Tests5. September 2012 , 03:09 Uhr

Guild Wars 2

Ein MMO zu beurteilen ist keine einfache Aufgabe. Innerhalb eines Jahres könnte sich „Guild Wars 2“ um 180 Grad verändern – zum Besseren oder Schlechteren.

Wir haben das Game jedoch über 50 Stunden lang mit verschiedenen Charakteren ausgetestet und haben immer noch nicht genug davon. Das ist schon mal ein gutes Zeichen.

Wir haben alle acht Klassen ausprobiert und uns durch eine hohe Anzahl an Aufgaben für die spielbaren Völker Mensch und Norn gekämpft. Wir hoffen, dass alle Leser (egal ob MMO-Jungfrau oder -Veteran) am Ende dieses Tests wissen, ob es sich lohnt „Guild Wars 2“ zu kaufen oder nicht.

Neue Stärke

Die Aufgabenmechanik ist eine der Stärken des Games. Nicht nur im Sinne der Spielmechanik generell, sondern vor allem auch in der Art, wie sie die Spieler zusammenbringt. Man muss seine Aufgabe nicht, wie sonst bei MMOs üblich, von einem Nicht-Spieler-Charakter einsammeln und dann das Gewünschte abliefern. Die Aufgaben werden automatisch bereitgestellt, wenn man sich in einem bestimmten Bereich befindet. Sie bestehen aus verschiedenen Zielen, die über ein festgelegtes Gebiet auf der Karte verteilt sind. Nach dem Erreichen jedes Einzelzieles füllt sich die Fortschrittsleiste weiter auf. Wenn die Leiste vollständig gefüllt ist, gilt die Aufgabe als beendet und die Belohnung wird direkt geliefert.

Dass man in jeder Aufgabe vier oder fünf Dinge erledigen muss, um die Fortschrittsleiste aufzufüllen, ist ein cleverer Weg, langweilige Wiederholungen und Eintönigkeit zu vermeiden. Das sind die häufigsten Beschwerden bei Rollenspielen und während man in „Guild Wars II“ im Grunde zwar den MMO-üblichen Aufgaben – Töten und Dinge Sammeln – nachgeht, werden diese jedoch durch bizarre und unterhaltsame Minispiele immer wieder aufgemischt. Es bleibt somit interessant. Je nach Laune kann man seinen Gaming-Stil anpassen. Wenn einem nicht nach Kämpfen zumute ist, gibt es immer eine Alternative. Die meisten Aufgaben lassen sich sogar ohne das Erheben einer Waffe beenden.

Geselliges Beisammensein

Noch besser ist, dass man sich nie einsam fühlt. Wenn ein anderer Spieler gerade dabei ist, einen Feind zu töten, kann man sich diesem anschließen. Dabei werden die Fortschrittleisten beider Gamer aufgefüllt. Diese Zusammenarbeit macht „Guild Wars 2“ zu einem extrem geselligen Erlebnis, auch wenn man nicht mit Freunden spielt. Die große Anzahl an Spielern, die derzeit auf den „Guild Wars II“-Servern einfallen, ist für den Launch eines MMO nicht ungewöhnlich. Dass sie alle zusammenarbeiten ist wiederum mehr als unüblich. Man verbringt kaum Zeit damit, sich alleine und schweigend durch die Aufgaben zu arbeiten. Man erfüllt sie gemeinsam mit anderen Spielern.

Meta-Events führen die Idee der Interaktion zwischen den Spielern weiter fort. Jeder, der an der Aufgabe teilnimmt, erhält dieselbe Fortschrittsleiste. Diese Weltereignisse tauchen zufällig auf und man sieht sofort die meisten Spieler im selben Bereich darauf zulaufen. Manche Meta-Events sind riesige Veranstaltungen und man kämpft gegen gewaltige Bosse wie den Schatten-Behemoth im Königintal. Man muss sich keine Gedanken darüber machen, dass der eigene Status zur Teilnahme zu fortgeschritten sein könnte. Das Spiel passt den Charakter automatisch an das Level an. Hierdurch sieht man des Öfteren, wie Spieler mit hochrangiger Kampfausrüstung Seite an Seite mit Neulingen kämpfen.

Manchmal werden bestimmte Wegpunkte, zwischen denen man schnell und einfach reisen kann, von Gegnern attackiert und außer Kraft gesetzt. Das ist ein weiterer Anreiz für die Spieler, sich zu verbünden und die Eindringlinge in die Flucht zu schlagen. In „World of Warcraft“ muss man zunächst einen Angriff organisieren oder für Bosskämpfe in großen Gruppen Schlange stehen. In „Guild Wars 2” gibt es sie überall und jeder im Gebiet kann sofort mitmachen. Einen solch einfachen Zugang sieht man nur äußerst selten in MMOs. Durch die Platzierung von erfahrenen Spielern mit Neuanfängern wird das elitäre Denken ausgeschaltet, das in Spielen wie diesen normalerweise grassiert.

Individuelle Hintergrundgeschichten

Wer sich nach traditionellen Aufgaben sehnt, dem wird mit der persönlichen Geschichte seines Charakters ausgeholfen. Diese wird in mehreren Abschnitten erzählt und mit Videos unterlegt. Das erinnert schon mehr an traditionelle MMO-Aufgaben. Jeder Charakter kann, je nach Rasse, seiner einzigartigen Geschichte folgen. Abhängig von den Entscheidungen, die man trifft, stehen einem verschiedene Wege zur Verfügung, welche auf jeden einzelnen Spieler beschränkt sind. Ein Partner, von dem man bei einer bestimmten Aufgabe begleitet wird, kann darauf keinen Einfluss nehmen.

Diese Aufgaben sind unterhaltsam und locken mit fantastischer Beute. Man kann sie jedoch auch komplett ignorieren, da sie einen immer zu dem Level zurückführen, für das sie bestimmt waren. Man könnte sie sogar bis zum Ende des Spieles links liegen lassen. Sie stellen jedoch eine willkommene Abwechslung zu den Aufgaben auf der Karte dar, die sich manchmal sehr unpersönlich anfühlen. Die Handlungsstränge werden nicht nur von der gewählten Rasse sondern auch von Entscheidungen, die man während der Erstellung des Charakterprofiles trifft, beeinflusst. Menschen können zum Beispiel etwas auswählen, das sie in ihrem Leben bereuen. Entscheidet man sich hier beispielsweise für die Option, dass man nie seine wahren Eltern kennengelernt hat, wird das in die Geschichte und die Aufgaben eingearbeitet.

Zahme Tiere und Zaubersprüche

Jeder Handwerksberuf und jede Klasse bietet eine interessante Vielfalt an Gameplay. Die Wächter sind besonders unterhaltsam. Sie ziehen mit schwerer Rüstung und Waffen in den Kampf, während sie Zaubersprüche und Siegel zur Heilung ihrer Verbündeten verteilen. Die Waldläufer können Tiere zähmen und sie als Haustiere verwenden. Diese greifen dann Feinde aus der Nähe an, während der Waldläufer aus der Entfernung mit Pfeilen schießt. Die vom Steampunk inspirierten Ingenieure sind mit Flammenwerfern und zielsuchenden Torpedos ausgestattet. Mesmer können sich selbst klonen, um Gegner zu verwirren. All diese Elemente aus Fantasy-Rollenspielen erhalten in „Guild Wars 2“ ihre eigene Note. Unsere einzige Beschwerde ist, dass die Fähigkeiten auf den höheren Level oftmals nur Abwandlungen der niedrigeren sind.

Das Startgebiet des Norn-Volkes macht wahrscheinlich am meisten Spaß. Sie sind riesige, stämmige Wikinger, die gerne Bier trinken, sich prügeln und Tiere jagen, die doppelt so groß sind wie sie selbst. Ihre Heimat erinnert an „Skyrim“ und besteht aus zackigen Bergen, Fjorden, heißen Quellen und Gletschern. Alle Gebiete sind jedoch großartig, die Geschichte des Spieles ist reichhaltig und typische Fantasy-Klischees bekommen meist einen Dreh verpasst, damit es interessant bleibt. Man sollte seinen PC auf hochauflösende Grafik einstellen, um das volle Programm genießen zu können. Das Design ist wundervoll und es gibt immer erstaunliche neue Aussichten oder besondere Architektur zu bestaunen. Besonders die Hauptstädte sind ein visuelles Highlight, wie man am Beispiel von Rata Sum, der Hauptstadt der Asura, feststellen kann.

Kein gewöhnliches Rollenspiel

Um sich von „World of Warcraft” abzugrenzen, wurden ein paar der erwarteten Features weggelassen. Es gibt keine Mounts, dafür kann man seine Schnelligkeit mit Segen und Ausrüstung aufwerten. Außerhalb des Welt-gegen-Welt-Modus kann man andere Spieler nicht in Duellen bekämpfen. Man kann sie auch nicht „inspizieren“, um herauszufinden, wo sie diesen schicken Hut oder dieses reizende Beinkleid herhaben. Ehrlich gesagt, vermissen wir diese Dinge. Es ist gut, dass ArenaNet versucht, sich in der Gattung der Rollenspiele eine Nische zu erarbeiten, aber wir sind an diese Features so gewöhnt, dass deren Wegfall eklatant auffällt. Einige Fans haben sich dazu bereits lautstark geäußert. Vielleicht werden sie in zukünftigen Updates eingefügt, denn das Tolle an MMOs ist, dass man sie ständig weiterentwickeln und verändern kann.

Die Benutzeroberfläche könnte etwas anpassungsfähiger sein und in überfüllten Spieler-gegen-Spieler-Matches oder Meta-Events kann man manchmal kaum erkennen, was vor sich geht. Für ein gerade erst erschienenes MMO ist „Guild Wars 2“ jedoch unglaublich fein ausgearbeitet und stabil. Viele Hardcoregamer rufen es schon als Retter der Gattung der Rollenspiele aus. Hierzu sollten wir jedoch abwarten, bis sich die Aufregung um den Launch etwas gelegt hat. Nach 50 weiteren Spielstunden lässt sich dann entscheiden, ob sich diese Verkündung bewahrheiten wird.

Ein modernes Gesellschaftsspiel

Es stimmt auf jeden Fall, dass „Guild Wars II” eines der besten MMOs der heutigen Zeit ist. Die Entwickler haben all die nervigen Eigenschaften von Rollenspielen, wie die Wiederholung, das Elitedenken, den Mangel an sozialer Interaktion und das einsame Verfolgen von Aufgaben, weggelassen und durch schlaue und souveräne Elemente ersetzt. Wir hoffen, dass die Gamer dabeibleiben, denn die gegenwärtig große Anzahl an Spielern, die zusammen Bosse bekämpfen und Weltereignisse beenden ist inspirierend. „Guild Wars 2“ ist das perfekte Einsteigerrollenspiel für MMO-Anfänger. Es gibt keine monatliche Abonnementgebühr, aber dafür Hunderte und Tausende Gleichgesinnte, mit denen man zusammen lernen kann. Um am meisten vom Spiel profitieren zu können, sollte man dazu bereit sein, mit anderen Spielern zu interagieren. „Guild Wars 2“ ist wie ein modernes Gesellschaftsspiel und macht in einer großen Gruppe am meisten Spaß.