Tests31. Oktober 2012 , 11:10 Uhr
“Need for Speed: Most Wanted” im Test
In einer typischen Session mit Criterions neuem Open-World-Racer “Need for Speed: Most Wanted” wird alles dran gesetzt, den Spieler vom Rasen abzuhalten.
Man zischt eine Autobahn entlang, als plötzlich die Spuren getrennt werden und – Wumms! Sofort startet das Spiel neu und man befindet sich in der Position, in der man aufgehört hat. Man setzt vorsichtig zurück auf die Straße und sieht, wie ein paar Frontscheinwerfer sich viel zu schnell nähern und – Krach! Man startet erneut, driftet durch eine Unterführung, streift die Brückenunterstützung und – Peng!
Nach dem perfektionierten Räuber-und-Gendarm-Spiel “Need for Speed: Hot Pursuit” aus dem Jahr 2010 wenden die “Burnout Paradise”- Entwickler ihre Formel jetzt auf die Stadt Fairhaven an. Es ist eine tolle, urbane Gegend, die nach dem Vorbild einer amerikanischen Stadt an der Ostküste entwickelt wurde: Stahl und Glas, verrauchte Industriegebiete, Werbetafeln, die man durchbrechen kann, Geschwindigkeitskameras zum Vorbeirasen und sogar moderne Kunst, die sich als Rampe benutzen lässt. Trotz des Ausmaßes und der Schönheit dieser Umgebung ist dies einer der Nachteile von „Most Wanted“.
Das Ziel des Spiels ist eigentlich einfach: Man misst sich in Sprints, Zeitrennen und auf Rundkursen, schaltet Autoteile frei und fährt gegen exotische Fahrzeuge wie den Koenigsegg Agera R und Hummer H1 Alpha. Jeder Gewinn erhöht den Rang auf einer „Schlechter-Ruf-Skala“ und bringt einen dem ultimativen Ziel näher: der meistgesuchte Fahrer zu sein
Das ist leichter gesagt als getan. Nicht wegen all der Sicherheitsvorkehrungen, wodurch kein Spieler zu weit nach vorne (oder hinten) gelangen kann, sondern durch die überfüllten Straßen, die einen im Zickzack führen und total verwirren.
Welt ohne Ende
Dieses Problem ist ein grundsätzliches Designproblem von Open-World-Rennspielen, für das es leider kein Gegenmittel gibt. Anstatt Events aus einem Menü auszuwählen, muss man mehrere Meilen fahren, um sie ausfindig zu machen. Auf dem Weg könnte man von Cops aufgrund zu schnellem Fahren verfolgt werden, sodass man die Suche nicht beginnen kann, bis man die Cops abgeschüttelt hat oder verhaftet wird. Außerdem wird man sicher auch mehrere Unfälle bauen, die einen von der Suche abhalten.
Auch die Rennen selbst sind von Problemen durchzogen. Einmal mussten wir auf einer provisorischen Route fahren, die an der Küste entlang und dann zu einer Kreuzung führte. Wir rasten mit Blick zur Sonne, wodurch wir kaum etwas sehen konnten. Zusätzlich wirbelte Sand auf und hüllte uns in dicke Wolken ein – wunderschön, aber nicht sehr hilfreich.
Etwas anderes richtet sogar noch mehr Schaden an als die grafischen Effekte. Durch den Mangel an geeigneten Fahrbahnen (stattdessen gibt es improvisierte Strecken in der offenen Spielwelt) benötigt man mehrere Anläufe, bis man versteht, dass man keine „Abkürzungen“ nehmen kann, da man dadurch unerklärlicherweise aus dem Rennen herausfährt. Eine grüne Spur auf der Karte zeigt an, wohin man fahren muss, aber es ist nervig, ständig ein Auge darauf haben zu müssen. Probleme wie diese gab es in „Hot Pursuit“ mit seinen langen Strecken und weiten, offenen Straßen nicht. Immerhin hilft das Steuerkreuz etwas, da man damit ein “Easy Drive”-Menü aufrufen kann, sodass man Autos während des Fahrens austauschen und anpassen kann. Außerdem kann man sich dadurch zu Events “beamen”, die man schon freigeschaltet hat.
Die Polizei als Freund und Helfer?
Trotz der verwirrenden Routen und des lästigen Zeitaufwands, bis man sie findet, macht “Most Wanted” Spaß, wenn man sich im Fahrersitz befindet. Das Handling der Autos fühlt sich schwer an. Wenn man die Bremse antippt, löst man eine Art “Meta-Handling”-Modus aus, durch den man Drifts über den Analogstick feinabstimmen kann. Es fühlt sich gefährlich und belebend an, wenn man seine Konkurrenten von den überfüllten Stadtstraßen abdrängt. Komischerweise scheint es aber nur bei den eigenen Unfällen zu Verhaftungen zu kommen (wahrscheinlich ein Zugeständnis an das konstante Spieltempo). Trotzdem ist der Anblick umgekippter Autos und herausgebrochener Windschutzscheiben unterhaltsam.
Ironischerweise verursacht die Polizei eher mehr Schaden, als dass sie welchen verhindert. Manchmal stellt sie sich mitten in den Rennen auf, um Reifen mit spitzen Gegenständen zerplatzen zu lassen, oder blockiert die Fahrbahn mit Barrikaden. Das fühlt sich etwas einseitig an, da man selbst über keinerlei Waffen verfügt, ist aber irgendwie auch ganz nett chaotisch.
Alle Probleme, die es in “Need for Speed: Most Wanted” gibt, sind auf den Schauplatz zurückzuführen. Warum muss man physisch zu den Events fahren, anstatt sie einfach durch ein Menü auswählen zu können? Criterion will sicher mit der Spielwelt angeben. Warum baut man so viele Unfälle? Das passiert eben, wenn man die Geschwindigkeitsbegrenzung im Stadtzentrum ignoriert. Warum verirrt man sich mitten auf der Rennstrecke? Das ist ein Nebeneffekt, da man mehrere Routen gleichzeitig zur Verfügung hat. Im Endeffekt hält der Entwickler „Most Wanted“ davon ab, das zu sein, was es eigentlich sein sollte: ein fesselndes, intuitives Rennspiel.

Quelle: cvg


