Tests19. September 2012 , 01:09 Uhr

Borderlands 2

Es ist nicht überraschend, dass der pistolenbesessene Egoshooter mit seinem derben Humor und seiner Vorliebe für große Dinge in Dallas produziert wurde.

Es fehlt nur noch ein breitkrempiger Cowboyhut und „Borderlands 2“ wäre die perfekte Imitation von Texas in Videospielformat. Es stellt sich heraus, dass es riesengroßen Spaß macht, mit Texas zu spielen. Das Grundformat hat sich seit dem ersten „Borderlands“-Game nicht geändert: Es handelt sich um einen Shooter mit charakteristischem Design, dessen Schwerpunkt auf Anpassungsoptionen, dem Koop-Modus und Erfahrungspunkten liegt.

Der Koop-Modus wird, wie schon zuvor, durch das Klassensystem besonders hervorgehoben. Es gibt vier spielbare Charaktere mit verschiedenen „alles-schonmal-dagewesen“-Fähigkeiten:

1. Salvadore, der Pistolenwütige: Ein quadratischer Mann, der zwei Kanonen gleichzeitig handhaben kann.

2. Maya, die Sirene: Eine Elementarmagierin, die großen Schaden anrichten und sich unsichtbar machen kann.

3. Axton, der Kommandant: Er kann Revolverköpfe aufsetzen und, so wie Roland des ersten Spieles, heilen.

4. Zer0, ein hinterhältiger, ungeduldiger Auftragsmörder.

Die Handlung läuft in etwa folgendermaßen ab: Ein Bösewicht namens Handsome Jack (auf Deutsch: Attraktiver Jack) will eine kleine Gruppe rebellischer Kräfte (einschließlich Roland und Lilith aus dem ersten Game als Nichtspielercharaktere) dazu bringen, einen neuen Tresorraum aufzubrechen, was man offensichtlich zu verhindern versucht (er enthält wahrscheinlich Superkräfte oder Schokolade oder Ähnliches). Das fühlt sich jedoch zu keinem Zeitpunkt wie eine besonders dringliche Mission an.

Das Questsystem von „Borderlands 2“, sowie die im Vergleich zum Vorgänger angestiegene Größe, lassen einen schnell abschweifen. Die unwichtigen Nebenaufgaben führen einen im Zickzack (und in einem Dünenbuggy) über mehrere Seiten der neuen, vernetzten Weltkarte, um wahllosen Gegenständen nachzujagen und diese abzuliefern.

Ablenkungen willkommen

Man wird nicht nur durch die vielen Nebenaufgaben abgelenkt. Es gibt wilde Tiere und Verstecke voller Banditen, die sich einem in den Weg stellen. Ob man wohl diese Waffenkiste erreichen kann, die sich da oben auf dem Dach befindet? Mit Sicherheit! Man muss nur genug Zeit bei der Suche nach einer Leiter verbringen. Unter dem Tarnumhang der überraschend schlagfertigen Dialoge (Claptrap kehrt zurück und gibt in den ersten fünf Minuten drei tatsächlich lustige Dinge von sich) und geschmeidiger Schießszenen besteht „Borderlands 2“ aus einer Mischung aus Macht, Waffen und Gegenständen. Das Spiel präsentiert sich wie eine Art Konsumentenparadies oder ein Sammelplatz für Kapitalisten (wir hatten ja erwähnt, dass es in Texas produziert wurde, oder?).

Das Trailervideo hat mit der Ankündigung von „Unmengen an Waffen“ nicht übertrieben. Durch die nur lose verknüpften Handlungsstränge und den sich ständig wiederholenden Spielablauf konzentriert man sich automatisch auf die vielen Kisten mit Dingen, die man unbedingt haben will. Der nächste Handlungsstrang könnte sowieso noch ewig weit weg sein. Diese Kisten sind auch wirklich in jedem Raum und jedem Korridor, einfach überall, zu finden. Die größeren und gehaltvolleren sind meistens auf hohen Vorsprüngen oder hinter einfachen Rätseln versteckt.

Auf Beutejagd

Größtenteils sind die Kisten voller Munition. Die kann man auch gut gebrauchen, da man in fast jedem Level unendliche Ströme an Kugeln verschießen wird. Manchmal enthalten sie aber auch Dinge, die zur Verbesserung der Tötens- und Überlebensfähigkeiten dienen. Hierzu zählen beispielsweise ein neues Scharfschützengewehr, ein härterer Schild, eine klassenspezifische Starthilfe oder eine Granatenmodifikation.

Die Beute wird zufällig verteilt. Ein wiederholter Gang durch das gleiche Gebiet mit den gleichen Kisten und den gleichen Gegnern wird einem andere Gegenstände einbringen. Sie unterscheiden sich zugegebenermaßen nicht zu sehr. Sie werden auf einem ähnlichen Niveau sein und nur in der Statistik und den Boni abweichen. Feuerschaden wird beispielsweise durch eine Granatenmodifikation mit Ätzwirkung ersetzt. Am Anfang ist dieser unendliche Vorrat an Ausrüstung verwirrend. Es ist wahrscheinlich, dass man zunächst mehrere Stunden beim Austesten verschiedener Waffenkombinationen und elementarer Effekte verbringt, bevor man ein Gespür für die Möglichkeiten des Games bekommt.

Es könnte ein paar weitere Stunden dauern, bis man ein Gefühl dafür entwickelt, welche dieser Kombinationen einem am Besten liegt und dient. Nach dieser Experimentierphase ist es schwierig, seine Bewaffnung zu ändern (abgesehen von den schrittweisen Upgrades). Hierzu benötigt man in der Regel die Belohnung für eine Quest oder die erfolgreiche Bekämpfung eines Endgegners. Das ergibt im Endeffekt die Handlung des Spieles. Es geht kaum darum, mit Rolands Hilfe Handsome Jack zu besiegen und die Welt zu retten. Es ist viel wichtiger, den nächsten lilafarbenen Gegenstand zu ergattern und sich für ein paar fiese Banditen als Versuchskaninchen zu entscheiden.

Gruppentherapie

„Borderlands 2“ ist generell ziemlich mühselig. Wenn man alleine spielt, ist die Bedeutungslosigkeit der langen Reisen und der schmerzhaft langsamen Verbesserung der Ausrüstung durch das Fehlen einer fesselnden Handlung besonders offensichtlich. Das erklärt, warum die Entwickler einen zum Spielen in der Gruppe begeistern wollen. Durch ein geradliniges Einladungssystem kann man sehen, welcher der Freunde gerade spielt und sich einfach dazu gesellen.

Es lohnt sich wirklich, dieses Game mit Freunden zu teilen. Es macht mehr Spaß, sich einen Weg durch die vielen bewaffneten Bösewichte und wilden Tiere zu schlagen, wenn man sich dabei mit jemandem unterhalten kann. Außerdem wurden die verschiedenen Klassen zur Zusammenarbeit kreiert. Ein Kommandant, der die Gruppe heilen kann, eine Sirene, die mit Schaden umgehen kann oder ein Mörder, der einen wirklich doofen Namen hat (zum Beispiel der Pistolenwütige) machen alles einfacher. Das bedeutet, man muss nicht so lange hinter einem Felsen versteckt auf seine Wiederaufladung warten, kann mehr töten und, weil man schneller als die anderen sein will, mehr Beute sammeln.

Die Schwierigkeit der Feinde wird angepasst, wenn man in einer Gruppe spielt. Dementsprechend kann man aber auch bessere Beute ergattern. Somit hat man einen weiteren Anreiz, sich mit anderen zusammenzuschließen. Außerdem lohnt es sich, das Game wiederholt zu spielen, wenn man unbedingt diese eine Schrotflinte mit Dreifachlauf finden möchte, die elektrisch aufgeladene Granaten abfeuert und beim Aufladen explodiert. Problematisch wird es, wenn man auf „Pause” drückt und darüber nachdenkt, welchem Endziel man überhaupt entgegenläuft. Bessere Waffen, größere Schutzschilde, innovativere Granaten – das ist ja gut und schön, aber für was sammelt man diese ein? Der große, böse Endgegner Handsome Jack taucht im Großteil der Spielzeit kaum in unseren Gedanken auf. Es ist ein ähnliches Problem wie bei „Skyrim“.

Es gibt keine einfache Lösung dieses Problemes. Sobald man einmal darauf gestoßen ist, ist es schwierig, sich davon zu befreien. Es ist ein innerer Kampf zwischen der sich abzeichnenden Sinnlosigkeit des Games und dieser quälenden Sucht nach der Belohnung, die sich in den vielen Kisten befindet. „Borderlands 2“ ist als Spiel immerhin so gut, dass das „Streben nach Belohnung” unseren inneren Kampf gewonnen hat. Zumindest kann man die Suche nach Kisten lange genug ausdehnen, sodass sich das Spiel lohnt. Es handelt sich dabei nicht nur um eine Abfolge an Nummern, die man abhakt. Die Charaktere und die Verspieltheit der „Borderlands 2“-Welt verleihen der darunterliegenden Mechanik des Games seinen ganz eigenen Charme. Auch wenn sonst nicht viel dahinter steckt, ist es zumindest ein Spiel, mit dem man gerne seine Zeit verbringt.