Features29. November 2012 , 01:11 Uhr
Wii U – Nintendos Tag der Abrechnung
Die Nintendo Wii mit der dazugehörigen Bewegungssteuerung war ein Meilenstein in der Geschichte des Gamings. Erstmals interessierten sich nicht nur langjährige Gamer für eine Konsole. Nintendo erreichte auch völlig neue Käuferschichten, egal ob Hausfrau, Business-Manager oder die Großeltern. Mehr als 100 Millionen Mal ging die Konsole mit dem Wackelcontroller über die Ladentheke. Am Freitag erscheint mit der Wii U nun das nächste Gerät des japanischen Spieleherstellers. Die Konsole soll nicht nur Gelegenheitsspieler begeistern, sondern auch die an Microsoft (Xbox 360) und Sony (Playstation 3) verlorene Schar der Gamer zurückholen.
Doch versteht Nintendo überhaupt, warum die Wii so erfolgreich war? Natürlich haben die offensive Vermarktung und die Neuartigkeit des Systems einen großen Beitrag geleistet. Die Wii wurde aber zur Sensation, weil Nintendo davon überzeugt war, eine neue Idee durchzusetzen. Bei der Wii ging es darum, dass so viele Leute wie möglich Games spielen können. Mit dieser eindeutigen Vision immer im Hinterkopf hat Nintendo eine unaufdringliche und günstige Konsole produziert, die ein wunderbar vereinfachtes und innovatives Steuerungssystem aufweisen konnte.
Der Trick war, die Konsole unsichtbar zu machen. Es ging um die kindliche Freude daran, an Weihnachten im Wohnzimmer die Eingabegeräte zu schütteln, ein Plastiklenkrad zu steuern oder auf einer Waage zu stehen. Die Wii versprach bescheidenen, sorglosen Spaß für die ganze Familie. Doch ist das auch mit der Wii U möglich?
Zwischen den Stühlen
Gelegenheitsgamer sind sehr wankelmütig. Es bleibt abzuwarten, wie die Massen auf die Wii U reagieren werden. Bisher waren die Reaktionen eher verhalten. Es gab keine fieberhafte Aufregung in den sozialen Netzwerken, keine Massenberichterstattung und die TV-Werbung war weniger durchdringend, als sie es gewöhnlich beim Launch neuer Konsolen sind. Dieses Mal kann sich Nintendo weder auf die Kern- noch auf die Gelegenheitszielgruppe verlassen. Die Wii U befindet sich irgendwie zwischen beiden Extremen. Sie könnte beide Zielgruppen befriedigen – oder keine.
Andererseits wurden Nintendos mittlerweile überragend erfolgreichen Konsolen DS und Wii am Anfang ebenfalls belächelt. Man sollte Nintendos Wahrnehmungsvermögen von Marktpotenzial nicht unterschätzen. Auf zwei schlecht vorbereiteten E3-Pressekonferenzen kamen jedoch Zweifel auf, ob Nintendos Führungsebene eigentlich weiß, was sie da mit der Wii U macht.
Komplizierter und teurer
Der Touchscreencontroller mit dem Namen GamePad mag zwar neue Möglichkeiten eröffnen, aber er steht auch zwischen dem Spieler und dem Fernsehgerät. Es ist eine große Herausforderung für Nintendo, eine Tablet-Konsolen-Kombinationen mit demselben sorglosen Spielvergnügen zu verbinden, wie es die Wii geschafft hat. Die Eingabegeräte werden nicht mehr länger geworfen, sondern das GamePad wird einem vorsichtig überreicht. Dazu gibt es eine lange Liste an Erklärungen für die einzelnen Funktionen. Bei der Wii lautete die einzige Erklärung: Einfach mit dem Arm schwingen. Diese Zeiten sind vorbei.
Der Preis ist ebenfalls zu hoch für die Gelegenheitszielgruppe: Das Basispaket wird 299 Euro kosten, für die Premiumversion werden 349 Euro fällig. Durch die zwei verschiedenen Launchpakete wird das System bereits verkompliziert. Außerdem wurde die unverbindliche Preisempfehlung von Nintendos engstem Geschäftspartner Ubisoft kritisiert.
Schlimmer ist jedoch, dass der hohe Preis der Wii U nicht einmal ausreichend für Nintendo ist, um einen Gewinn bei jedem Verkauf zu erzielen. Das ist zum einen auf die Komplexität des GamePads zurückzuführen und zum anderen auf Nintendos Ziel, mit der Konsole die Hardcoregamer anzusprechen. Denn deshalb wurde viel Geld in die Entwicklung gesteckt, um die bestmögliche Grafik zu erzielen.
Nicht Fisch, nicht Fleisch
Der Mangel an Überzeugung von Nintendo selbst spricht jedoch Bände. Das Unternehmen läuft nicht nur Gefahr, die Gamerzielgruppe nicht zurückgewinnen zu können, sondern auch die Verleger zu verlieren, die diese Zielgruppe bedienen. Die technischen Spezifikationen der Wii U werden sich sicherlich deutlich von den zukünftigen PlayStation- und Xbox-Konsolengenerationen unterscheiden. Hierdurch sind die Entwickler stark eingeschränkt.
Ein Fluch der Original-Wii war ihr Ruf, dass die Spielversionen der großen Plattformen, zum Beispiel “Modern Warfare” auf der Wii, schrecklich waren. Die geringe Leistungsfähigkeit der Hardware hat die großen Entwicklerstudios abgeschreckt, und die Verantwortung zur Übertragung der Games auf die Nintendo-Konsole wurde oftmals an externe Teams abgedrückt, die mit weniger fortschrittlichen Engines arbeiten mussten. Durch die schwache Systemleistung der Wii haben die Entwickler nicht viel Ehrgeiz in die Produktion von Wii-Games gesteckt. Verleger wie Activision und EA wussten einfach, dass die Kernzielgruppe ihre Games nicht auf der Wii spielen wird und haben sich den Aufwand gleich gespart.
Um diesem Fluch ein Ende zu setzen, müsste die Wii U gut genug sein, um die großen Games der nächsten fünf Jahre abspielen zu können. Das würde den Preis der Konsole jedoch weiter in die Höhe treiben und somit Nintendos Chancen zerschlagen, die Gelegenheitszielgruppe einfangen zu können.
Leiser Launch
Ein Markt zerstört den anderen. Nintendo wollte beide Zielgruppen vereinen und mit einer Konsole befriedigen und hat sich dabei unbemerkt in eine riskante Situation befördert. In einer solchen Situation sollte das Unternehmen keine Fehler machen. Leider sind diese trotzdem aufgetaucht.
Nur wenige Tage vor dem Wii-U-Launch in den USA waren die Onlinedienste weiterhin ein Geheimnis und die Hauptspiele waren Versionen von alten Unreal-Engine-3-Titeln, die zum vollen Preis wieder angeboten wurden. Der doppelte Bildschirm ist zwar eine nette Abwandlung, aber die meisten Games („ZombiU“ ist eine der wenigen Ausnahmen) integrieren die Funktionen des GamePads kaum in ihr Gameplay.
Nintendo preist zwar die Eigenschaften des sogenannten “asymmetrischen Gameplays”, aber in Wirklichkeit isoliert sich das Unternehmen damit. Viele Verleger befinden sich in einem Dilemma: Entwickeln sie ein Wii-U-Game von Grund auf oder fügen sie ihren Multiplattformtiteln einfach ein paar neue Features hinzu? Bei der Entscheidung für Ersteres ist das Ergebnis ein Game, das exklusiv auf der Wii U benutzt werden kann – und nur auf dieser. In einer Zeit, in der Verleger sich auf so viele Konsolen wie möglich konzentrieren wollen, werden sich die meisten für letztere Option entscheiden, worunter die Qualität der Games sicherlich zu leiden hat.
Anspruchsvoller Spagat
Schon während der GameCube-Ära hat Nintendo die Gamerzielgruppe verloren. Die Geschmäcker haben sich weiterentwickelt und Nintendo hat sein Glück anderweitig gefunden. Wenn sich ein Unternehmen innerhalb eines Jahres eine Führungsposition auf dem Markt verschafft, scheinen solche Probleme anscheinend schnell vergessen zu sein.
Mit der Wii U kommt jedoch Nintendos Tag der Abrechnung. Das Unternehmen wird sich mit der neuen Konsole seiner Kernzielgruppe wieder zuwenden, von der es sich vor etwa zehn Jahren verabschieden musste. Gleichzeitig will Nintendo die gute Beziehung zu den Gelegenheitsspielern aufrechterhalten. Eine anspruchsvolle Aufgabe.
Wir wollen nicht urteilen, aber diesen Spagat hat bisher kein Plattforminhaber geschafft. Oder hat es bisher nur noch niemand versucht?
Quelle: cvg

