Tests13. Dezember 2012 , 01:12 Uhr
“Aliens: Colonial Marines” – Ein erster Test
“Aliens: Colonial Marines” wurde bereits 2007 zum ersten Mal angekündigt. Endlich konnten wir den Egoshooter einem ersten Testdurchlauf unterziehen.
“Aliens: Colonial Marines” hat sich von Anfang an in den Händen des texanischen Entwicklers Gearbox befunden. Trotzdem sind wahre „Aliens“-Fans besorgt über das Endprodukt, welches wir im Februar 2013 in den Händen halten dürfen.
Egoshooter oder Fantribut?
“Aliens: Colonial Marines” muss nicht nur das Gewicht eines fünfjährigen Entwicklungszyklus auf seinen schleimigen Schultern tragen, es muss zusätzlich seinen Erfolg in zwei unterschiedlichen Kategorien beweisen: Zum einen als spannender Egoshooter mit soliden Waffen, spannendem Feindesverhalten und gutem Leveldesign und zum anderen als eine Art virtuelles Museum für Giger-, Scott- und Cameron-Fans. Shooter-Fans und Science-Fiction-Nerds in einem einzigen Spiel zufriedenzustellen sollte doch kein Problem sein, oder?
Man sollte meinen, dass “Colonial Marines” sich zunächst der Befriedigung der Fans widmet. Immerhin handelt es sich bei dem Game (wie Gearbox nie müde wurde zu erwähnen) um ein anerkanntes Sequel zu „Aliens“, welches direkt an die Ereignisse von „Alien 3” anschließt. Ein Fehler in der Handlung und das ganze Projekt geht den Bach runter. Trotzdem zeigt unsere erste Testsitzung mit dem Game, dass „Colonial Marines“ ein sehr stimmungsvolles Spiel ist. Es ist spannend und spielt mit Schatten und xenomorphen Silhouetten in der Art, wie es alle „Aliens“-Titel seit Rebellions „Aliens vs. Predator“ (1999) gehalten haben.
Was sollen wir sagen, es macht eben einfach Spaß, über einen Gipfel auf dem Planeten LV-426, dem Schauplatz des Films aus dem Jahr 1986, zu stürmen und die Kolonie Hadley’s Hope am Horizont zu erspähen. Genauso erfreulich ist es, durch die Korridore von Hadley’s Hope geleitet zu werden, an den Wachen vorbeizugehen, die Camerons Besetzung aufgegeben haben und auf die von Säure überzogenen Bodenplatten zu treten.
“Colonial Marines” sieht nicht nach erstklassiger Technologie aus, aber durch die Technik des “Deferred Lighting” (“verzögerte Beleuchtung”) werden relativ einfache Oberflächen viel dramatischer dargestellt.
Wie im Kino
Leider ist der Auftritt der ersten Aliens überraschenderweise ziemlich fad. In den Filmen war das Erscheinen des ersten Xenomorphs immer ein Wahnsinnsereignis. Man hat sich des Öfteren gefragt, ob die ganze Besatzung von den Bestien sofort am Anfang ausgelöscht wird und man den Eintrittspreis nur für einen 40 Minuten langen Film bezahlt hat. Dieses Gefühl fehlt in „Colonial Marines“. Es gibt natürlich viel mehr Aliens als in den Filmen und es wäre unnötig, für jeden Feind einen Riesenauftritt zu inszenieren, aber die KI-Teamkollegen sollten wenigstens so tun, als wären sie in Lebensgefahr.
Manchmal verhalten sie sich, als wäre gar nichts Besonderes los und verfolgen die Xenos träge mit ihren S.M.A.R.T.-Pistolen oder ihrem Pulse-Gewehr und nehmen Kratzer und Bisse affektiert in Kauf. Da verhalten sich die Xenomorphs schon überzeugender. Damit meinen wir, dass sie sich, genau wie in den Filmen, wie Menschen in Gummianzügen bewegen. Das ist kein Zufall. Spieledesigner Chris Neely sagte, dass dies absichtlich zu Ehren der Vorlage gestaltet wurde.
Deshalb nehmen die “vermenschlichten” Feinde des Öfteren Positionen aus den Filmen an. Wenn man einer Kreatur zum Beispiel eine Flinte unters Kinn hält, bewegt sie sich genauso, als würde Hicks das Manöver ausführen.
Zu originalgetreu
Der Kontakt mit Feinden in „Colonial Marines“ macht durch seine Treue zur Vorlage umso mehr Spaß. Das Leveldesign wird durch diese Vorgaben jedoch eingeschränkt. Die Herausforderung der Leveldesigner ist, dass der perfekte Schauplatz eines 1986er Hollywood-Films leider nicht die perfekte Umgebung für einen 2012er Egoshooter ist. Durch sein Streben nach Authentizität hat Gearbox ein paar enge, oftmals verwirrende Level kreiert. Bei manchen Missionen hat man das Gefühl, dass sich die vier Weltraumsoldaten nicht einmal bewegen können, ohne einander auf die Füße zu treten.
„Colonial Marines“ zeichnet sich besonders in der Authentizität und der Atmosphäre des Spiels aus und riskiert darüber einen Mangel an Raffinesse, die ein Shooter aufweisen sollte: sinnvolle Ziele, erinnerungswürdige Gefechte sowie das klare Wissen, warum man hier ist, was man macht und wo man als nächstes hingehen muss. Es gibt aber noch Hoffnung für „Colonial Marines“, nämlich in Form eines optionalen Koop-Partners.
Dieser Modus ist bisher noch nicht zum Einsatz gekommen. Wenn man sich jedoch vorstellt, dass die oftmals untauglichen KI-Marines durch Kumpels mit Headsets, guten Zielfähigkeiten und einem Repertoire an Einzeilern aus den Filmen ersetzt werden, erhält man sicherlich einen guten Eindruck des Modus. Die Industrie versucht zwar, uns durch Übersättigung die Freude am gemeinsamen Schießen mit Freunden zu verderben, aber manche Momente sind einfach perfekt dafür geschaffen: Wir sind zwei Weltraumsoldaten, einer führt ein paar Checks an der Apparatur durch, während der andere flüstert „Cool bleiben“.
Mehr Spieler, mehr Spaß
Außerdem gibt es natürlich noch den unvermeidbaren Mehrspielermodus. Am Anfang hat es den Anschein gemacht, als würde Gearbox diesen nur entwickeln, damit es auf Präsentationen etwas zum vorzeigen hat, bis der Kampagnenmodus fertiggestellt ist. Es gibt den Multiplayer aber zum Glück immer noch und mit den neu angekündigten Escape- und Extermination-Modi klingt er ziemlich gut.
Beim Kampf von Marines gegen Xenomorphs ergibt sich ein sehr asymmetrisches Gameplay, aber Gearbox hat tolle Arbeit bei der Ausbalancierung der beiden Spezies geleistet. Angeber müssen jedoch aufpassen. Wer sich alleine auf die Jagd nach den Xenos macht, hat so gut wie verloren. Hierzu erklärte Neely: „Die Aliens wissen, was sie tun, und die Weltraumsoldaten müssen zusammenbleiben, wenn sie nicht vernichtet werden wollen. Wenn man mit seinen Kumpels zusammenarbeitet und sich gegenseitig hilft, hat man eine Chance.“
Es handelt sich bei den Multiplayermodi auch nicht nur um irgendwelchen Marketingmist. Ob man im Escape-Modus verschiedene Türen freischalten muss oder im Extermination-Modus Bomben in Alienlager auflädt, man muss dabei immer einen kühlen Kopf bewahren. Die Modi sind unglaublich teamfokussiert und sehr befriedigend.
Ich bin ein Alien
Die Alienspieler müssen ebenfalls ziemlich gewitzt vorgehen. Wenn man einfach auf einen Frontalangriff setzt, hat man schon verloren. Aber warum sollte man das auch tun? Schließlich kann man an Wänden und Decken entlanggehen. Wenn man in der Splitter-Klasse spielt, kann man den Marines säurehaltige Galle ins Gesicht spucken. In der Bull-Klasse kann man einen Rundumschlag wie ein Panzer aus “Left 4 Dead” ausführen.
Es gibt also genug Möglichkeiten. Am besten funktionieren immer noch strategische Schleichattacken. Krallenangriffe sind überraschend schwach. Man kann auch ein Manöver mit seinem Schweif ausführen und seinen Feind aufspießen, aber dieser Move ist ziemlich schwierig. Egal, welche Klasse man wählt, man spielt immer in der Perspektive der dritten Person. Dadurch soll der erhöhte Aufmerksamkeitssinn der Xenomorphs dargestellt werden (und das Fehlen ihrer Augen).
Bei der Ausführung kann die Kamera jedoch ziemlich störend sein. Anstatt direkt die Wand hochzulaufen, kommt man des Öfteren vom Kurs ab und jagt plötzlich seinem eigenen Schweif nach. Wenn der Mehrspielermodus von „Colonial Marines“ ein Hit werden soll, muss Gearbox deutliche Verbesserungen an der Third-Person-Kamera vornehmen.
Hoffentlich kommt dabei ein gutes Ergebnis heraus, denn die von uns gespielten Modi haben uns sehr gefallen. Sie sind gut ausbalanciert, sorgen für ununterbrochene Spannung und während sie kein fantastisches Kartendesign vermitteln, so gibt es doch genug Wege, um jede Runde unberechenbar zu gestalten. Es gibt viele Ranglisten, durch die man sich online profilieren kann sowie nette Anpassungsoptionen oder legendäre Waffen wie Hicks’ Shotgun zum freischalten.
Hohe Erwartungen
Insgesamt fühlt sich das „Aliens: Colonial Marines“-Onlineerlebnis jedoch noch nicht ganz ausgereift an. Es müssten vom ersten Tag an Patchs und reguläre Updates herausgegeben werden. Hardcorefans werden die kleinen Mängel jedoch sowieso freimütig übersehen, da die „Aliens“-Lizenz allein schon Grund zur Freude ist.
„Aliens: Colonial Marines“ wird keine technische Errungenschaft sein, aber die Stärke der Atmosphäre und der Zweitnutzen als Egoshooter-Alien-Enzyklopädie machen das Spiel zu einem klaren Favoriten für das beste Spiel seit Rebellions 1999er Titel, das den Namen “Aliens” tragen darf.
Quelle: cvg