wii U schaffen? „Wenn wir in Zukunft die Möglichkeit dazu bekommen, würden wir unser nächstes Spiel sowie alle anderen definitiv gerne auf der Wii U sehen“, so Refenes.

Zum Abschluss, die wohl wichtigste Frage: Wird das alles überhaupt geschehen? Vella streicht heraus, dass das eigentlich dem widerspricht, was Nintendo bisher dazu gesagt hat: „Das würde bei Nintendo eine radikale und fundamentale Veränderung auf jedem Level verlangen. Es würde auch direkt der Meinung von Herrn Iwata widersprechen, dass App-Stores Spiele entwerten.“

Flesser dazu: “Um das umzusetzen, würde Nintendo wahrscheinlich die Hilfe von einer Firma benötigen, die bereits Erfahrung in diesem Bereich hat. Dass Nintendo eine größere Auswahl von Apps außerhalb des Gaming-Bereiches anbietet, ist wahrscheinlicher. Wir haben das bereits auf der DS beobachten können, wenn auch nicht wirklich außerhalb von Japan.“ Refenes zufolge ist ein Wii-U-Store durchaus wahrscheinlich, allerdings wird es sich seiner Meinung nach, eher um ein dreigliedriges System handeln und nicht um eine offene Plattform im Sinne von Apples App Store: „Man wird für den Nintendo App-Store, den Wii U eShop und physikalische Medien für die Wii U entwickeln können. Das ist es, was ich erwarte.“

Obwohl der eShop der 3DS beweist, dass sich Nintendo in Sachen digitaler Distribution bereits auf dem richtigen Weg befindet, ist es ebenso klar, dass es noch genügend Raum zur Verbesserung gibt. Eines ist gewiss: Egal welchen Weg Nintendo hier einschlägt, es könnte über den Erfolg beziehungsweise Misserfolg der Wii U entscheiden.

Wir drücken die Daumen, dass Nintendo die richtige Wahl trifft.