Tests7. Dezember 2012 , 03:12 Uhr
“Paper Mario: Sticker Star” im Test
Wenn man an amüsante Entwickler denkt, kommt einem Nintendo eigentlich nicht sofort in den Sinn. Aber unter der stoischen Oberfläche lauert ein Sinn für Humor.
Manchmal muss man tief graben, um diesen zu finden. Man entdeckt ihn zwischen den Zeilen der spitzbübischen “Zelda”-Dialoge oder in den panischen Gesichtern der „Wii Sports“-Miis, wenn sie vor fehlgeleiteten Bowlingkugeln davonlaufen.
Manchmal kommt der durchtriebene Sinn für Humor auch ganz von selbst an die Oberfläche. „Paper Mario“, Nintendos bizarre, aber brillante RPG-Serie gehört zu dieser Gattung.
Tragbarer Humor
“Paper Mario: Sticker Star” ist das erste Game der Serie für die tragbare Konsole 3DS. Es weist aber dieselbe ironische Note auf, die das Game auf Nintendo 64, GameCube und Wii zu einem solchen Erfolg gemacht hat. Veterane werden wissen was sie von „Paper Mario“ erwarten können, nämlich das Unerwartete.
Die Serie spielt in einem alternativen Pilzkönigreich, wo sogar die niedrigsten Gegner sprechen können. Man erhält zwölf Stunden surrealistischen Mario-Humor mit Pilzen, die darüber quatschen, Eis essen zu gehen oder Raupen, die in der dritten Person sprechen.
Der Humor der “Paper Mario”-Serie ist warmherzig und albern. Die Heiterkeit entsteht hauptsächlich aus gut gemeinten Spötteleien über die RPG-Gattung und das Mario-Universum. Ein Beispiel hierfür sind die hilfreichen Wegweiser, die über alle Level verteilt sind. Zu Beginn der Handlung wird erklärt, dass diese ein Nebenprodukt der Zwangsstörung der Toads sind. Sobald etwas Traumatisches geschieht, schnappen sie sich sofort einen Stift und ein Schild, um ihre Gedanken niederzuschreiben.
Farbenfrohe Spielwelt
Die Grafiken von “Paper Mario: Sticker Star” sind ziemlich beeindruckend. Das räumlich erscheinende Display der 3DS erweckt die “Sticker Star”-Welt zum Leben. Die Tiefe des Bildschirms wird voll ausgenutzt.
Durch die liebevolle Präsentation und den frechen Sinn für Humor wird in “Sticker Star” eine Spielwelt kreiert, in der man sich gerne aufhält und viel erforschen kann. Leider muss der Spieler aber auch wohlwollend über einige Dinge in “Paper Mario: Sticker Star” hinwegsehen. Durch die Anpassung des Games auf das Format einer tragbaren Konsole entstehen einige Probleme.
Kampf der Sticker
Der größte Unterschied liegt in der Art und Weise, wie die Gefechte funktionieren. Nach dem Plattform-Fauxpas von „Super Paper Mario“ kehrt “Sticker Star” zu den rundenbasierten Kämpfen nach dem Vorbild japanischer RPGs zurück, die es auch in den früheren Spielen gab.
Dieses Mal ist Mario aber nicht mit einer Auswahl eigener Bewegungen ausgestattet und kann diese auch nicht erlernen. Stattdessen hat er Einwegsticker zur Verfügung, die nach der Benutzung wieder verschwinden.
Die Sticker kann man sich auf mehrere Wege beschaffen. Man kann sie in Läden kaufen, aus Blöcken befreien oder von besiegten Gegnern stibitzen. Am häufigsten findet man sie aber auf verschiedenen Oberflächen im Hintergrund. Durch ein schnelles Drücken der A-Taste entfernt man sie und klebt sie dann zur sicheren Verwahrung in sein Stickeralbum.
Sammelalbum
Die Ansammlung der Sticker ist keineswegs zermürbend und man bekommt das Album ziemlich schnell und einfach voll. Die Entwickler haben gute Arbeit geleistet, indem sie verschiedene Stickerangriffe kreiert haben, sodass es nicht langweilig wird. Ab und zu tauchen machtvollere, „glänzende” Varianten auf. Durch diese kostbaren Objekte wird die spannende Atmosphäre eines echten Stickersammelns geschaffen.
Die Stickerangriffe ähneln denen der vorherigen “Paper Mario”-Titel. Durch Tastendrücken im Rhythmus mit der Animation auf dem Bildschirm erhöht man die Reichweite und/oder Stärke der entsprechenden Attacke. Da die Angriffe eine erschöpfbare Ressource sind, ist es von größter Bedeutung, das richtige Timing hinzubekommen.
Verwaltungsarbeiten
In diesem System wird Erfolg durch umsichtige Ressourcenverwaltung hervorgerufen. Kann man zum Beispiel eine Reihe Pilze besiegen, ohne einen seltenen oder glänzenden Sticker zu verwenden? Ein einziger Koopa-Panzer würde ausreichen, um die komplette Pilzaufstellung in einem Zug umzunieten, aber diese sind relativ rar gesät. Kann man sie trotzdem entbehren, wenn man dadurch vier oder fünf gewöhnliche Sticker spart? Solche Entscheidungen sind für „Sticker Star“ von großer Bedeutung.
Der Aspekt der Ressourcenverwaltung fügt “Paper Mario: Sticker Star” ein Strategieelement hinzu, das man über die traditionellen RPG-Komponenten hinaus berücksichtigen muss. Innerhalb der Grenzen der Gefechte ist dieser Zusatz logisch, amüsant und gut integriert. Leider macht das Strategieelement im Gesamtzusammenhang des Games aber weniger Sinn, da es im Endeffekt den Spaßfaktor etwas einschränkt.
Keine Kampflust
Man kann seinen Charakter nicht auf ein höheres Niveau bringen, deshalb gibt es nur wenig Anreiz, sich auf Kämpfe einzulassen. Von besiegten Feinden erhält man zwar Sticker und durch gewonnene Kämpfe In-Game-Währung (die man für noch mehr Sticker verwenden kann), aber der Aufwand ist meistens höher als die Belohnung.
Sobald uns dies bewusst geworden ist, sind wir so schnell wie möglich durch die Level gesprintet und haben Kämpfe aktiv vermieden, um sicherzustellen, dass wir für die Endgegner gut ausgerüstet sind. Denn diese Kämpfe finden auf einem wahnsinnig hohen Schwierigkeitsniveau statt.
Level in Stickergröße
Die Struktur der Level wurde abgespeckt, um sie dem Format der 3DS anzupassen, was sich zum Nachteil von “Paper Mario: Sticker Star” auswirkt. Es gibt keine massive Spielwelt. Die Level wurden in mundgerechte Häppchen geteilt. Man wird über eine Weltkarte dirigiert, die man eher mit Marios 2D-Plattformabenteuern in Verbindung bringen würde.
In den meisten Levels gibt es eine Art unüberwindbares Hindernis. Um dieses zu überwältigen, muss Mario ein bestimmtes Objekt finden (oftmals aus einem anderen Level) und das Problem damit lösen. Ein Beispiel ist eine schlafende Raupe, die sich nur bewegt, wenn man ihr mit einer Trompete die Ohren wegbläst. Diese findet man in einem der früheren Level.
Dadurch erinnert die Struktur von “Sticker Star” an die klassischen Point-and-Klick-Abenteuer, inklusive aller Nachteile. Oftmals muss man ziellos zu bereits besuchten Orten zurückkehren, um nach dem benötigten Sticker zu suchen. Dieses Problem wird durch ein paar sehr schlechte Wegweiser noch verschlimmert, die für Nintendo eigentlich sehr untypisch sind.
Fazit: ein spaßiger Zeitvertreib
Ein mangelhaftes Kampfsystem und eine ungenaue Struktur beim Fortschritt klingen nicht nach dem perfekten Rezept für ein gutes RPG auf einem tragbaren Gerät, oder? Das ist es auch nicht. Im Vergleich zu “Super Mario 3D Land”, welches nahezu perfekt war, hat Nintendo an der “Paper Mario”-Vorlage zu wild herumgedoktert und ein plumpes, zu einfaches RPG hinterlassen, welches keinesfalls an die ersten zwei „Paper Mario“-Spiele herankommt.
Das klingt jetzt schlimmer als es ist. Die Vielfältigkeit, die farbenfrohen Charaktere und die Freude daran, einen brandneuen Sticker zum ersten Mal an einem ahnungslosen Opfer auszuprobieren, sind allesamt Eigenschaften von „Paper Mario: Sticker Star“, durch welche sich Spieler fröhlich durch die bunte Mario-Welt vorarbeiten und es auch genießen können.
Das Tempo des Spiels ist in Ordnung, man findet immer etwas Schrulliges oder Faszinierendes hinter der nächsten Ecke und es wird nie langweilig. Wir haben unsere Zeit mit „Paper Mario: Sticker Star“ genossen. Es handelt sich jedoch nicht um ein überragendes Game und besonders im Vergleich mit seinen Vorgängern zieht es eindeutig den Kürzeren.
Quelle: cvg