Tests23. August 2012 , 02:08 Uhr
Sleeping Dogs
In den geschäftigen, neonbeleuchteten Straßen Hongkongs spielt man den chinesisch-amerikanischen Detektiv Wei Shen, der Chinas größtes Verbrecherkartell, die Sun-On-Yee-Triade, infiltriert. Während man die Karriereleiter vom Handlanger zum respektierten Gangster hinaufklettert, arbeitet man nebenbei ebenfalls für die Polizei, um die neuen Kumpels einzubuchten. Das teilt nicht nur das Gameplay in zwei klare Hälften, sondern sorgt auch für eine spannende und dramatische Handlung. Als Wei immer tiefer in die kriminelle Unterwelt der Stadt eintritt, steht seine Loyalität zunehmend auf dem Prüfstand.
Sämtliche Standards einer offenen Spielwelt werden eingehalten. Die Stadtkarte ist übersäht mit kleinen Icons, welche für die Handlung wichtige Ereignisse, Nebenmissionen und andere Ablenkungen auslösen. Eine Minikarte führt den Spieler mit einer leuchtenden GPS-Linie von einem Ort zum anderen. Man kann Autos klauen, Leute überfahren und Taxis rufen. An Imbissbuden kann man die Gesundheit wieder aufladen, man kann Kleidung kaufen und wenn man ein Verbrechen begeht, kommt die Polizei.
Januskopf
Es fehlt dem Spiel keinesfalls an Ideen und es werden einige interessante, neue Mechanismen eingeführt, die es von anderen „Sandkasten“-Games unterscheiden. Der interessanteste darunter ist das Erfahrungspunktesystem.
Man besitzt zwei Profile: eins als Polizist (blau) und eins als Krimineller (rot). Fußgänger zu überfahren und sich wie ein „GTA“-Charakter zu verhalten, verringert den Rang als Cop und führt zum Verlust blauer Punkte, doch durch das Verhaften von Drogenhändlern und das Befolgen von Befehlen kann man diese zurück erobern. Die Arbeit mit der Triade – Autos in die Luft sprengen, Leute um Schutzgeld erpressen und so weiter – bringt dem Spieler rote Erfahrungspunkte ein.
Je mehr Punkte auf einer bestimmten Seite angesammelten wurden, desto mehr Fähigkeiten lassen sich freischalten. Beförderungen in der Triade stärken unter anderem die Fähigkeiten in Handgemengen und liefern belebende Energydrinks (am Automaten zu kaufen), die den Spieler noch effektiver handeln lassen. Nach einer Beförderung bei der Polizei kann man zum Beispiel lautlos in Autos einbrechen ohne den Alarm auszulösen oder Feinde schnell und ohne den Einsatz von Pistolen und Messern entwaffnen.
Der Zwiespalt zwischen Weis Arbeit für die Polizei und seinen kriminellen Machenschaften macht die Missionen, die die Substanz des Games darstellen, richtig unterhaltsam. Als Mitglied der Triade wird er in Schießereien verwickelt, schlägt Leute zusammen, handelt mit Drogen und nimmt an illegalen Straßenrennen teil. Als Polizist trägt er Tarnungen, verkabelt Verstecke, hackt sich in Überwachungskameras ein und fotografiert aus einem Versteck heraus den Handel mit Drogen. Beide Seiten der Geschichte bieten etwas Besonderes.
Die Prügelszenen sind bemerkenswert. Den Großteil der Zeit in „Sleeping Dogs“ verbringt man entweder mit dem Herumfahren in der Stadt oder damit, seine Fäuste und Füße einer Vielzahl von Gesichtern vorzustellen. Glücklicherweise sind die Kämpfe brillant. Sie sind teils „Yakuza“, teils „Arkham City“. Der „Yakuza“-Teil rührt daher, dass man tatsächlich Leute in die Kulisse schmettern kann. Es hat etwas befriedigendes, das Gesicht eines Gegners in einen Heizofen oder die sich drehenden Lamellen einer Klimaanlage zu drücken oder Typen über eine Bar zu zerren und auf Tische zu schmettern. Man fühlt sich wie der Hauptdarsteller in einem brutalen Kung-Fu-Film.
Der „Batman”-Part ist das Gegenstück dazu. Normale Angriffe werden entweder durch Antippen (leicht) oder per Knopfdruck (fest) gesteuert. Während der Kämpfe leuchten Feinde zuweilen rot auf, was ein Hinweis darauf ist, dagegenzuhalten und den Knopf zu drücken. Dadurch wendet man den Angriff ab.
Die Animationen haben nicht die mühelose Anmut und Flüssigkeit wie die der „Batman”-Spiele und die Gegenwehr wird manchmal unerklärlicherweise nicht registriert, doch insgesamt ist es ein beeindruckendes Kampfsystem, das besser wird, je mehr Aktionen man freischaltet.
Die grausige Fähigkeit, Beine zu brechen, vertreibt die entsetzten Begleiter der Opfer sofort. Ein Angriff im Rennen sorgt dafür, dass der Feind seine Waffe auf der Stelle fallen lässt, sodass der Spieler sie sich schnappen und selbst benutzen kann. Darin liegt eine bemerkenswerte Tiefe. Es gibt Schusswaffen und ein absolut funktionales Deckungssystem, doch beide werden nur selten eingesetzt, was ziemlich erfrischend ist. Es dreht sich alles um Kung-Fu.
Frauenheld
Es geht im Spiel aber nicht nur um Action. Einige der besten Momente in „Sleeping Dogs“ kommen ohne Fausthiebe und Verfolgungsrennen aus. Wei ist ein kleiner Frauenheld und während der gesamten Handlung werden ihm die Mädels ihre Nummern zustecken. Das Telefon ähnelt zufälligerweise ziemlich dem in „GTA IV“. Durch Drücken der Taste oben am Steuerkreuz erscheint es unten rechts auf dem Bildschirm und man kann Kontakte und Nachrichten durchforsten. Wenn man also eine Telefonnummer bekommt, kann man die Glückliche anrufen und zu einer Verabredung gehen.
Unbeschwerte Missionen dieser Art sind eine willkommene Abwechslung von all dem kriminellen Chaos. Eine der Missionen beinhaltet, Fotos von einem Mädchen namens Amanda zu schießen. Sie posiert vor einem wunderschönen Ausblick über die Stadt, was ein bisschen an „Blade Runner“ bei Nacht erinnert.
Auf einer anderen Mission singt man Karaoke mit Tiffany. Das Karaoke-Minigame ist ziemlich simpel. Es ist jedoch amüsant, Wei beim Schmettern von „Girls Just Wanna Have Fun“ und „I Fought the Law“ zu sehen. Wir haben uns schlauerweise dazu entschieden, zwei Mädchen zur selben Zeit zu treffen, was eine Mission auslöste, in der wir kurzerhand den Laufpass bekamen, als das eine von beiden herausfand. Das Game hat einen großartigen Sinn für Humor.
Es gibt aber auch ein paar Probleme in dem Spiel. Die Stadt ist riesig und es gibt nette Unterschiede zwischen den vier Stadtteilen, in der Ferne wirkt alles jedoch ein bisschen verschwommen. Das macht es zuweilen schwierig, bei schneller Fahrt zu sehen, was auf einen zukommt. Dafür sieht die Stadt bei Nacht, wenn die Neon-Schilder aufleuchten, viel besser aus und die Regeneffekte sind überragend. Wir hatten keine Gelegenheit, die PC-Version auszuprobieren, doch hoffentlich ist dort die etwas trübe Grafik klarer.
Das Führen der Fahrzeuge ist einfach aber unruhig. Man bekommt kein Gefühl für die Schwere und es gibt keine erkennbaren Unterschiede zwischen den Autos. Die Physik ist beinahe nichtexistent und das Fahren macht generell nicht so viel Spaß, wie es sollte – insbesondere, wenn man soviel Zeit hinterm Steuer verbringt, wie in diesem Spiel. Das Game leidet insgesamt unter einem Mangel an Feinschliff.
Für ein Team, das nie zuvor ein solches Game produziert hat, ist „Sleeping Dogs“ ein erstaunliches Ergebnis und zudem eine der besten offenen Spielwelten der letzten Jahre. Der makellose „GTA“-Feinschliff fehlt zwar, wird jedoch durch Sinn für Humor, eine fesselnde Handlung und witzig gestaltete Missionen ausgeglichen.