Tests14. Januar 2013 , 12:01 Uhr

“Anarchy Reigns” im Test

Nach der Gelassenheit und Anmut des letzten Prügelspiels “Bayonetta”, liefert Entwickler Platinum Games mit “Anarchy Reigns” ein komplett anderes Kampferlebnis.

“Anarchy Reigns” ist schwerfälliger und ungehobelter als “Bayonetta”, aber trotzdem genauso stilvoll.

Da es sich um ein Third-Person-Arenakampfspiel handelt, vergleicht man “Anarchy Reigns” automatisch mit “Power Stone”, „God Hand“ und sogar „Streets of Rage“. Es ist jedoch sinnlos, die anderen Spiele zu Hilfe zu nehmen, um „Anarchy Reigns“ zu verstehen, da es (wie alle Spiele von Platinum Games) Konventionen meidet und sein eigenes Ding durchzieht. Es teilt jedoch eine Sache mit den oben genannten Games: „Anarchy Reigns“ hat festgestellt, das Wichtigste beim Kämpfen ist, dass man dabei gut aussieht.

Einfache Moves

“Anarchy Reigns” besitzt ein rhythmisches Kampfsystem, wodurch einen das Spiel sowohl beim Zusehen als auch beim Interagieren hypnotisiert. Diese Leistung ist angesichts der schmierigen Grafik und des Designs, das nicht gerade Poesiekunst hervorruft, umso beeindruckender.

Verglichen mit den ausladenden Anpassungsoptionen, die man in früheren Platinum-Arbeiten (zum Beispiel in “God Hand” oder “Bayonetta”) zur Verfügung hatte, ist das Kampfsystem in “Anarchy Reigns” einfach und statisch. Jeder Charakter ist mit einer kleinen Auswahl an Bewegungsabläufen ausgerüstet. Hierzu zählen beispielsweise ein Wurf, eine leichte Attacke und eine härtere Attacke.

Zusätzlich kann jeder der 18 Kämpfer eine eigene Spezialattacke ausführen, die man nach der Benutzung wiederaufladen muss. Man kann entweder warten, bis sich die Anzeige von allein wieder aufgefüllt hat oder die Wiederaufladung durch “Taunts” (Provokation anderer Kämpfer) beschleunigen. Zur Verteidigung hat man eine Abwehrbewegung, eine Rolle und eine Paniktaste zur Verfügung. Durch die Paniktaste wird jeder in der Nähe dem Erdboden gleichgemacht, wofür man mit einer Einheit der Gesundheitsleiste bezahlt.

Das war im Grunde auch schon alles. Obwohl es in “Anarchy Reigns” ein Erfahrungspunktesystem gibt, kann der Charakter damit nur Perks wie in “Call of Duty” erzielen. Die Moves sind von den Erfahrungspunkten aber nicht betroffen und bleiben über den gesamten Spielverlauf gleich.

Kampfrhythmus

Durch die geringe Auswahl an Bewegungsabläufen wird ein nuanciertes Kampfsystem verhindert. Der Schlüssel zum Erfolg liegt im Rhythmus. Willenloses Tastendrücken bringt einen zwar ein Stück weit, aber um die längeren, brutaleren Kombinationsketten auszuführen, muss man wohlüberlegter an die Sache herangehen. Dies erreicht man, indem man die Angriffe variiert und die Tasten genau zur richtigen Zeit drückt, sodass sie mit den natürlichen Pausen im Kampfablauf übereinstimmen.

Es kann eine Weile dauern, bis man seinen Schwung findet, denn in den Übungseinheiten werden viele Aspekte des Kampfsystems nicht erklärt. Sobald der Groschen gefallen ist und man seinen Rhythmus gefunden hat, wird man von „Anarchy Reigns“ verschlungen, wie es alle guten Prügelspiele tun. Ein gutes Kampfgame erkennt man daran, ob es Spaß macht, sich absichtlich in eine Bande Schlägertypen zu stürzen, nur weil man so gerne kämpft. „Anarchy Reigns” hat diesen Test mit wehenden Fahnen bestanden.

Singleplayerkampagne

Der Einzelspielermodus kommt dabei jedoch nicht ganz so gut weg. Er beinhaltet eine Reihe von Nebenmissionen und Endgegnerkämpfen, die um ein paar Knotenpunkte verstreut liegen. Missionen werden erst freigeschaltet, nachdem man lange genug umhergewandert ist und genügend Feinde verdroschen hat, um die erforderliche Punktezahl zu erreichen.

Das ist eine langweilige Methode, um die Singleplayerkampagne künstlich in die Länge zu ziehen. Sie bringt einen eher dazu, den Modus vor der Beendigung aufzugeben. Glücklicherweise sind die eigentlichen Missionen die Wartezeit aber wert. Diese sind eine kreative Mischung aus Überlebensherausforderungen, Zeitattacken, Luftkissenbootrennen und (gerade als man geglaubt hat, alles gesehen zu haben) einem Todeskampf gegen einen Tintenfisch in Übergröße. Die Endgegnerkämpfe sind ebenfalls kreativ gestaltet und werden von wahrhaft bizarren Dialogen eingerahmt, die beim Spieler fast immer ein Lächeln hervorrufen.

Der Einzelspielermodus ist jedoch nur eine Nebenattraktion in “Anarchy Reigns”. Nachdem man damit fertig ist und alle Charaktere für den Mehrspielermodus freigeschaltet hat, wird man erkennen, warum die Übungslektionen am Anfang so vage waren. Die gesamte Singleplayerkampagne stellt im Endeffekt eine Trainingseinheit dar, die einen auf die wetteifernde Multiplayerkomponente vorbereitet. Dort geht es dann richtig zur Sache.

Mehrspielermodus

Sobald man sich in das erste Onlineabenteuer aufmacht, wird man wahrscheinlich gerade lange genug überleben, um herauszufinden, wie die Level-50-Veterane einem alle 30 Sekunden die Zähne ausschlagen können. Die Einführung in die Onlinekampfwelt ist ein klassischer Fall von „ins kalte Wasser springen“. Es ist jedoch sehr belohnend, die Fähigkeiten gegen andere Spieler zu testen, und langsam aber sicher lernt man aus seinen Fehlern.

Das lockere Kampfsystem macht während der Mehrspielerraufereien mehr Sinn. „Anarchy Reigns“ legt nicht allzu viel Wert auf die Kampfanimationen oder komplizierte Kombos, wie einige andere Haudrauf-Spiele auf dem Markt. Deshalb ist der Charakter flexibler darin, wie er mit den immer chaotischer werdenden Situationen um ihn herum umgeht. Manche Modi unterstützen bis zu 16 Spieler und man benötigt eine Portion Glück, wenn sich die Todeskämpfe in ungeschickte Raufereien verwandeln. Das verringert jedoch nicht die Intensität oder Freude am Spiel.

Der Entwickler Platinum Games begrüßt Spontaneität und verschiedene Umstände sogar in seinem Konzept. Die Deathmatch-Arenen mittlerer Größe sind regelmäßig von zufälligen Ereignissen betroffen, an die sich die Spieler gezwungenermaßen anpassen müssen. Hierzu gehört ein wegrollender Lastwagen, der wild durch das Level fährt und Spieler dazu zwingt, in Deckung zu springen. Die Kämpfe setzen dabei nicht eine Sekunde aus.

Online ist nicht alles

Man kann zwischen 13 verschiedenen Onlinespielmodi wählen (von Überlebensvarianten bis hin zu einer eigenartigen Version von “Speedball 2”) und hat somit theoretisch viel zu sehen und zu tun. Wir haben jedoch Bedenken, ob „Anarchy Reigns“ nicht trotzdem etwas zu dünn gestreut ist.

In Japan hat sich das Prügelspiel nicht allzu gut verkauft. Es ist somit relativ wahrscheinlich, dass es in Europa ähnlich laufen wird. Wie voll werden die Server in sechs Monaten noch sein? Das ist unmöglich vorherzusagen, wir vermuten aber, dass sie nicht mehr stark bevölkert sein werden. Dadurch stößt sich „Anarchy Reigns” selbst ein Messer in den Rücken, da die Singleplayerkampagne zugunsten des Onlinemehrspielermodus vernachlässigt wurde. Noch verwunderlicher ist, dass es keinen lokalen Mehrspielermodus gibt. “Anarchy Reigns” wäre das perfekte Game für einen Splitscreen gewesen.

Fazit

“Anarchy Reigns” hat definitiv nicht all seine Möglichkeiten ausgeschöpft. Als Pionier für 3D-Prügelgames ist “Anarchy Reigns” von großer Bedeutung und beweist, dass diese Gattung in einer Onlinewelt funktioniert. Platinum Games hat seine eigenen Anstrengungen jedoch zunichte gemacht, da es keinen fesselnden Offlinerahmen entwickeln konnte oder wollte, der die Kämpfe ebenso gut darstellt wie die Onlinemodi.

Insgesamt erhält man dadurch ein schlecht ausbalanciertes Gesamtpaket, das kein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis bietet. Der Wert wird sich sogar noch verringern, wenn die Onlineserver beginnen, sich zu leeren. Erfahrene Spieler, die sich auf „Anarchy Reigns“ voll einlassen, werden definitiv Spaß mit dem Game haben. Die verwirrende, langwierige Einzelspielerkampagne könnte jedoch Neulinge davon abhalten, den Mehrspielermodus überhaupt auszuprobieren.

Wer bereit dazu ist, tief zu graben, den erwartet mit “Anarchy Reigns” viel Spielspaß. Alle anderen werden sich anstelle von Anarchie jedoch etwas mehr Recht und Ordnung wünschen.