Tests21. Februar 2013 , 04:02 Uhr

“Crysis 3” im Test

Die “Crysis”-Reihe wurde schon immer durch Spitzentechnologie definiert, jede Folge ist eine Demonstration unglaublicher Grafiken auf der kraftvollen CryEngine. “Crysis 3” ist der bisherige Höhepunkt und unbestritten das bisher am besten aussehendste Spiel aller Zeiten. Aber hinter all dem Glitzer ist Cryteks neuester Shooter nicht ganz so fortschrittlich, wie er zunächst aussieht.

New-York-Dschungel

Zwanzig Jahre nach einer Alieninvasion, die eine tödliche Epidemie, Massenabwanderungen und einen Absturz der Immobilienpreise nach sich zog, hat der Megakonzern C.E.L.L. New York im sogenannten Liberty Dome eingeschlossen. Die verhüllte Stadt ist der Lebensraum der CryEngine 3. Das Spiel besitzt die besten Straßen, die es in der Spieleindustrie je gab, verwachsen mit der großartigsten Flora, die man in einem Game je gesehen hat. Die tollsten Sonnenstrahlen aller Spiele tanzen auf dem grünsten Gras, welches das Gamerauge jemals gesehen hat und werden in Wasser, das niemals zuvor so gut Wellen geschlagen hat, reflektiert. Außerdem findet man auch die am ekligsten aussehenden Kröten aller Zeiten.

Am Allerbesten ist aber der aus einer ganz anderen Welt stammende Nanosuit 2.0. Dieses Mal hat Prophet die Ehre, den Anzug zu tragen. Er ist der Anführer des Raptorteams, das im ersten Spiel zur Rettung einer Gruppe von Wissenschaftlern auf die Lingshan-Insel geschickt wurde. In „Crysis 2“ hat er den Nanoanzug dem Neuling Alcatraz überlassen, aber jetzt ist er wieder zurück und besitzt eine noch beeindruckendere Waffensammlung. Für Actionfreunde gibt es eine verstärkte Rüstung, superkraftvolle Nahkampffähigkeiten und übermenschliche Stärke, mit der man alles und jeden in die Luft fliegen lassen kann. Für Liebhaber des heimlichen Spielens gibt es einen Unsichtbarkeitsmantel und Wärmebildsichtgeräte.

Meistens wird man diese Fähigkeiten abwechselnd benötigen. In einem Level geht es um eine emporragende Forschungsstation, die man von der Ferne beobachten kann, indem man sich mit kraftvollen Sprüngen zu Aussichtspunkten vorarbeitet und Feinde mit dem Teleskopvisier markiert. Dann kommt der Verbundbogen ins Spiel, ein furchterregendes, einziehbares Gerät, das man immer bei sich trägt. Man kann den Bogen mit explosiven oder elektrischen Pfeilen (im Wasser sind die besonders spaßig) sowie Pfeilen mit Thermit an der Spitze laden. Die Sehne kann gespannt werden, was die Einholzeit, aber ebenfalls den Schaden verringert. Es ist die einzige Waffe im gesamten Spiel, die man Feuern kann, ohne dass der Deckmantel sofort verschwindet. Theoretisch könnte man auch komplett ohne Waffen auskommen, heimlich durch Luftschächte kriechen und direkt unter der Nase der C.E.L.L.-Soldaten wieder auftauchen.

Falscher Prophet

Da fangen die Probleme auch schon an. Es lässt sich nicht vermeiden, dass sich die besten Absichten zu brutalem Chaos verwandeln, da man kein “Schleichmessgerät” hat (ein “Bedrohungsmessgerät” zeigt dafür, wie verärgert alle sind). Noch dazu scheinen die Feinde über einen sechsten Sinn zu verfügen, und die Karten sind manchmal so überlaufen, dass man die Leute nicht von den Gebäuden auseinander halten kann. “Far Cry 3” weiß mit Schleichfunktionen umzugehen, “Crysis 3” nicht.

Wenn man erst mal ertappt wurde, geht alles drunter und drüber. Die Feinde sind wie ein Bienenschwarm: hat man einen alarmiert, werden alle angelockt. Wenn sie einen nicht unablässig via Präzisionssucher beschießen, schmeißen sie ohne Pause Granaten. Es macht nicht sehr viel Spaß, von zahlreichen, unbekannten Positionen abgeschossen zu werden. Deshalb muss man sich bei „Crysis 3“ richtig ins Zeug legen.

Schleichen statt Kämpfen

Beim vorsichtigen, nicht chaotischen Spielen zeichnet sich “Crysis 3” aus. Die Ceph-Stalker sind der Beweis dafür. Auf der höchsten Schwierigkeitsstufe sind sie furchteinflößende Feinde, deren bedrohliches Knurren permanente Wachsamkeit verlangt. Auf der leichten Schwierigkeitsstufe sind sie nur eine Lästigkeit am falschen Ende der Waffe. Diese Unterscheidung ist wichtig: Es ist möglich, unter dem Tarnumhang die Level in wenigen Minuten zu durchlaufen, aber wenn man das macht, hat man das quälende Gefühl, das Spiel nicht richtig erlebt zu haben. „Crysis III” ist eine Erfahrung, die man genießen und nicht herunterschlingen sollte. Es gibt viele verschiedene Wege, optionale Anzüge und bizarre Insiderwitze (aus irgendwelchen Gründen gibt es beispielsweise sehr viele Leichen, die auf Toiletten sitzen).

“Genießen” ist das richtige Wort für ein Spiel, das nur fünf bis sechs Stunden lang ist. Es gibt sieben Level, wobei das erste und letzte mit linearen Korridoren verschwendet wurde, und der größte Teil des Rests findet bei Nacht statt. Obwohl es durchweg beeindruckend ist, wird in höchstem einem Viertel des Spieles die Großartigkeit der CryEngine 3 in vollem Tageslicht gezeigt.

PC schlägt Konsole

Hier entsteht ein weiteres Problem: Die Wahl der Plattform hat starken Einfluss auf die Qualität des Spieles. Zu „Crysis 2“-Zeiten gab es eine kleine Lücke zwischen PC und Konsolen. Diese hat sich mittlerweile in eine gigantische Kluft verwandelt. Auf einem PC der Spitzenklasse erhält man fünf bis sechs Stunden konstanten Staunens. Auf den Konsolen bedeuten die unvermeidbaren grafischen Kompromisse, dass “Crysis 3” seinen Funken etwas verliert.

PS3- und Xbox-360-Spieler erhalten Bildfrequenzen zwischen 15 und 30 fps, störende Schatten und entfernte Objekte erscheinen plötzlich aus dem Nichts und verschwinden dann wieder. Natürlich ist es relativ gesehen trotzdem ein toll aussehender Titel, aber im Vergleich zur überlegenen PC-Version schneidet er auf den Konsolen schlecht ab.

Sogar auf dem PC können die faszinierenden Grafiken nicht alles andere überspielen. Die Magazine sind nach ein oder zwei Gefechten schon leer, sodass man die Kämpfe ständig anhalten muss, um weitere Munition aufzutreiben. Warum wurden die Magazine nicht einfach größer gemacht? Das Problem wird durch die Ceph, die über unendlich viele Kugeln zu verfügen scheinen, noch verschärft. Vielleicht hätte es weniger, aber schwierigere Gegner geben sollen, damit der Schwerpunkt auf dem Schleichaspekt liegt.

Solider Shooter

Sobald man jedoch etwas tiefer in das Spiel einsteigt, sieht man, was “Crysis III” wirklich ist: Ein Standardgame auf solider Grundlage, ein robuster Shooter, der alles beinhaltet, was man erwartet. Es gibt einen glatzköpfigen Marinesoldaten mit erneuerbarer Gesundheit, Scharfschützengewehre und C4-Sprengstoff, Gesundheit, Rüstungsupgrades, Wärmesichtgeräte, Geschütztürme, quäkende Stimmen über das Funkgerät und eine Handlung, in der man die letzte Hoffnung der ganzen Welt ist und eine Bevölkerung rettet, die man noch nie zuvor getroffen hat.

Daran ist natürlich nichts falsch. Über eine Kampagne, in welcher man die Feinde mit einer Mikrowellenwaffe in ihrer Rüstung braten oder mit einer automatischen Maschinenpistole Amok laufen kann, sollte man nicht die Nase rümpfen. Nach der Beendigung des Spiels wird man aber eher ein Gefühl der Befriedigung, nicht der Überwältigung feststellen. Die Regel bleibt bestehen: Je besser der PC, desto mehr lenkt das erstaunliche Aussehen von „Crysis 3“ von dem fast schon durchschnittlichen Kernspiel ab.

Qualität hat ihren Preis

Auch für PC-Spieler gibt es aber etwas zu beachten. Uns wurde gesagt, dass man die vier neuesten Grafikkarten kombinieren muss, um das Spielerlebnis zu maximieren. Eine Nvidia GTX 680 fängt bei einem Preis von etwa 450 Euro an. Cryteks Gedanke dahinter ist, dass man theoretisch in vier oder fünf Jahren mit einem aufgerüsteten Rechner loslegen und „Crysis 3“ komplett von vorne spielen kann. Eine schlaue Theorie, aber wir spielen es lieber hier und jetzt.

Wir haben unseren Testdurchlauf auf einem AMD-Computer der Spitzenklasse durchgeführt und sogar dieses Monstrum hat mit den höchsten Einstellungen nur etwa zehn Bilder pro Sekunde geschafft (mehrere Entwickler haben uns aber versichert, dass ein ab sofort verfügbarer Patch von AMD die Bildfrequenz erhöhen würde). Von den Xbox-360- und PS3-Versionen müssen wir gar nicht erst sprechen. „Crysis 3“ sieht jedoch immer noch besser aus, als die meisten anderen Games auf dem derzeitigen Markt.

Fazit

Man kann Crytek und seinen hohen Ansprüchen keinen Vorwurf machen, aber die hohen Systemanforderungen des Spiels werden sicher den ein oder anderen PC-Gamer wütend machen. Die gute Nachricht: „Crysis III“ sieht (relativ gesehen) auf den Konsolen trotz allem super und auf dem PC fantastisch aus. Die schlechte Nachricht: Es ist unmöglich, die maximale Leistung aus dem Spiel herauszuholen, wenn man kein Millionär ist.

Es ist schwierig, “Crysis 3” zu bewerten. Es ist ein Paradestück, ein Supermodel-Egoshooter, aber auf den Konsolen gibt es nicht genug Make-up, um den Mangel an Originalität zu verbergen. Auf dem PC ist die Schönheit so effektiv, dass kleine Mängel übersehen werden. Dass die „Crysis“-Serie nach wie vor meilenweit hinter „Half-Life 2” und “Halo” zurückbleibt, scheint egal zu sein.

Wie sieht die Kriegsführung in “Crysis 3” aus, wenn sich mehrere Spieler bekriegen? Hierzu wird man morgen mehr erfahren, denn wir haben den Multiplayermodus ebenfalls getestet.

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Quelle: cvg