Tests17. Januar 2013 , 03:01 Uhr
“DmC – Devil May Cry” im Test
Bis jetzt wurde “DmC” über eine bissige Beziehung zwischen Entwickler Ninja Theory und lautstarken, hasserfüllten Fans definiert. Der Grund: Dantes neuer Look. Der “Devil May Cry”-Protagonist Dante sieht nicht mehr so aus, wie ihn die Fans kennen. Dies hat schon vor dem Erscheinen des Games zu einiger Aufregung geführt.
“DmC” ist gewagt und brillant, eine wunderbare Vereinigung von Osten und Westen, die tiefgründiges und reagierendes Gameplay mit hochqualitativer Produktion, lebhaften Umgebungen und einnehmenden Charakteren liefert. Ab sofort wird “DmC” als das Spiel definiert, welches das Franchise vom Rande des Abgrunds gerettet hat.
Teuflischer Haarschnitt
Die Ironie hinter der Meinungsverschiedenheit zwischen Ninja Theory und den Fans ist, dass sich hinter den optischen Unterschieden der gleiche arrogante Gauner wie eh und je versteckt. Auch der Rest der „Devil May Cry”-Besetzung hat sich nicht wirklich verändert, die Charaktere wurden nur mit einer modernen Note neu interpretiert. Somit stimmen sie mit dem zeitgenössischen Schauplatz überein und geben dem Spiel die dringend benötigte Konsistenz.
Dante wird in “DmC – Devil May Cry” menschlicher dargestellt und entwickelt sich dadurch zu einem interessanteren Charakter. Seine Geschichte wird von Anfang an erzählt: sein Aufwachsen vom Waisenkind zum rebellischen Teenager bis hin zum Leben am Abgrund. Dante ist eine verlorene Seele auf der Suche nach seiner Menschlichkeit. Er kämpft gegen den Teufel in seinem Inneren an, der ihn zum Alkoholiker macht, der ständig eine andere Frau an der Seite hat. Dante ist eine tickende Zeitbombe.
Natürlich ist er auch ein böser Junge. In dieser Hinsicht hat Ninja Theory ordentlich aufgedreht. Dante flucht ständig und füllt unsere Ohren mit dem F-Wort in einer Frequenz, wie wir sie seit “Bulletstorm“ nicht mehr erlebt haben. Seine Einzeiler sind so abgedroschen und derb wie immer, werden aber so clever in das Spiel eingebaut, dass man unwillkürlich kichern muss.
Mundus, der Hauptantagonist aus “DmC”, ist nicht mehr länger eine abstrakte Bedrohung, die über den Köpfen der Spieler hängt, bis man ihm am Ende begegnet. Stattdessen ist er eine ständig präsente Manifestation moderner Ängste: Ein bürokratischer Geldsack, der eine eigens geschaffene orwellsche Welt kommandiert, den Informationsfluss kontrolliert und die Menschen in ihren Schulden ertränkt.
Der neue Charakter Kat ist der Zauberei mächtig, was sie für Dante mit seinem Streben nach Rache und Freiheit unverzichtbar macht. Sie hat jedoch eine schlimme Vergangenheit durchlebt, welche ein paar sehr sensible Themen anspricht. Sie ist der einzige komplett humane Hauptcharakter in “DmC” und dient somit als moralischer Stützpunkt.
Die echte Welt
Die Handlung von “DmC” wird im Großen und Ganzen ähnlich wie im Original erzählt, aber die Engel und Dämonen werden durch bissige Kommentare zur Gesellschaft und clevere Satireelemente etwas farbenfroher gestaltet.
Die Momente, in denen “DmC” Bezug auf die echte Welt nimmt, sind unvergesslich. Der Nachrichtensprecher Bob Barbas von Raptor News Network verbreitet zum Beispiel Propaganda über Dämonen und diffamiert Dante. Er ist ein Widerling, der seine wenigen Haare über die kahlen Stellen kämmt und darüber predigt, “Gottes Arbeit” zu leisten. Die Ähnlichkeiten zu einem echten Nachrichtensprecher des konservativen, amerikanischen Nachrichtensenders Fox News sind für alle, die ihn kennen, offensichtlich. Das macht es umso spaßiger, wenn man den Typen im Spiel verprügeln kann. In einer weiteren unvergesslichen Mission muss Dante in “The Devil’s Got Talent” eine Reihe Plattform- und Kampfherausforderungen abschließen.
Die vielen Anspielungen von “DmC” auf die reale Welt verleihen dem Spiel kulturelle Relevanz. Eine Qualität, die bei Videospielen äußerst selten ist.
Bunte Hölle
Der echte Star in “DmC” ist aber keine Person, sondern ein Ort: Limbo. Dabei handelt es sich um eine alternative Dimension, welche die menschliche Welt überlagert. Dort kann Dante endlich Dämonen erlegen. Das Menschenreich wird als trostlose Welt dargestellt. Die einzigen Farben, die das düstere Grau durchbrechen, kommen von Plakatwänden und Leuchtreklamen. Limbo ist das Gegenteil und leuchtet in allen Farben.
Anscheinend stellen sich die Entwickler bei Ninja Theory die Hölle als eine Welt voller prächtiger Farben vor, die sich in die Retina einbrennen. „Devil May Cry“ ist grafisch eines der hervorragendsten Spiele dieser Generation. Während Dante tiefer ins Limbo vordringt, wird die Umgebung immer kreativer und das Kaleidoskop an Farben immer intensiver.
In einer Mission reist er durch das neonblaue Titelbild des Nachrichtensenders Raptor News Network und mitten in Bob Barbas Sendung. In einer anderen platzt er uneingeladen in einen Dämonennachtclub, wo ein Regenbogen fluoreszierender Farben zum Rhythmus des harten Basses (des niederländischen Elektronikduos Noisia) pulsiert. Stroboskoplichter flitzen umher und man fühlt sich, als wäre man im Visualisierungsmodus des Windows Media Player gelandet.
Ninja Theorys Geniestreich ist jedoch, dass es der Welt selbst ein Empfindungsvermögen verliehen hat. Limbo lebt und kann Dante nicht besonders leiden. Es ist eine bösartige Welt, die sich selbst verdreht und verzerrt, um Dantes Fortschritt zu verhindern. Räume falten plötzlich in sich zusammen, ihm wird der Boden unter den Füßen weggezogen und Gebäude restrukturieren sich, um Dante in Gefahr zu bringen.
Es ist eine fieberhafte, surreale Welt, in der es keine Ordnung oder Vernunft gibt. Es herrscht spürbare Boshaftigkeit und intensiver Hass auf den fremden Parasiten Dante, der es wagt, durch Limbo zu reisen.
Hart und schnell zuschlagen
Selbstverständlich sind alle großartigen Grafiken bedeutungslos, wenn sich ein Game nicht gut spielt. In Ninja Theorys bisherigen Games waren die Gefechte immer ein Stolperstein. Hack-and-Slash ist jedoch die Spezialität des Verlegers Capcom, weshalb dieser sich in “DmC” darum gekümmert hat.
Die Kämpfe sind eine befriedigende Mischung aus “Devil May Cry 3” und “Devil May Cry 4”. Aus ersterem wurde der nahtlose Übergang zwischen mehreren Waffen und Fähigkeiten übernommen und aus letzterem die Möglichkeit, Feinde zu packen.
Dante hat mehr als genug Todesinstrumente, um ernsthaften Schaden anzurichten. Rebellion, sein vertrautes Langschwert sowie Ebony und Ivory, die doppelten Handfeuerwaffen, bilden das Fundament seines Arsenals. Das Schwert dient als zuverlässiger Alleskönner, um Schaden anzurichten, während die schnellen Feuerwaffen perfekt dazu sind, feindliche Angriffe abzuwehren.
Die beiden Grundwaffen bekommen Verstärkung von Dämonen- und Engelswaffen. Jede davon hat spezifische Stärken und Schwächen, damit sie symbiotisch funktionieren können. Arbiter, eine gigantische Axt und Eryx, ein Paar feuriger Panzerhandschuhe, sind kraftvoll, aber langsam und verfügen nur über eine kurze Reichweite. Diese Schwächen werden durch Osiris, eine lange Sense und Aquilla, eine blitzschnelle Klinge, gemildert, denn beide sind schnell und verfügen über einen großen Schadensradius. Sie sind dafür aber nicht so kraftvoll wie Arbiter und Eryx.
Durch Gegner, die auf manche Waffen unempfindlich reagieren, wird ein zusätzliches Strategieelement in die Gefechte eingefügt. Es ist nutzlos, einfach nur mit derselben Waffe um sich zu schlagen. Die Waffen weisen eine beeindruckende Liste einzigartiger Fähigkeiten auf. Manche können zum Anpeilen der Gegner für Zweitattacken verwendet werden oder dienen der Manipulation des Abstands sowie der Bewegungen der Feinde, um das Kombopotenzial zu maximieren.
Fähigkeiten und Funktionen
Zusätzliche Talente kann man mit Punkten freischalten, die man durch die Kämpfe verdient. Einmaliges Durchspielen wird einem nicht genug Punkte einbringen, um alle Fähigkeiten freizuschalten, aber das Spiel lässt einen Punkte neu verteilen, ohne dass der Spieler dafür bestraft wird. Dieser Ansatz gefällt uns, denn er ermutigt zum Experimentieren.
Die Kämpfe beinhalten außerdem eine zusätzliche Funktion. Man hat die Fähigkeit, Feinde in Dantes Richtung zu stoßen, sodass er mit voller Wucht hineinstechen kann. Hierdurch erhalten die Gefechte eine Choreografie wie eine Ballettaufführung. Dante kann zwischen Feinden auf dem Boden und in der Luft umherschwirren, um sie aufzuschlitzen. Das Sahnehäubchen ist der „Devil Trigger”. In diesem kurzen Zustand fliegen alle Feinde in die Luft und sind dem dort wartenden Dante hilflos ausgeliefert.
Wie auch in den vorherigen Folgen des Franchise gibt es in “DmC” ein Beurteilungssystem, das Spieler auf der Grundlage ihrer Kombofähigkeiten zwischen D und SSS einstuft. Da man nicht mehr länger für die Wiederholung von Moves bestraft wird, ist dieses System weniger streng als in den früheren Teilen. Wiederholungen reduzieren zwar den Punktewert eines Bewegungsablaufs und machen es dadurch schwieriger, eine hohe Einstufung zu erlangen, aber nur wenn man Schaden zugefügt bekommt, wird man tatsächlich herabgestuft.
Das Kampfsystem von “DmC” ist intuitiv und wird dem Spieler stückweise näher gebracht, sodass es auch Neulinge ohne große Schwierigkeiten in den Griff bekommen können. Gleichzeitig ist es für Liebhaber von komplizierten Kombos tiefgründig und flüssig genug und bietet viele Werkzeuge zum Experimentieren. Wer sich die Zeit nimmt, die Waffen, Fähigkeiten und den Devil Trigger in- und auswendig zu erforschen, wird mehr als genug Raum für Kreativität vorfinden. Wir vermuten, dass es nicht lange dauern wird, bis YouTube voller erstaunlicher Videos von Spielern ist, die ihre Fähigkeiten zur Schau stellen.
Das “Devil May Cry”-Gameplay wird durch Plattformsequenzen abgerundet. Diese kurzen Abschnitte beinhalten eine Mischung aus Sprüngen, Doppelsprüngen, Gleiten und Packen, um die Umgebung zu überqueren. Die Plattformabschnitte sind nicht besonders herausfordernd, aber eine nette Abwechslung.
Trostlose Feinde
Wir haben es total genossen, “DmC” zu spielen. Es gab aber auch ein paar Elemente, die wir vermisst haben sowie ein paar technische Probleme, die unser ansonsten makelloses Spielerlebnis etwas beeinträchtigt haben.
Der erste Endgegnerkampf besteht mehr oder weniger daraus, auf Distanz zu bleiben und den Angriffen auszuweichen, bis eine Öffnung in der Verteidigung des Endgegners auftaucht, um dann wiederholt Attacken an dieser Stelle auszuführen. Das ist sehr schade, denn hinsichtlich Ausmaß, Design und Präsentation sind diese Kämpfe spektakulär. Das Gameplay ist jedoch maximal durchschnittlich.
Auch die Feinde sind etwas enttäuschend. Sie erfüllen zwar ihren Zweck und bringen den Spieler dazu, verschiedene Waffen und Strategien zu benutzen, aber deren Gestaltung fehlt es an Fantasie. Es gibt den normalen Feind, einen fliegenden Feind und ein paar Gegner mit Schutzschildern. Irgendwann kommt dann ein großer Feind, ein paar wilde Tiere tauchen auf und gegen Ende gibt es noch einen Ninjatyp.
Wir übertreiben ein wenig, aber verglichen mit Shadow aus dem ersten “Devil May Cry” oder den Damned Chessmen aus “Devil May Cry 3” sind die Feinde hier etwas schwunglos. Wenn man berücksichtigt, wie viel Kreativität in die Entwicklung des restlichen Spieles geflossen ist, sind die eintönigen Feinde das schwächste Glied der Kette.
Aus technischer Perspektive hat die automatische Einrastfunktion ein paar Probleme hervorgerufen. Am ehesten ist dies während hektischer Kämpfe aufgefallen. Sobald es mehrere Angriffsziele gab, ist die Kamera von der Spur abgekommen und hat unsere Angriffe umgeleitet. In einem Zusammentreffen mit vielen Feinden kann dieses Problem Situationen unnötig verschärfen.
Fazit
Im Endeffekt sind diese Schönheitsfehler beim Betrachten des Gesamtpaketes “DmC – Devil May Cry” vernachlässigbar. Sie werden sicherlich keinen Fan davon abhalten, die Herausforderungen zu beenden, Sammlerstücken nachzujagen und das Game auf einer höheren Schwierigkeitsstufe erneut zu spielen. Denn diese bieten komplett neue Moves, Verhaltensweisen und Einstellungen der Feinde.
Capcom hat vor Kurzem gesagt, dass es keine Zukunft im “Devil May Cry”-Franchise gesehen hätte, wenn das Unternehmen wie bisher weitergemacht hätte. Ninja Theory hat der Serie neues Leben eingehaucht. “DmC – Devil May Cry” ist ein hervorragender Neustart, der die Erwartungen in sämtlichen Aspekten souverän erfüllt. Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit, sind wir gespannt darauf, welche Richtung “Devil May Cry” als nächstes einschlagen wird.
Quelle: cvg


