Tests19. April 2012 , 02:04 Uhr
Homefront
“Homefront” beheimatet eine Reihe von Inhalten, die um Aufmerksamkeit ringen. Von unglaublich bösen Gegnern bis hin zu der aufwühlenden Pracht eines Phosphor-Platzregens bekommt der Spieler einiges geboten.
Die meiste Zeit wird man jedoch damit verbringen, dass man auf Connor blickt, von Connor angeherrscht wird und natürlich Connor folgt. Das ist oft ziemlich anstrengend, weil Connor ein unglaublicher Schwachkopf ist. Am Ende von „Homefront“ ist es nicht unwahrscheinlich, dass der Spieler Connor fast ebenso sehr hasst wie die gewissenlosen, kommunistischen Feinde.
Connors Verbrechen werden von regelmäßigem Fluchen begleitet. Aber seine leidigste Qualität ist nochmals wesentlich schlimmer. Es handelt sich dabei um seine äußerst ärgerliche Angewohnheit, einem die besten Möglichkeiten zur Deckung wegzunehmen. Er stiehlt einem nicht nur die besten taktischen Verstecke, um sich vor dem Feind zu schützen, sondern bewegt sich dann auch keinen Zentimeter von der Stelle. Der Spieler findet sich oft in der Situation wieder, dass er durch die bösartigen Feuergefechte tanzt, wenn die Projektile ihm um die Ohren fliegen und die Granaten vor die Füße geschmissen werden. In den meisten Fällen ist man wohl besser dran, wenn man Connor nicht folgt und sich stattdessen auf seine Instinkte verlässt.
Freiheitskämpfer
Außerdem ist Connor – ebenso wie Rianna, die ebenfalls mit dem Spieler gemeinsam um die Freiheit kämpft – auf dem Schlachtfeld ziemlich nutzlos. Er scheint sich tickenden Bomben nicht bewusst zu sein und schickt den Spieler manchmal sogar über die gefährlichen Sprengstoffe. Zudem hinterlassen seine Projektile kaum einen Kratzer in Porzellan und er ist nicht geübt darin, eine Splittergranate zu werfen.
Ziel des Spieles ist es eigentlich mit den beiden Mitstreitern eine Bindung aufbauen. Aber zwischen dem aggressiven und strategisch total inkompetenten Connor und der leblosen, undefinierten Rianna, will einfach kein Teamgeist aufkommen. Das ist, angesichts dessen, dass es sich um eine nationale Widerstandsbewegung handelt, die eigentlich stark auf der Bindung der Mitglieder basiert, schade.
Es spricht allerdings für die Singleplayer-Acherbahnfahrt die “Homefront” bietet, dass selbst Connor dieses Spiel nicht ruinieren kann. Das Game bietet eine Menge spektakuläre und filmische Momente. KAOS bietet mit „Homefront“ etwas, das in einem FPS nicht einfach umzusetzen ist: eine erzählerische Entwicklung.
Die Geschichte selbst ist weit hergeholt. Der Aufstieg eines vereinten Koreas und ein Amerika, dem es an Kraftstoffen fehlt, eine erfolgreiche EMP-Bombe, die Uncle Sams Abwehr vernichtet hat und die Okkupation des Landes der unbegrenzten Möglichkeiten nach sich zieht. Diese Geschichte ist erstmal schwierig zu schlucken. Aber in einem Genre, in dem Welten auf grotesken, teleportierfähigen Aliens aufbauen, sollte man einiges gewohnt sein. „Homefront“ ist möglicherweise die realste unreale Dystopie, die ein FPS jemals gesehen hat.
Die Feinde im Spiel sind wohl die widerlichsten, wildesten Mistkerle, die man sich nur vorstellen kann. Innerhalb der ersten fünf Minuten der Kampagneneröffnung – in der sich der Spieler blutend, geschlagen und eingesperrt in einem Bus wiederfindet, von dem aus er die Tötung Unschuldiger beobachtet – keimt ein Rachgefühl gegenüber der gegnerischen, koreanischen Armee auf.
Die Erschießung von zwei kreischenden Eltern im Beisein ihrer Kinder ist wohl der schrecklichste Anblick. Das Auslöschen von Leben um einen herum, wird den Spieler bald danach trachten lassen, selbst den Abzug zu betätigen. Zum Glück muss man nicht allzu lange warten, bis man die Gelegenheit dazu bekommt.
Das Böse spornt an
Die Erschießung von zivilen Bürgern durch die KPA ist in seiner dargestellten Böswilligkeit fast außerirdisch. Die Bösartigkeit mit der die KPA tötet (und den Kick den sie dadurch anscheinend erhält), wird einen bis in die Träume verfolgen. Wer dachte, dass Makarov ein schlechter Mensch ist, wird hier nochmals mit einer Steigerung konfrontiert.
Zum Glück gibt es eine gigantische Auswahl an Waffen, mit denen diese Angreifer bekämpft werden können. Die Unterschiede hinsichtlich der Schwere, der Zerstörungskraft und der Klänge zwischen ihnen sind sehr beeindruckend. Keine Waffe fühlt sich wie die andere an.
Die Munitionskapazität der verschiedenen Waffen und Granaten ist allerdings merklich spärlich im Vergleich zu Spielen wie beispielsweise „Black Ops“. Das führt zu einer realistischen Panik, die man bei „Homefront“ des Öfteren zu spüren bekommt. Der Spieler findet sich öfters in Scharmützeln wieder, in denen er ohne eine einzige Gewehrkugel um sein Überleben kämpfen muss. Der Gamer ist dann aus taktischen Gründen darauf angewiesen, sich die benötigte Waffenladung von einem KPA-Mitglied zu schnappen, um seine Verteidigung aufrechtzuerhalten.
Der Geschichtsstrang erinnert einen ständig daran, dass man kein CIA-Agent oder Marinesoldat in einer vorhersehbaren Kriegszone ist. Obwohl Jacobs von der Widerstandsbewegung aufgrund seiner Flugfähigkeiten für diesen Krieg ausgewählt wurde, ist der ehemalige Pilot verglichen mit andern FPS-Spielen ein ungewöhnlicher Held. Er ist ein Durchschnittsmensch der genug von den aktuellen Zuständen hat und der Möglichkeit, etwas daran zu ändern, eine Chance einräumt. Wir haben es hier mit einem Zuhörer zu tun, nicht mit einem Redner.
Der Spieler soll sich in Jacobs einfühlen können und seinen Ärger teilen. KAOS zieht diesen Vorsatz mit Souveränität durch und vielleicht ist Connors Erscheinung deshalb so flach.
Die prosaischen Umgebungen von “Homefront” werden bei Anhängern der Schneelandschaften in “Modern Warfare” oder der jenseitigen Welten von „Halo“ vielleicht die Alarmglocken schrillen lassen, allerdings ist Jacobs in dieser Umgebung brillant aufgehoben.
Baseballstadien, Vororte und Highways scheinen eine unspektakuläre Kulisse für Gewalt zu sein, wenn allerdings die KPA mit ihrer Verweigerung jedweder Schönheit und ihrem Hunger nach Gemetzel auftaucht, werden diese Umgebungen zu vitalen Schauplätzen.
“Call of Duty” möchte die Spieler durch seine unglaublichen Ausmaße begeistern, aber gibt den Gamern dadurch gleichzeitig das Gefühl, lediglich ein kleiner Fleck auf seiner Landkarte zu sein. „Homefront“ ermöglicht Jacobs hingegen, der Meister kleinerer Bereiche zu sein und gibt ihm dadurch wirkliche territoriale Macht. Die Aufgabe des Gamers ist es, Amerika Schritt für Schritt, Parkplatz für Parkplatz, Häuserblock für Häuserblock zurückzuerobern. Der Fakt, dass jemand das Gleiche in Las Vegas, Texas oder Cleveland macht, verleiht einem das Gefühl der Gemeinschaft und verleiht dem Ganzen einen höheren Zweck.
Das heißt allerdings nicht, dass KAOS kein Spektakel integriert hat. Manche Situationen in „Homefront“ können mit den Besten des Genres konkurrieren. Wir wollen Spoiler vermeiden, allerdings kann zumindest verraten werden, dass ein Massengrab eine magenumdrehende Rolle spielen wird und dem Spieler die intensivsten fünf Minuten geboten werden, die er jemals bei einem Shooter-Spiel erlebt hat.
Die Ackerländer bieten auf charmante Weise eine natürliche Landschaft in rotbrauner Färbung gemischt mit herbstlichem Gelb. Diese Gegenden demonstrieren die Fähigkeit von „Homefront“, mittels menschlicher Tragödie, das zu verdunkeln, was auf den ersten Blick wunderschön und bekannt aussieht.
Für wahre Furore sorgt dann die letzte Mission, die eines von San Franciscos bekanntesten Wahrzeichen zum Zentrum hat. Schwindelerregende Gleichgewichtsstörungen auf der Golden Gate Bridge bringen den Spieler in noch ärgere Bedrängnis. Dem Gamer wird hier wirklich spektakuläre Theatralik geboten. Es ist wie: „Mirror’s Edge“ trifft auf „Last Action Hero“.
Keine Panik vor Organischem
Der andere Höhepunkt des Spieles könnte gar nicht unterschiedlicherer Natur sein. Nachdem Jacobs am vorangegangenen Abend in der Vorstadt einen Angriff auf die KPA verübt hat, findet er sich in einem Versteck der Widerstandsbewegung wieder. Weit entfernt von dem vermuteten, dunklen Bunker bietet das Hauptquartier Gemüsebeete und organische Energiespender. Außerdem trifft der Spieler dort auf ehemalige Lehrer und Rechtsanwälte, deren ganze Hoffnung auf ihm liegt.
Die Leute dort sind vorsichtig aber auch gastfreundlich und bieten zahlreiche, unterschiedliche persönliche Interaktionen. Dieser Ort bietet einen gefühlsgeladenen Tempowechsel, der deutlich durch seine feinsinnigen Pianoklänge und Flötenmusik gekennzeichnet ist.
Zwei kleine Kinder halten frühzeitig ein Schläfchen bei der Feuerstelle und es ist nicht das einzige Mal, dass kindliche Seelenqual in „Homefront“ ausgeschöpft wird. Traumatische Schreie und verstörte Atemlosigkeit – KAOS schreckt nicht davor zurück, das als Mittel zum Zweck zu nutzen.
Angesichts der Geschichte von “Homefront” ist es mehr als unverständlich, dass Connor und Rianna nur zweidimensionale Erscheinungen sind. Vor allem, nachdem andere prominente NPCs wesentlich anspruchsvollere Beziehungen zueinander pflegen. Boone, ein ehemaliger Polizeiheld und gutherziger Mann der Gemeinschaft, bietet zum Beispiel seine Hilfe und tiefgehende Konversationen an, was ihn eigentlich zum idealen Partner machen würden.
Vielen der nicht-koreanischen NPCs in „Homefront“ kann nicht getraut werden. Die Handlungsmotive hinter diesen Charakteren können vom Wunsch nach einem ruhigen Leben bis hin zur Gier nach Geld reichen.
Angesichts dessen ist es allerdings schade, dass das Studio übersehen hat, wie viel Vertrauen Valve in den Intellekt der Spieler setzt.
Folge dem Anführer
Die Aufforderung, Connor zu folgen, ist symptomatisch für das Gameplay und ein Indikator dafür, das KAOS der Modern-Warfare-Generation nicht zutraut, selbstverantwortlich zu handeln. Bei jeder Sektion muss der Spieler auf einen seiner unliebsamen Genossen warten, damit diese vor ihm vorangehen können, um Türen zu öffnen oder andere Hürden zu nehmen, während der Spieler vor allem in die Beobachterrolle fällt.
Dementsprechend wird dem Gamer bei einigen wichtigen Situationen eine Menge Verantwortung aus den Händen genommen, die dem „Ich gegen die Welt“-Gefühl gegenübersteht, das in anderen Bereichen von „Homefront“ so vortrefflich erschaffen wird.
Diese Kritikpunkte werden allerdings dadurch abgeschwächt, dass “Homefront” ein hochpoliertes Spiel ist, bei dem die Lichteffekte der Unreal-Engine vollkommen ausgeschöpft werden. Uns fehlt es dennoch etwas an Grün, denn das Spiel bietet vor allem schlammige Umgebungen sowie Grau, Schwarz und Bronze. Das ganze Spiel kann sich allerdings durch eine geschickte Belichtung abheben. Das Sonnenlicht scheint durch die von Gewehrkugeln hinterlassenen Löchern in den Wänden, während Schatten sowie unzählige Flammen, Flutlichter und Funkeneffekte der Homefront-Welt Ausdrucksstärke verleihen.
Das Spiel bietet eine fesselnde, gut aussehende und ausgeklügelte Kampagne. Allerdings muss man sich dafür nicht extra von der Arbeit frei nehmen, wobei dass der Spieler natürlich letztendlich selbst entscheidet. Wir haben uns auf jeden Fall dabei erwischt, dass wir nochmals zu den besten Situationen von „Homefront“ zurückgekehrt sind, um sie erneut durchzuspielen. Außerdem haben wir den Plan gefasst, so viele Errungenschaften wie möglich zu erzielen (Trophäen werden erreicht, indem man ein Level übersteht, ohne dabei ein Leben zu verlieren).
Es gibt bei “Homefront” nicht viele “Füller”. Mit Ausnahme eines frustrierend unklaren Bereiches in einem maroden Supermarkt, erhält der Spieler eine große Vielfalt, die auch Helikopterangriffe beinhaltet. Der Gamer muss beispielsweise auch Goliath, ein mächtiges, ferngesteuertes Fahrzeug, steuern. Das Ganze hätte aber gerne noch mit ein oder zwei weiteren 45-Minuten-Level aufgepeppt werden können.
Glücklicherweise macht der Multiplayer-Modus die Kürze von “Homefront” wieder wett. Wer bereits „Bad Company 2“ oder KAOS’ „Frontlines: Fuel Of War“ mochte, wird den Multiplayer lieben. Die Server, die wir getestet haben, konnten allen Anforderungen standhalten. Die zusätzlichen Drohne und die Möglichkeit, sich in das Fahrzeug eines anderen Spielers zu spawnen, verleihen dem Ganzen Frische und Abwechslung.
Das Belohnungssystem des Multiplayers, die Kampfpunkte (KP), treiben den Spieler dazu an, die Rangliste zu erklimmen, während man schnell reagieren muss. Der Gamer muss zum Beispiel einige Minuten mit einer Aufklärungsdrohne herumfliegen, bevor er genug KP erhält, um einen verheerenden Luftangriff durchzuführen. Anderen Kugeln durch den Kopf zu jagen, ist nicht immer der beste Weg, um viele KP zu erhalten, obwohl auch sie den Punktestand aufbessern.
Das ständige Anwachsen der KP ist wichtig, wenn man sich Helikopter, Panzer oder andere Massenvernichtungswaffen zulegen möchte.
Wenn man dann noch eine großangelegte Bodenkontrollmission hinzufügt und einen anspruchsvollen „Skirmish“-Modus einfügt sowie einen improvisierenden Missionengenerator in Form des „Battle Creator“ bietet, erhält man ein wirklich vollgepacktes Paket. Wir würden sogar so weit gehen und sagen, dass es sich dabei um den wertvollsten Multiplayer-Shooter auf dem derzeitigen Markt handelt, der sogar „CoD“ und „Bad Company 2“ übertrifft. Dieser Multiplayer hat wirklich ein größeres Publikum verdient.
Alle Spieler, die nach einem Militär-Shooter Ausschau halten, der etwas komplett Anderes sowie eine smarte Erzählung in einer bewegenden Welt bietet, machen mit „Homefront“ sicherlich keinen Fehler. Die Kampagnenlänge ist ein offensichtlicher Kritikpunkt, ebenso wie KAOS’ Weigerung, den Gamer seinen eigenen Weg finden zu lassen. Die Qualität des Multiplayers kann diese Schwachpunkte allerdings wieder ausbügeln.
Wir würden vor Freude springen, wenn “Homefront” in den nächsten Jahren als draufgängerischeres Spiel mit mehr Selbstsicherheit auf den Markt kommen würde (Connor ist hiermit allerdings nicht gemeint).