Tests26. April 2012 , 01:04 Uhr
Binary Domain
Grenzen zwischen Maschine und Mensch verschwimmen, nachdem der Amada-Konzern die Genfer Konvention bricht und humanoide Roboter, die Seelenlosen, erschafft.
Ausgestattet mit einem Headset, senden wir ein SOS-Signal über das Sprachsteuerungsfeature in “Binary Domain“ aus. Bo, ein afroamerikanischer Charakter in dem Game, antwortet sofort, doch steht teilnahmslos an unserer Seite, während wir ein weiteres Mal „Hilfe“ ins Mikro schreien. Langsam färbt sich der Bildschirm rot und uns ist klar, dass wir dem Tode nahe sind. „Ich bin gleich da“, antwortet Bo. Doch es passiert nichts. Bo steht wie angewurzelt, schießt nicht mal auf Feinde. Wir schreien weiter vergebens ins Mikro, doch verbluten und sind schließlich tot.
“Binary Domain” ist ein Third-Person-Shooter, produziert von dem Team, welches schon die Yakuza-Serie herausgebracht hat. Das größte Plus im Game ist die Sprachsteuerung. Damit kann man direkte Kommandos erteilen oder mit anderen Charakteren sprechen. Das Feature wäre ziemlich cool, wenn die AI nicht so überaus dumm wären und die Spracherkennung konstant funktionieren würde.
Entweder werden die Kommandos gehört, aber die Ausführung abgelehnt oder sie glauben, man hat etwas komplett anderes gesagt hat. Wann immer wir „Gruppiert euch neu!” ausrufen, glaubt Big Bo seinen Namen gehört zu haben und antwortet “Was geht, Kumpel?”. Schon wird Big Bo von Feinden überschwemmt und stirbt.
Um ehrlich zu sein, ist es einfacher den Kontroller zu verwenden. Dann macht das Game Spaß, denn man braucht sich keine Sorgen zu machen, dass Kommandos überhört oder ignoriert werden. Man drückt einfach eine Taste and wählt ein bereits voreingestelltes Kommando aus und erhält sofort eine Antwort. Möchte man also ohne Headset spielen, streikt das Spiel jedoch und warnt uns vor geringer taktischer Kontrolle. Dies sollte man getrost ignorieren und sich nicht mit der Sprachsteuerung rumschlagen, sondern einfach ein schlichtes Shooter-Game genießen.
Hassliebe
Man schlüpft in die Rolle von Dan Marshall, ein Mitglied einer Elitegruppe von Soldaten, deren Arbeit es ist, Seelenlose zu jagen. Das sind Maschinen, die sich wie Menschen verhalten, doch nicht wissen, dass sie Roboter sind. Denkt da jemand an Cylon Sharon „Boomer“ Valerii?
Wie man von den Produzenten der Yakuza-Serie erwarten kann, ist die Handlung bestens erzählt, auch wenn die Dialoge der Hauptcharaktere aus simplen Einzeilern bestehen. Es ist kein erzählerisches Meisterwerk, doch es ist um einiges besser als die meisten Shooter.
“Binary Domain” ist unglaublich interaktiv. Es kann vorkommen, dass Charaktere plötzlich stehen bleiben und eine Frage stellen. Abhängig davon, wie man reagiert, bilden sich die Charaktere eine Meinung über Dan Marshall. Je mehr sie Marshall akzeptieren, desto mehr Kommandos werden sie befolgen. Tritt man ihnen jedoch auf den Schlips, so wenden sie sich von Marshall ab. Diese Interaktivität gibt den Gamern das Gefühl, tatsächlich die Handlung im Spiel beeinflussen zu können, anstatt nur Szene für Szene abzuhaken.
Am Anfang des Games bilden Dan und Big Bo mit Faye, einer attraktiven, chinesischen Agentin, ein Team. Während des Spieles kommentiert Bo beispielsweise ihren verlängerten Rücken. Stimmt Dan dem zu, so stärkt dies die Kameradschaft zwischen ihm und Bo, verringert jedoch den Respekt den Faye ihm gegenüber hat, und umgekehrt. Im weiteren Verlauf des Spieles muss Dan weitere moralische Entscheidungen treffen und wird diesbezüglich vom Team bewertet. „Binary Domain“ hat einen sehr speziellen Sinn für Humor.
Nicht nur Dialoge können das Team beeinflussen, sondern auch das Verhalten von Dan. Während eines Gefechts wird Dans Kampfführung vom Team überwacht. Braucht Dan länger als gewöhnlich, um sich durch eine Masse von Seelenlosen zu kämpfen, so schreien ihn seine Teamkollegen an und man erhält Minuspunkte. Doch versohlt man einem Feind so richtig den Hintern, so wird man vom Team gelobt.
Man verliert auch Punkte, wenn man etwas vermasselt. In einem Level muss Dan ein Kabel in die Richtung eines gigantischen Roboters schwingen, sodass dieser an einem elektrischen Schock krepiert. Verfehlt man den Roboter, rastet das Team aus. Im Game wurde Ursache und Wirkung auf eine intelligente und dynamische Art und Weise miteinander verbunden. Egal ob man ein Gefecht verliert oder gewinnt, das Team kommentiert sofort die Erfolge und Misserfolge.
Man kann den Entwicklern jedenfalls nicht vorwerfen, etwas Neues mit einem abgestandenen Genre zu probieren. Auch wenn „Binary Domain“ ein Versuch ist, Spieler in Europa und Nordamerika zu beeindrucken, bleibt es ein japanisches Game. „Binary Domain“ findet in einer futuristischen Version von Tokio statt, das mit großer Detailliebe animiert wurde (genauso wie die Straßen in den Yakuza-Games). Die Gestaltung der Feinde, besonders das der gigantischen Boss-Maschinen, ist eindeutig an japanische Anime angelehnt. Dies ist kein Zufall, denn beide Games wurden von Jun Yoshino produziert.
Kugelhagel im Dunkeln
Als ein Shooter-Game ist es ziemlich gut, zwar nicht großartig und nicht exzellent, aber gut. Die Waffen schlagen gut durch, das Deckungssystem funktioniert, die Feinde legen unglaublich taktisches Verhalten an den Tag und nutzen jeden Moment zum Angriff. Jedoch bietet das Spiel kaum etwas, was es von der Menge abhebt. Es fehlen technische Finesse und etwas Glanz im Sinne von „Gears of War“. Doch sollte man Nagoshi und Co. für ihre Leistung Anerkennung zollen. Sie haben noch nie zuvor so ein Spiel produziert und haben bei Weitem ein besseres Game hingelegt als so manch Entwickler in Nordamerika oder Europa.
Es gab einige Momente im Spiel, die uns, aufgrund der Überzahl an AI, verrückt gemacht haben,. Man verbringt mehr als die Hälfte des Spieles mit gigantischen, fliegenden Maschinen. Man muss zum Beispiel deren Motoren mit einem Raketenwerfer zerstören, doch jedes Mal, wenn man abdrücken möchte, kommen duzend kleine Drohnen hinzu, die das Schießen verhindern. Man könnte annehmen, dass Bo oder Faye die Drohnen abschießen, doch das tun sie nicht. Sie stehen teilnahmslos daneben.
Es gibt kaum noch Innovationen in Third-Person-Shooter-Games, weshalb wir “Binary Domain”, trotz kleiner Mängel, bewundern. Die Sprachsteuerung ist größtenteils schlecht, aber die interaktive Handlung und die Echtzeitfolgen bieten den Spielern ein Gefecht mit dem gewissen Extra. Die Probleme des Spieles sind nicht fehlende Ambitionen oder Ideen, es sind eher die idiotischen AI und die folgewidrigen, vorhersehbaren Level.