Tests15. März 2013 , 04:03 Uhr

“StarCraft 2: Heart of the Swarm” im Test

Sarah liebt Jim. Jim liebt Sarah. Sarah und Jim hassen Arcturus. Sarah und Jim sind ernsthaft von Zeratul verwirrt. Aber trotz der gemeinsamen Liebe, des gleichen Hasses und derselben Verwirrung, läuft es zwischen Sarah und Jim einfach nicht gut.

Es könnte daran liegen, dass beide zu schüchtern sind. Vielleicht ist der Grund, dass sie einst Feinde waren. Möglicherweise liegt es aber auch daran, dass Sarah die Königin der Klingen ist und hinter einem Alienangriff steckt, der die halbe Galaxie getötet hat.

Wir sollten eher sagen, sie war die Königin der Klingen. In „Heart of the Swarm“ wurde Sarah Kerrigan durch ein Xel’Naga-Gerät, das die terranischen Spieler gewissenhaft während der “Wings of Liberty“-Kampagne gesammelt haben, von der Infizierung befreit. Heutzutage ist sie einfach nur eine mächtige Frau mit übernatürlichen Kräften.

Auf Hochglanz poliert

Zum Beginn des Spiels wird Jim Raynor von einem gemeinsamen Feind angegriffen und mutmaßlich getötet. Der Feind ist der Anführer der mit Abstand mächtigsten Terranerfraktion im Sektor, Arcturus Mengsk. Er war in „StarCraft“ der Anführer der Rebellengruppe Söhne von Korhal und eine zentrale Figur in der Terranerkampagne.

“StarCraft” ist das beste Beispiel für das im englischen Sprachraum typische Sprichwort “Was nicht kaputt ist, muss man auch nicht reparieren”. Das Originalspiel hat das “Warhammer”-Universum ziemlich derb mit dem innovativen RTS-Genre vermischt und ein bisschen geschmacklose Billig-Science-Fiction beigemischt, damit die gegenseitige Abschlachtung von Weltraumsoldaten, Tyraniden und Eldar gerechtfertigt werden konnte.

Der Unterschied zwischen dem damaligen Blizzard-Spiel und dem heutigen ist der Feinschliff. Blizzard poliert jedes Spiel auf, bis es glänzt wie ein frisch gewachster Mercedes. “Heart of the Swarm” wurde fast schon übertrieben feingeschliffen.

Ein paar Journalisten waren überrascht, dass das Spiel überhaupt herausgekommen ist. Sie hatten es schon aufgegeben, weil “StarCraft 2” ursprünglich ein Game war. Es war schwierig, Blizzards Entscheidung zur Aufteilung der Kampagnen zu verdauen. Es machte zunächst den Anschein, dass der Verleger nur noch mehr Kohle scheffeln will.

Wo liegt der Unterschied?

Die Hauptfrage ist: Hat Blizzard irgendetwas Essenzielles hinzugefügt, das den Kauf des “Heart of the Swarm”-Add-ons zum Preis eines vollständigen Spiels rechtfertigt?

Die größten Unterschiede liegen im Mehrspielermodus. „StarCraft II“ ist immerhin eines der größten, süchtig machenden Strategiespiele der Welt.

Für unerfahrene Spieler mag es aussehen, als hätte sich nicht viel geändert. Es gibt ein paar neue Einheiten auf beiden Seiten, einen besseren Trainingsmodus im Multiplayer, KI-Verbündete und ein paar Optimierungen der Benutzeroberfläche sowie soziale Funktionen, die es eigentlich schon im Originalspiel geben sollte. Aus der Sicht von Hardcoregamern wird die Struktur von “StarCraft 2” und die Art des Spielens durch scheinbar unbedeutende Zusätze wie die zusätzlichen Einheiten jedoch komplett verändert.

Die Möglichkeit, jedes Spiel wiederholen zu können, ist für hochqualitatives Training nützlich. Die Aufrüstungen des 2D-Kartenbearbeitungsprogrammes wirken leistungsstark, obwohl dessen technische Grenzen bald erreicht werden könnten. Die Veränderungen scheinen die Terraner flexibler zu machen, bei den Zerg hat sich nicht viel getan und die Protoss sind noch mehr auf den Luftraum fixiert. Blizzard hat die Veränderungen absichtlich so gestaltet, dass Hardcorespieler komplett neue Taktiken entwickeln müssen.

Unsere einzige Anmerkung zurzeit ist, dass die aufpolierten Terranerschiffe zur medizinischen Evakuierung etwas übermächtig scheinen. Das Spiel hat zwar eine ausführliche Betaphase durchlaufen, aber trotzdem könnten auch in der Livephase noch ein paar Parameter angepasst werden. Deshalb wollen wir keine vorzeitige Kritik äußern. Außerdem zeigen Desaster wie der „SimCity“-Launch, dass es schwierig ist, Always-online-Spiele zu testen. Die Umstände verändern sich ständig.

Evolutionstheorien

Über die Kampagne können wir jedoch problemlos sprechen. Dabei tollt man auf bekannte Art und Weise von Welt zu Welt. Wie bei den meisten RTS-Games seit „Command & Conquer“ verbringt man die meiste Zeit der Kampagne mit Übungslektionen zur Benutzung der Einheiten, die einem Stück für Stück näher gebracht werden.

Nach vier oder fünf Planeten hat man alle Einheitstypen zur Verfügung. Diese setzt man in den allzu vertrauten Schlachtfeldern ein, deren Feinschliff sie wunderbar zugänglich macht. Mit einer einzigen Taste kann man die komplette Armee auswählen, was toll für Notfälle ist.

Kerrigan wird bei ihrem Wiederaufbau des Zerg-Schwarms von einem zusammengewürfelten Haufen an Charakteren unterstützt, die mal auftauchen und dann wieder verschwinden (beziehungsweise im Laufe der Handlung auf grausame Weise getötet werden). Sie hat ihre Basis im Mund ihres Leviathans (einer riesigen Zerg-Art) eingerichtet und nimmt Ratschläge von kleinen Gruppen grotesker Zerg an, rüstet sich und ihre Armee auf und sucht sich Missionen aus.

In einem anderen Raum findet man Abathur, einen ziemlich abscheulichen Organismus, der aus vielen verschiedenen Zergarten besteht. Wenn er spricht, erhält man den Eindruck, dass er noch nie von Pronomen gehört hat.

Dort gibt es zwei Möglichkeiten zum Aufrüsten beziehungsweise zur Weiterentwicklung der Truppen. Sobald man eine neue Einheitenart erhält, kann man sich zunächst für drei vorläufige Weiterentwicklungen entscheiden. Diese können vor jeder Mission ausgetauscht werden. Sie haben einen großen Einfluss darauf, wie sich ein Zerg verhält. Weiterhin gibt es eine einzige Evolutionsmission für jede Einheitsart, die immer auf zwei neuen Planeten irgendwo im Sektor stattfindet. (Die neuen Einheiten im Singleplayermodus unterscheiden sich grundlegend von denen des Mehrspielermodus.)

Hier ein Beispiel: Die Zerglinge in der Grundversion können mit erhöhter Schnelligkeit, erhöhter Panzerung oder erhöhter Angriffsgeschwindigkeit aufgerüstet werden. In der Evolutionsmission kann man dann zwei neue Varianten ausprobieren und eine davon als dauerhaftes Upgrade auswählen. Die Zerglinge können sich für den Raptor (der auf Vorsprünge emporschießen und sich auf Feinde stürzen kann) oder den Schwarmwirt (der sofort in 50 Prozent höherer Anzahl spawnt) entscheiden.

Somit wird man geschickt für mehrere Spieldurchläufe belohnt. Da die meisten Leute das aber nicht machen, ist es etwas ärgerlich, wenn man sich zum Beispiel bei der Mutaliskmutation zwischen Brutlord und Viper entscheiden muss.

Auch Kerrigan wird nach der Beendigung von Missionen und Nebenmissionen aufgerüstet. Sie kann mehr Schaden anrichten und besitzt eine bessere Gesundheit. Genau wie die anderen Einheiten kann sie vor jedem Level zwei (später drei) Kräfte auswählen. Während sie in höhere Level steigt, schaltet sie aber mehr Auswahlmöglichkeiten frei. Somit ist sie sehr flexibel, kann ihre Truppen unterstützen oder sich auf die Beschädigung von Feinden konzentrieren. Durch ihre vielfältigen Einsatzmöglichkeiten gibt sie jeder Mission eine „Dawn of War II“-Note.

Schön, aber wenig innovativ

Sobald man seine Upgrades ausgewählt hat, gibt es auf jedem Planeten dreistufige Kämpfe gegen Menschen, Zerg Protoss oder andere Typen. Wie immer hat Blizzard mit den Leveln etwas herumgespielt und ihnen neue Formen verpasst.

Es gibt ein (stumpfsinniges) Raumschifflevel, ein ansehnliches Alienlevel sowie ein paar Level in feindlichen Umgebungen, in denen man über Klüfte springen oder Lava ausweichen muss. Neben ein paar spannenden Endgegnerkämpfen, die an Bosse aus dem “World of Warcraft”-Einzelspielermodus erinnern, ist die KI in der Kampagne ziemlich einfach zu besiegen.

Der Mangel an Vielfalt zeigt, wie schwierig es ist, mit einem 2D-Karteneditor im RTS-Genre innovativ zu sein. Es handelt sich sicherlich nicht um mangelnde Inspiration von Blizzards Seite. Da man während des Spiels immer wieder erstaunliche Kunstelemente sieht, wird diese Vermutung untermauert.

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

Spieler des ersten “StarCraft”-Games wissen, dass die Handlung äußerst persönlich sowie klischeehaft ist. In einer Mission am Ende muss man als Teil der Kerrigan-Raynor-Romanze eine Geisel retten, von der man noch nie zuvor gehört hat. Den Geiselnehmer kennt man auch nicht, aber er hatte irgendwas mit einem “Wings of Liberty”-Offizier am Hut. Was solls.

Sogar wenn man alle “StarCraft”-Games gespielt hat, muss man sich sämtliche Bücher, Comics und Foreneinträge in Erinnerung rufen, um den Verlauf der Seifenoper zu verstehen und all die verflixten Charaktere zu kennen. (Danach sollte man aber die Unstimmigkeiten in der Handlung schnell wieder vergessen.)

Wir sagen nicht, dass es sich um eine schlechte Seifenoper handelt. Man erhält fesselnde, seifenoperähnliche Actionkost, die in hochqualitativen Animationen wie aus einem animierten “Final Fantasy“-Film dargestellt wird. Die Synchronsprecher sind im Originalspiel toll, die Welt ist wunderschön gestaltet und die Handlung spannend.

Kerrigans Untermauerung ihrer Argumente durch wiederholte Schläge, gefolgt von einem Wurf ihrer Feinde auf den unnötig lang gestreckten Flurboden mögen zwar literarisch nicht wertvoll sein, sind aber klassische Actionelemente. Hinsichtlich der durchweg hohen Qualität sind auch Einflüsse von „Mass Effect“ zu erkennen, aber ohne die originellen Dialoge und intelligenten Scherze.

Fazit

Es fiel uns zunächst schwer, “Heart of the Swarm” zu bewerten. Im Endeffekt ist die Kampagne eine unterhaltsame Balgerei mit großartigem Feinschliff. Da wir aber den Mehrspielermodus noch nicht ausführlich getestet haben, können wir das Spiel mit „XCOM“ oder „Total War: Shogun 2 – Fall of the Samurai” vergleichen und dazu schneidet es schlechter ab. Es kann jedoch mit „FTL: Faster than Light“ mithalten.

Sollte man sich “StarCraft 2: Heart of the Swarm” kaufen? Nun, es macht Spaß, ist einfach und man kann sich etwa zehn bis zwölf Stunden damit unterhalten. Wer „StarCraft“ noch nie gespielt hat, sollte stattdessen die „Wings of Liberty“-Demoversion ausprobieren. Allen „StarCraft“-Liebhabern können wir den Kauf des „Heart of the Swarm“-Add-ons aber definitiv empfehlen.

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Quelle: cvg