Tests19. Oktober 2012 , 02:10 Uhr
007: Legends
Ein Agent im Anzug mit einer Walther PPK/S in der Hand nähert sich heimlich Fort Knox und versteckt sich hinter einem Jeep. Bisher alles sehr Bond-typisch.
Er nähert sich einer spitzen Stacheldrahtabsperrung und zieht plötzlich die Pistole aus der hinteren Hosentasche. Er knallt einem Dutzend Grünhelmen direkt ins Gesicht. Sie fallen zu Boden wie Stoffpuppen. Der Rest des Militäraufgebotes schnappt sich Panzerfäuste und versengt damit willenlos die Umgebung. Nachdem der Agent eine lange Zeit in der Deckung geduldig auf die Wiederaufladung der Gesundheit wartet, schlendert er in den Militärstützpunkt. Genau wie in „Goldfinger”!
Das ist die erste der sechs Bond-Ären, die das Daniel-Craig-Double im Game in die Luft jagt. In den anderen Klassikern „On Her Majesty’s Secret Service”, „Moonraker”, „License to Kill”, „Die Another Day” und „Skyfall” (welches nach dem Launch als kostenloser DLC herausgegeben werden soll) kann man ähnliche Orte durchs Visier erforschen. Hierbei kann man Soldaten aller Volkszugehörigkeiten in Blofelds Vulkanbasis, Hugo Drax’ Weltraumstation und Gustav Graves’ Eispalast abschießen.
Im Geheimdienst Ihrer Travestie
Es wurde nie erklärt, warum man im gesamten Game den blonden Bond spielt, anstatt Connery, Lazenby, Moore, Dalton oder Brosnan. Ein weiteres Mysterium ist die Handlung. Es bleibt irgendwie unklar, was, wann und wie alles passiert. Unvergessliche Momente der Filme werden respektlos in die Geschichte gezwängt.
Im ersten Kapitel findet Bond seine Freundin in Gold bemalt auf einem Bett ausgebreitet. Sie wurde uns weder vorgestellt, noch wurde ihre Bedeutung erklärt. Aber was solls, ist ja schließlich im Film passiert, also muss es irgendwie ins Spiel. Als wir später aus Goldfingers Festung fliehen, springen wir in unseren Aston Martin und werden von einem willkürlichen Schlägertyp als Geisel genommen. Das ist aber kein Problem. Craig drückt einfach ganz cool die Auswerftaste und schleudert den ungeliebten Passagier damit in die Luft. Das ist doch auch einmal in den Filmen passiert, richtig? Entwickler Eurocom tendiert dazu, berühmte Bond-Momente auszuwählen und sie nach Belieben zusammenzubasteln.
Die Pflicht ruft
Die Level zeigen einen ähnlichen Mangel an Inspiration. Für jede emporragende Riesenglaskuppel gibt es eine typische Ladebucht oder einen Industriekomplex. „007: Legends” kopiert die Konzepte der Filme, ohne zu hinterfragen, warum.
Außerdem stiehlt das Game die „Call of Duty”-Vorlage in großem Umfang. Das Ganze wird hinter kurzen Sequenzen versteckt, in denen man mit seinem Smartphone Fingerabdrücke aufleuchten lässt oder sich Zugang zu Hauptrechnern über druckempfindliche Sicherheitsvorrichtungen verschafft. Dabei tötet man jeden, der einem über den Weg läuft, entweder auf einem Berg, auf einem Schneemobil, in einer Straßenbahn, im Weltall, in einem Quick-Time-Event, auf einem Panzerturm oder beim Wegrennen aus einer einstürzenden Basis. Es gibt zugegebenermaßen vielfältige Szenarien, aber im Endeffekt ist alles dasselbe.
Bond für Arme
Der „007: Legends”-Bond ist kein echter Bond. Bond ist ein absolut cooler Typ, der Psychospielchen am Pokertisch im Kasino betreibt. In den Filmen geht es um Infiltration, Macht, Tricks und den ein oder anderen lahmen Witz. Das einzige, was „007: Legends“ aus der 50-jährigen Selektion übernimmt, sind die Teile, in denen Bond eine Kanone abfeuert.
Das wäre ja nicht einmal so schlimm, wenn die Schießszenen wenigstens gut wären. Sind sie aber leider nicht. Es handelt sich bei „007: Legends“ sogar um einen der lahmsten Egoshooter dieser Generation. Tödliche Waffen werden lächerlich seicht dargestellt, und irgendwie haben es die Entwickler sogar geschafft, dass sich das Abfeuern einer Uzi so anfühlt, als würde man mit einer Spielzeugpistole feuern. Das Spiel versucht zwanghaft wie „Call of Duty“ zu sein, während es sich stattdessen „Hitman“ als Vorbild hätte nehmen sollen.
Mission: Nachahmen
Es gibt ein paar Anschleichmomente, für die man durch Pop-up-Fenster kompatible Bereiche (durch Feinde, die einem praktischerweise den Rücken zukehren) angezeigt bekommt. Aber durch die Unfähigkeit, Leichen zu verstecken und Wächter, die anscheinend telepathische Fähigkeiten haben (wenn einen einer entdeckt, sehen einen sofort alle), wird man nicht wirklich zum Anschleichen ermutigt. Es entsteht keinerlei Spannung, da man genau weiß, dass man jederzeit sein Maschinengewehr ziehen und ordentlich auf den Putz hauen kann.
Der Vergleich mit „Call of Duty” geht sogar bis hin zu den Challenges: 20 Kopfschüsse mit einem AK47 erzielen, eine Meile sprinten oder zehn Genicke brechen liefert einem Erfahrungspunkte, mit denen man Extras und Waffenzubehör kaufen kann. Die eigenständigen Missionen ähneln dem „Spec Ops”-Modus aus „Modern Warfare”. Es gibt vier davon: Defence (Ströme von Feinden bekämpfen), Infiltrate (sich unbemerkt in eine Basis einschleichen), Assault (jeden abknallen) und Escape (fliehen). Keine dieser Missionen ist besonders detailliert ausgearbeitet und Szenarien aus der Kampagne werden wiederholt.
Ein Lichtstreifen am Horizont
Der Multiplayermodus zeigt zumindest ein wenig Originalität. Jede Bond-Legende weist unverwechselbare Charaktereigenschaften auf. Oddjob wirft selbstverständlich seinen tödlichen Hut für einen sofortigen Kill, Zorins Granaten haben nur eine kurze Lunte und gehen schnell in die Luft (so wie er selbst), Pussy Galore kann dank ihrer hervorragenden Fitness unendlich lange laufen und Dr. No verfügt über kugelsichere Ausrüstung.
„007: Legends” zeigt in Abschnitten, welche große Bedeutung die Bond-Games zu einer Zeit hatten, als „GoldenEye” in den Wohnzimmern vorherrschte. Der Splitscreen für vier Spieler macht einen dabei noch nostalgischer.
Der erste Fehler von Entwickler Eurocom ist, dass er kein Bond-Game produziert hat. Der zweite Fehler ist, dass „007: Legends” nicht einmal ein guter Ersatz für ein Bond-Game ist. Die total zusammengestückelte Handlung, eine Kampagne die von einem Szenario willkürlich zum nächsten springt und der schwache Abklatsch von „Call of Duty“-Bestandteilen bieten keinen Anreiz, „007: Legends“ zu spielen. Wie M sagen würde: Es handelt sich dabei um einen Dinosaurier, ein Relikt.