Tests29. November 2012 , 11:11 Uhr

“New Super Mario Bros. U” im Test

Welchen besseren Weg gäbe es, den neuen Doppelbildschirm der Wii U einzuweihen, als mit etwas Nintendo-Magie? „New Super Mario Bros. U“ ist dafür perfekt. Marios HD-Debüt ist jedoch, wie Fußballexperten sagen würden, ein Spiel mit zwei Hälften. Auf der einen Seite ist es ein elegantes, familienfreundliches Koop-Game, welches Nintendos neues „keiner wird im Stich gelassen“-Mantra versinnbildlicht. Auf der anderen Seite ist es eine brutale Schlacht, die aus Singleplayer-Geschicklichkeitstests besteht, die sogar die härtesten Mario-Veterane an ihre Grenzen treiben. Keiner wird im Stich gelassen? Wohl eher: Keiner wird am Leben gelassen.

Irgendwo zwischen diesen beiden Extremen findet man jedoch einen Punkt, an dem “New Super Mario Bros. U” für einen funktionieren wird. Trotz seiner Kürze und dem Mangel an neuen Ideen, ist “Mario Bros. U“ ein vielfältiges und goldiges Plattformgame, das mit großem Einsatz garantiert, eine wahrhaftige Mario-Erfahrung zu liefern.

Der große GamePad-Gott

Die Hardcore-Elemente von “New Super Mario Bros. U” sind überraschend, wenn man die Entwicklung des Games nicht vorab verfolgt hat. Frühzeitig herausgegebenes Filmmaterial konzentrierte sich stolz auf den asymmetrischen Mehrspielermodus, welcher anscheinend erfahrene Spieler zurückstuft, um die Langsamen und Ungeschickten zu beschützen. Das Konzept ist simpel (zumindest auf dem Papier) und für den GamePad-Spieler nicht besonders erfreulich: Bis zu vier andere Spieler steuern das Game über eine Wii Remote und hüpfen, springen und jodeln sich so schnell wie möglich ihren Weg durch das Pilzkönigreich. Der GamePad-Nutzer muss sich leider von der Steuerung eines Klempners/Miis/Toads verabschieden und übernimmt stattdessen die Rolle des großen Aufsehers.

Seine Hauptaufgabe besteht darin, mit dem Finger oder Touchstift bis zu vier temporäre Plattformen für die anderen Spieler irgendwo auf dem Bildschirm zu platzieren. Ein zweiter Tipper entfernt die Plattform wieder, aber diese Funktion wird nur selten benötigt, da die Plattform nach ein paar Sekunden in der Luft hängend langsam von selbst verschwindet.

Wir waren zunächst besorgt, dass wir uns als GamePad-Spieler ein bisschen wie das fünfte Rad am Wagen fühlen würden. Die Wii U hat uns jedoch mal wieder das Gegenteil bewiesen. Die Aufgaben des heiligen Plattformgottes sind zwar beim Spielen zu zweit etwas langweilig, aber wenn man ein paar mehr Remotes hinzufügt, wird sich das Wohnzimmer plötzlich mit Gelächter, Unfug und ein paar Flüchen füllen. Und der GamePad-Spieler ist im Zentrum des Geschehens.

Tohuwabohu im Pilzkönigreich

Genau wie schon bei “New Super Mario Bros. Wii” verwandelt der gleichzeitige Multiplayermodus sogar die vollkommensten Spieler in Muppets. Die Charaktere sind physische Einheiten, die miteinander kollidieren können. Somit versagen hier Schlachtpläne, die im Singleplayermodus gut funktioniert haben.

Es ist eine einfache mathematische Gleichung: Mit dem Klempner mal vier verfügt man über die vierfache Power der Sprungbombe, hat dabei aber nur ein Viertel des Spielraumes zur Verfügung. Alle Spieler zerstören wild die vorhandenen Blöcke und treten sich dabei unausweichlich gegenseitig auf die Zehen. In der Luft wird das Ganze nicht besser. Zusammenstöße während des Fliegens sind in “New Super Mario Bros. U“ eine besonders häufige Todesursache.

Bisher kennen wir das ja alles aus “New Super Mario Bros Wii”. Aber jetzt kommt das GamePad dazu und bringt die Dinge noch mehr durcheinander. In der Stellenbeschreibung des Plattformgottes steht geschrieben, dass man Ordnung in das Chaos bringen soll. Durch die Fähigkeiten bei der Plattformkreierung soll man die Spieler vor Schaden bewahren. Wenn sich das Spiel jedoch in vollem Gange befindet, stellt sich das als Sisyphusarbeit heraus.

Massensterben der Klempner

Das Spiel könnte relativ ruhig ablaufen: Eine clever platzierte Plattform hier, damit Tante Erna die Sternenmünze einsammeln kann und eine noch strategischere Plattform dort drüben beim Rohr, damit Onkel Ernst nicht von der größten Piranhapflanze aller Zeiten verschluckt wird.

Doch plötzlich beginnen Schlangenblöcke zu schlängeln und Brücken neigen sich zur Seite. Bevor man begreift, was vor sich geht, regnet eine Sintflut an Klempnern über den Bildschirm. Beim Rettungsversuch kommt man sich vor, als würde man die Niagarafälle mit einer Kaffeetasse einfangen wollen.

Der Plattformgott hat also eine große Last zu tragen. Trotz aller guten Absichten richtet er manchmal mehr Schaden an, als er nützt. Das ist aber in Ordnung, denn das System wurde so entwickelt, um humorvolles, nicht präzises Spielen zu schaffen.

Man muss sich in diesem Modus damit abfinden, dass man Fortschritt nicht aufgrund der eigenen Fähigkeiten erlangt. Es geht einfach nur ums Durchwurschteln. In der richtigen Gesellschaft erhält man eines der witzigsten Gamingerlebnisse des gesamten Jahres. Es ist die perfekte Action für gemütliche Weihnachtstage.

Nichts für Hardcoregamer

Erfahrene Spieler, die nach einer Herausforderung suchen, werden diese interessanterweise nicht im Hauptspiel finden. „New Super Mario Bros. U“ versucht zwar mit Hinweisen auf vergangene Spiele die Hardcore-Mario-Fans zu erreichen (zum Beispiel mit einer Weltkarte ähnlich „Super Mario World“ und Rückkehr der klassischen Bösewichte), diese werden aber trotz allem am Ende enttäuscht sein. Für Mario-Veterane sind die Kämpfe einfach nicht hart genug.

“New Super Mario Bros. U” fängt bis zur siebten Welt nicht damit an, den Spieler herauszufordern. Dann ist es jedoch schon fast zu spät. Am Ende scheinen die Entwickler aus ihrem Schlummer aufgewacht zu sein und es gibt nochmals etwas Aufregung und innovative Tricks. Trotzdem ist das Schwierigkeitsniveau von „New Super Mario Bros. U” niedriger als der von “New Super Mario Bros. Wii“ gesetzte Standard. Das Wii-Game war manchmal knallhart. Jeder einigermaßen kompetente Spieler darf erwarten, “Mario Bros. U” innerhalb eines Wochenendes abzuschließen.

Man kann ein Mario-Game aber so und so beenden. Genau wie bei den üblichen „New Super Mario Bros.“-Spielen ist jedes Level mit drei Sternenmünzen geschmückt. Wenn man alle sammelt, kann man zusätzlichen Spaß freischalten.

Power-Up

Glücklicherweise hat “Mario Bros. U” die Hinweise der “New Super Mario Bros. 2”-3DS-Version angenommen und die Sternenmünzen gut versteckt. Für viele muss man den Flughörnchenanzug zu Hilfe nehmen, der die beste neue Power-Up-Methode in 2D seit dem Umhang aus „Mario World“ ist. Der Anzug ist natürlich nicht annähernd so gut wie der Umhang, aber besser als die doofe Propellermütze aus “New Super Mario Bros. Wii”. Nachdem man einmal hochgeflogen ist, kann man mit dem Anzug in einer herabsinkenden Flugbahn über den Bildschirm gleiten. Pro Sinkflug hat man einen zusätzlichen Sprung zur Verfügung.

In fähigen Händen können tolle Kunststücke vollführt werden. Man kann sich auf eine Sternenmünze stürzen, die sich über gefährlich glühender Lava befindet und in letzter Sekunde einen Sprung ausführen, um der Feuermasse zu entgehen. Es wird noch besser: Wenn Flughörnchen-Mario an eine vertikale Wand gelangt, kann er sich daran wie eine Fledermaus festkrallen, anstatt nur davon abzufedern. Somit kann man sich Zeit kaufen, wenn man darauf warten muss, dass sich eine Plattform in die perfekte Position bewegt.

Die übrigen Power-Ups kennen wir schon: Feuerblumen, Eisblumen, Minipilze und manche Level sind auch mit Yoshis dekoriert. Genau wie in „New Super Mario Bros. Wii“ sind die erwachsenen Yoshis nur in den Levels verfügbar, in denen man sie findet. Aber manchmal wird man auch ein Baby-Yoshi finden. Diese gefräßigen Dinos kann man so lange behalten wie man möchte.

Baby-Yoshis gibt es in drei verschiedenen “Geschmacksrichtungen”. Jeder Yoshi hat eine andere spezielle Fähigkeit. Pinkfarbene Yoshis können sich beispielsweise wie ein Heißluftballon aufblasen und Killerblasen rülpsen. Goldene Yoshis können dunkle Gebiete erhellen.

Diese Fähigkeiten sind jedoch nur zweitrangig. Am nützlichsten ist ihre Eigenschaft als mobiles Schild. Yoshis konsumieren so ziemlich alles, was sich bewegt. Mit einem Yoshi kann man also unbesorgt durch die Level sprinten, ohne sich Gedanken um die Bösewichte machen zu müssen. Leider werden die Yoshis, anders als in „Super Mario World“, nie erwachsen.

Zwei in Einem

Für „New Super Mario Bros.“-Fans gibt es jedoch im Hauptspiel so gut wie keine Überraschungen. Es gibt aber einen guten Grund für die anscheinende Bequemlichkeit der Entwickler. In vorherigen Folgen der Serie haben Nintendos Leveldesigner sorgfältig jedes Level so gestaltet, dass sie auf zwei Arten funktionieren: Einerseits als lustiger Spielplatz für neue Gamer und andererseits als gewissenhaft gestaltete Run-and-Jump-Herausforderung, sodass man komplette Level ohne Bodenkontakt beenden kann. Die Pilze und Schildkröten sind perfekt platziert und die Spieler können von Anfang bis Ende durch das Level sprinten, ohne auch nur einmal den Schwung zu verlieren.

Ein “New Super Mario Bros Wii”-Video zeigte Spielern Einblicke in Gameplay auf den höheren Level. Das Video hat einen aber nicht dazu ermutigt, das selbst auszuprobieren. In „Mario Bros. U“ wird dieser Fehler durch einen separaten Herausforderungsmodus behoben. Dieser ist voller kleiner Zeitrennen, die nur ein bis zwei Minuten dauern. Der Blick wird jedoch pausenlos am Bildschirm hängen, bis die Grillen zu zirpen beginnen.

Herausforderungsmodus

Im Herausforderungsmodus gibt es beispielsweise tödliche Schnelligkeitsrennen, bei denen man unter herabfallenden Eiszapfen durchschlittern und über wackelnde Statuen springen muss. Es gibt auch eine 1-Up-Herausforderung, bei welcher man so viele Extraleben wie möglich finden muss. Im Laufe der Herausforderungen werden die Entwickler immer kreativer. Auf den späteren Ebenen gibt es “münzenlose Durchläufe” (man muss das Level beenden und darf dabei nicht mehr als fünf Münzen sammeln) und „waghalsige Durchläufe“ (man darf von Anfang bis Ende nicht den Boden berühren). In einem Level muss man sogar Monty Maulwurf über die Ziellinie ködern.

Befreit von der Bürde, diese Herausforderungen in ein Basislevel zu integrieren, das trotzdem für Großvater leicht sein soll, konnte Nintendo eine Folge harter, äußerst anspruchsvoller Challenges kreieren, die professionelle Mario-Gamer durch die unausweichliche Dürre an Gamingneuerscheinungen des nächsten Jahres bringen sollten. Hoffentlich wird man seine Punktestände via Wiiverse vergleichen können. Das wurde von Nintendo allerdings noch nicht bestätigt.

Mehrspielermodi

Das Gesamtpaket wird durch verschiedene Multiplayermodi abgerundet. Der beste ist der Boost-Modus. Die Spieler müssen hier die im Hauptspiel erlernten Fähigkeiten in einer Reihe schwieriger Level unter Beweis stellen, bei welchen sich der Bildschirm seitlich wegbewegt. Je mehr Münzen man dabei sammelt, desto schneller bewegt sich der Bildschirm. Der Coin-Battle-Modus macht zwar Spaß, ist aber weniger anspruchsvoll. Das Besondere daran ist lediglich, dass man über den GamePad-Bildschirm die Lage der Münzen abändern kann. Sobald man aber alle möglichen Schimpfwörter in den Himmel geschrieben hat, ist diese Neuigkeit nicht mehr spannend.

Insgesamt ist “New Super Mario Bros. U“ durch die entzückenden Neuerungen und alten Bekannten ein tolles Gesamtpaket. Man sollte sich natürlich nicht die Wii U kaufen, nur damit man das Game ausprobieren kann. „Mario Bros. U“ geht etwas zu sehr auf Nummer sicher, um der Verkaufsschlager des neuen Systems zu werden. Aber wer sich die Wii U sowieso zulegen möchte, sollte sich ein Exemplar von „New Super Mario Bros. U” gönnen. Die gefährlichen Flughörnchenflüge, das lustige Chaos der vielen Charaktere auf einem Haufen oder der irrsinnige Sprint auf Zeit sind eine wunderbare Erinnerung an die Zeiten der Nintendo-Magie.

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Quelle: cvg