Tests3. Juli 2012 , 03:07 Uhr
The Amazing Spider-Man
Wenn ein Superhelden-Videogame entwickelt wird, besteht die wichtigste Aufgabe darin, die Superkraft des Helden richtig einzufangen. Ist Beenox das gelungen?
“Green Lantern” kann mithilfe seines Ringes, alles sich Vorstellbare konstruieren. Verständlicherweise ist dies schwer umzusetzen, wodurch es bisher keine guten „Green Lantern“-Spiele gibt. Superman ist ein unbesiegbarer Superheld mit einer perfekten Moralvorstellung. Auch etwas, das man schwer in einem Spiel umsetzen kann. Batman muss bei Tag verletzlich und bei Nacht verlässlich wirken. Etwas das Rocksteady mit „Arkham’s Asylum” und “City” gut gelungen ist. Sobald man also die Superfähigkeit des Protagonisten richtig in Szene setzen kann, hat man schon gewonnen.
Mit “The Amazing Spider-Man” haben sich Beenox zwei Jahre Zeit gelassen, um das Konzept zu verwirklichen. Das ist zweimal so viel Zeit, wie sie für ihre vorherigen Spiele “Web of Shadows” und „Shattered Dimensions“ investiert haben. Der Aufwand hat sich gelohnt. Denn das erste was jeder Gamer in einem “Spider-Man”-Spiel macht, ist, auf New Yorks höchstes Gebäude zu klettern, die Aussicht zu genießen und sich dann in die Tiefe zu stürzen.
Beenox hat das wunderbar hinbekommen. Das Schwingen durch die Lüfte an Spinnennetzfäden wird von Grund auf aufgebaut. Eine nahe Third-Person-Kamera wird so geschickt eingesetzt, dass der Hintergrund verschwimmt und verwackelt, wenn sich Spider-Man waghalsig durch die Lüfte schwingt. Fast fühlt man den Wind durch die Haare streifen. Dieses fast filmische Erlebnis lässt das Game „Spider-Man 2“ im wahrsten Sinne des Wortes alt aussehen.
Wie beim Vorgänger von Treyarch aus dem Jahre 2004 kleben die Spinnweben an Gebäuden anstelle an irgendwelchen Punkten im Raum. Man hält den rechten Auslöser um automatisch zu schwingen und kann mit einiger Übung durch rhythmisches Loslassen und Drücken der Taste in verschiedenen Höhen, Geschwindigkeiten und Winkeln durch die Lüfte jagen.
Die Umsetzung kann man fast graziös nennen, folgt aber dennoch physikalischen Gesetzen. Denn wenn man nichts zum Festhalten findet, kann man sich auch nicht in die Tiefe stürzen. Das ist der Punkt, an dem „Web Rushing“ zum Einsatz kommt. Die neue Technik revolutioniert die Bewegungen des Wandkletterers. Wenn man RB/R1 gedrückt hält, wird die Zeit kurz angehalten. Dann kann man sich einen Punkt in der Umgebung suchen und loslassen. Sobald die Zeit weiterläuft, wird man auf aufsehenerregende Weise dahin geführt. Man hüft über Autos, schwingt um Strommasten oder hangelt sich von Ast zu Ast. Je nachdem, ob man sich entscheidet, ein Objekt in der Nähe oder einen entfernten Punkt am Ende der Straße zu erreichen, wird man durch automatische Bewegungsabläufe fast in Kinoqualität zum Ziel gebracht.
Viele Gamer könnten das jetzt als Kontrollverlust für den Spieler ansehen, aber es ist fast unmöglich in Echtzeit ein Superheld zu sein. „Web Rushing“ sorgt für die nötige Geschwindigkeit und übermenschliche Gelenkigkeit.
Der Kern des Spieles ist jedoch gleich geblieben. Zwar wurden auch hier einige Verbesserungen eingeführt, aber die Missionen bedienen sich noch immer demselben Muster wie zum Beispiel: Halte den Fluchtwagen mit einem straßengroßen Spinnennetz auf oder rette das Mädchen vor dem Typen in der Lederjacke. Wenigstens muss man keine Pizza ausliefern.
Soziale Medien haben mittlerweile auch in Spielen Einzug gehalten und in “The Amazing Spider-Man” erhält man beispielsweise während der Bildschirm noch lädt, Foreneinträge angezeigt, die nützliche Hinweise liefern können. Auch das Smartphone kann zum Auswählen von Verkehrspunkten eingesetzt werden. Das ganze Spieluniversum erhält dadurch eine glaubwürdigere Note.
In der Luft ist “The Amazing Spider-Man” großartig, aber sobald man auf dem Boden landet, wird man mit einer endlosen Anreihung von gleich aussehenden Straßen, fahrerlosen Autos und Fußgängern, mit übertriebenen Reaktionen, konfrontiert. Das trifft jedoch nur auf die öffentliche Umgebung zu. Sobald man sich im Inneren von Gebäuden befindet, wird man durch Irrenanstalten, Forschungsanlagen und geheime Labore gelotst. Leider geht diese Liebesmüh hier verloren, denn „Spider-Man“ ist kein Indoor-Man. Sein Spielplatz sind die Straßen von New York.
Während bei “Batman Arkham City” die Waffen die ultimative Abschreckung waren und sorgfältiges Planen verlangten, sind sie in „The Amazing Spider-Man“ nur nervig. Das Kampfsystem hinkt dem in „Batman“ definitiv hinterher.
Im Großen und Ganzen ist “The Amazing Spider-Man” ein gutes Spiel, solange man sich außerhalb von Gebäuden und in der Luft aufhält. Denn dort sorgt das neue Feature „Web Rushing“ für ein absolutes Superheldengefühl. Beenox ist es gelungen, die Superheldenfähigkeit von Spider-Man einzufangen. Eine kleine Warnung, wenn man Fan des Spider-Man-Franchise ist und plant, den gleichnamigen Film zu sehen: Schaut euch erst den Film an, denn das Spiel ist voller Spoiler!