Tests19. April 2012 , 02:04 Uhr

Rage

Vor ein paar Jahren wurde der “Rage”-Serie mit neuester Technologie, einem Gameplay mit RPG-Anlehnung und einer aufregenden Kulisse in Form eines post-apokalyptischen Universums neues Leben eingehaucht. Alle Zutaten für ein erstklassiges First-Person-Shooterspiel scheinen vereint worden zu sein. Aber ist das Ergebnis ebenso köstlich?

Id Software hat sich mit der Umsetzung des Spieles Zeit gelassen, deshalb ist das Ergebnis auch nicht ganz so beeindruckend, wie es hätte sein können. Wäre “Rage” vor der Unreal Engine inklusive der Veröffentlichungen von “Borderlands”, “Fallout“ und dergleichen auf den Markt gekommen, wäre das Ergebnis sicher atemberaubend gewesen. Andererseits kann man auch nicht behaupten, dass sich die zusätzliche Zeit nicht ausgezahlt hat. Die Welt von „Rage“ erinnert an eine Cyberpunk-Version von „Mad Max“ und gehört zu den glaubwürdigsten und morbidesten Umgebungen, die es derzeit im Handel gibt. Hinzu kommen Charaktere mit Persönlichkeit und id Tech 5 eröffnet eine fast epische Welt.

Ein weiterer Pluspunkt ist, dass “Rage” mittlerweile eines der wenigen Shooterspiele auf dem Markt ist, das den Fokus auf den Singleplayer-Modus legt. Mittlerweile ist diese Art von Games in der Unterzahl und „Rage“ dadurch das Spiel, zu dem man zuerst greift, wenn man ein einzelgängerisches Vergnügen sucht.

Sonnige Apokalypse

In “Rage” erwacht der Spieler in ferner Zukunft in einer zerstörten Umgebung, die durch einen Asteroiden von der Größe von New York planniert wurde. Der Protagonist ist einer der wenigen, die den Zusammenstoß der Himmelskörper in flüssigem Stickstoff tiefgefroren im Untergrund in sogenannten Arks überlebt hat. Auf der Oberfläche stellen die Überlebenden fest, dass die Erde nach wie vor existiert, sich aber sehr verändert hat.

Der Planet ist nun ein Ort wie aus dem post-apokalyptischen Bilderbuch mit verschiedenen Gangs, die gegeneinander um die Herrschaft ringen, einzelnen Überlebenskämpfern und bewaffneten Punks, Banditen und Mutanten. Diese sind dann auch das Kanonenfutter für den Hauptakteur und werden im Laufe des Spieles technisch voranschreiten und kugelabsorbierende Rüstungen und holografische Schilder tragen.

Rational betrachtet, ist das Ödland nichts, was man nicht schon einmal irgendwo gesehen hat. „Borderlands“ oder auch der andere Bethesda-Topshooter „Fallout 3“ bedienen sich wüstenartiger Kulissen. Aber die sonnenüberfluteten Canyons und der Detailreichtum der Siedlungen macht das Ganze glaubwürdiger als die Szenerie der Konkurrenzspiele.

Wie auch bei anderen Spielen ist id Software in der Lage, die Lücken des Spieles mit lebendigen Hintergrundgeschichten und Charakterköpfen zu füllen. Der Handlungsstrang mag vielleicht gegen Ende etwas flacher werden, aber die Welt von „Rage“ strotzt vor starken Persönlichkeiten, sei es der Protagonist, die Ruinenstädte oder sogar die Mutanten. Besonders die nicht mutierten Figuren wurden mit einer beeindruckenden Mimik und Gestik wunderbar lebensecht animiert.

Überzeugende Durchschlagskraft

Die Gemeinsamkeit die “Rage” mit anderen Cyberpunk-Shootern hat, betrifft hauptsächlich die Missionsstruktur. Wie erwartet, muss man Dinge für neue Freunde in der Wüstenlandschaft erledigen, aber anstatt dabei Fähigkeiten zu verbessern und XP-Punkte zu erhalten, wird man mit Waffen, Geld und einem Klopfen auf die Schulter belohnt. Die Quests selbst beinhalten sehr oft hochqualitative Schießereien, aufregende Boss-Kämpfe sowie die Aufgabe, sich mittels Einsatz seiner Schrotflinte den Weg durch die Banditensiedlung zu bahnen.

Der Spaß wird vergrößert durch die großartige Waffenauswahl mit einem überzeugenden Klang, einer angemessenen Reichweite sowie einer Schlagkraft, die die meisten Feinde niederstreckt. Wie man es von den Machern von „Quake“ erwartet hat, gehört das Waffenarsenal zu einen der größten sowie zum reaktionsstärksten der Spielewelt. Die Pistole in Kombination mit der richtigen Munition, fühlt sich an wie eine Handkanone und die Armbrust überzeugt durch einen kräftigen Rückstoß. Durch die 60fps Bildrate von id Tech 5 wird jedem Granateneinschlag zusätzliche Einschlagskraft verliehen. Ein Fest für die Sinne.

Etwas das ebenfalls Spielen mit ähnlichen Konzepten entnommen wurde, ist das Sammeln von Gegenständen. In jeder Ecke, jedem Mutantenversteck und jedem Bunker findet man Dosen, Verschlüsse, Bierflaschen und Ähnliches. Da der Inventarplatz in „Rage“ unbegrenzt ist, lohnt es sich, alles was man findet, zu sammeln. Denn später im Spiel kann man mit dem ausgereiften Handwerkssystem beispielsweise Werkzeuge und Waffenerweiterungen aus dem Schrott herstellen. Man kann die Gegenstände aber auch in der Stadt für Waffengeld eintauschen.

Staubige Rennen

Mit dem Fahrzeugsystem wird in “Rage” das letzte Mad-Max-Klischee bedient. Möchte man nicht zu Fuß die Wüste durchqueren und von provisorischen Kanistern in zwei Hälften gesprengt werden, lohnt es sich, sich ein Fahrzeug zu besorgen. Die offene Welt im Spiel lässt sich so einfacher erkunden und erobern.

Für alle, die die Idee eines fahrbaren Untersatzes nicht mögen und lieber Kopfschüsse verteilen, gibt es Trost. Man muss nur ein paar Runden in einem Rennen damit drehen, um diesen Teil der Geschichte zu absolvieren. Die andere gute Nachricht ist, man wird Spaß dabei haben, mit provisorischen Autos in einer apokalyptischen Wüstenlandschaft herumzudüsen. Genauso wie bei den Waffen ist die Animation, Reaktionsfähigkeit und das Echtheitsgefühl überwältigend. Man kann fast den Staub im Mund und den Wind im Irokesen-Haarschntt spüren.

Das erste motorisierte Gefährt wird einem zeitig im Spiel zur Verfügung gestellt. Damit erreicht man seine Missionsziele ebenso gut wie seine sicheren Verstecke. Im Laufe des Games kann man Teile wie Karosserie, Reifen oder den Motor aufrüsten, um die Leistungsfähigkeit und Handhabung zu verbessern. Um sich das leisten zu können, muss man jedoch entweder an einigen Rennen teilnehmen oder Banditenautos abschießen. Für jeden Geschmack ist also etwas dabei.

Bitteres Ende

Die Entscheidung, dem Fahren einen so hohen Anteil im Spiel zu geben, bringt mehr Farbe und Variantenreichtum ins Gameplay. Das kommt “Rage” sehr zu gute. Die Anzahl an möglichen Upgrades, Waffen, Nebenquests und auffindbaren Gegenständen ist signifikant. Mutanten und Feinde verlangen einen anderen Denkansatz im Kampf. Auf die üblichen Strategien zahlreicher Shooterspiele kann man sich hier nicht verlassen. Wenn Mutanten mit offener Klinge auf einen zurennen und Kugeln absorbiert werden, ist schnelles Umdenken gefragt. „Rage“ ist ein wirklich lohnenswertes Spiel mit einem ausgezeichneten Singleplayer-Modus. Das Game enthält zwei Multiplayer-Modi „Road Rage“ und „Legends of the Wasteland“ und obwohl sie eine komplette Xbox-360-Disc einnehmen, spielen sie in „Rage“ nur die zweite Geige. Der einzige Wermutstropfen ist das Ende, welches statt mit einem Knall nur mit einem Wimmern endet. Das ist mehr als schade und hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack, der leicht vermeidbar gewesen wäre. Dennoch hat sich das Warten auf „Rage“ gelohnt und wer das Spiel noch nicht hat, der sollte nicht länger zögern.