Tests10. Oktober 2012 , 11:10 Uhr

XCOM: Enemy Unknown

Als Junge träumte Jake ‘Long Shot’ Harper immer davon, Dinge von so weit entfernt wie möglich zu erschießen. Im Jahr 2025 geht der Traum in Erfüllung. Er wird Scharfschütze bei “XCOM”. Doch nach der erfolgreichen Beendigung von 14 Missionen wurde er auf dem Schlachtfeld getötet, als er amerikanischen Boden von einer Alieninvasion befreien wollte. Er wurde von gigantischen Alieninsekten in zwei Hälften zerteilt, in einen Zombie verwandelt und anschließend von seinem eigenen Team niedergeschossen. Jack Harper hinterlässt eine Frau und eine Tochter. Ruhe in Frieden, Soldat.

Angreifer aus dem All

“XCOM” ist ein Strategiespiel, welches zwischen rundenbasiertem Kampfgeschehen und Basismanagement wechselt. Es stammt vom Entwicklerteam der “Civilization”-Reihe, was ein Anhaltspunkt über den Tiefgang des Spieles sein sollte. Die Hälfte der Zeit wird man damit verbringen, Strategien und übergroße Waffen gegen eine immer mächtiger werdende Alieninvasion aus dem Weltall anzuwenden. Die andere Hälfte wird man in der Basisstation verbringen, um neue Technologien zu erforschen und globale Politik zu betreiben.

Der Planet befindet sich in Aufruhr und es ist der Job des Gamers, alles zusammenzuhalten. In der Missionskontrolle wird man beispielsweise ein 3D-Hologramm der Erde scannen, um nach Alienaktivitäten zu suchen. Wenn man etwas findet, muss man sich entscheiden, ob man eingreift oder nicht. Man kann nur an einem Ort auf einmal sein. Hilft man deshalb einem Land, wird man wahrscheinlich den Hilferuf eines anderen ignorieren und eine Massenpanik auslösen, die die Flucht vom XCOM-Projekt zur Folge hätte. Alienaktivitäten können beispielsweise eine Entführung sein, ein Angriff auf eine Stadt oder ein Ufoabsturz. Missionen haben verschiedene Schwierigkeitsgrade, und man wird für das Beenden mit Währung oder Personal für die Basisstation bezahlt.

Wenn man eine Mission wählt, geht man zu den Baracken und kann seine Truppe entsprechend vorbereiten. Man kann maximal sechs Soldaten auf einmal mit in die Schlacht nehmen, deshalb muss man ein ausgeglichenes Team wählen. Mit Schrotflinten bewaffnete Soldaten können drei Erste-Hilfe-Kästen tragen, deshalb ist es immer gut, einen von diesen dabei zu haben. Die Schwergewichte können jede Deckung mit ihren Raketenwerfern zerstören, Scharfschützen wie Harper sind gut für die Rückendeckung, und Sturmtruppen sind wahre Allroundtalente. Jede Klasse hat einen eigenen Fähigkeitenbaum, und man kann weitere Spezialfähigkeiten freischalten, wenn ihr Rang steigt.

Keine Zeit für Sentimentalitäten

Wenn man einen Tipp für das Rundentaktik-Spiel “XCOM: Enemy Unknown” geben kann, dann diesen: Man sollte sich nicht mit Sentimentalitäten aufhalten. In “XCOM“ hat man die Möglichkeit, seine eigene Truppe mit Namen, Gesicht, Nationalität, Charaktereigenschaften und sogar Haarfarbe auszustatten und zusammenzustellen. Aber wenn man zuviel Energie darauf verwendet, wird man am Ende nur verletzt werden. Harper war das Rückenmark, das die Truppe für Stunden zusammengehalten hat. Wir haben ihn mit maßgefertigter Ausrüstung ausgestattet, sein Aussehen angepasst und das System hat sogar einen Spitznamen für ihn generiert – eine Ehre, die nur den besten Soldaten zuteil wird. Aber als wir zum ersten Mal auf einen Chrysalid trafen, ein Alieninsekt, wurde er sofort zweigeteilt.

Es ist ein geniales Konzept, denn natürlich entwickelt man Gefühle für de Figuren. Dann beginnt man, jede Entscheidung abzuwägen, jeden Zug auf dem Schlachtfeld dreimal zu überdenken und jeden Fehler hundertmal zu verfluchen. Denn ein Fehler reicht aus, um katastrophale Konsequenzen nach sich zu ziehen. Man verliert seinen besten Soldaten und steht plötzlich mit einer Gruppe Flachzangen da, die noch nicht mal ein Scheunentor mit einem größeren Scheunentor treffen würden. Es sind nicht die filmischen Szenen oder die Dialoge, die den Soldaten Persönlichkeit geben, sondern ihre Taten.

Kopf voller Geschichten

Trotz der Überkopfkamera und dem cartoonartigen Stil fühlt sich jeder Schuss in “XCOM” sehr befriedigend an. Das Schussecho donnert kräftig und die Todesanimationen sind übertrieben und theatralisch. Wenn man einen Angriff ausführt, schaltet sich die sogenannte „Kill-Cam“ ein, was eine kurze Pause erwirkt, bevor der Soldat seinen Schuss ausführt. Man wird eine Menge Ziele verfehlen, aber wenn ein Schuss trifft und das Zielobjekt nach hinten stolpert, ist das ein großartiges Gefühl. Wenn man seine Gegner jedoch mit einem Raketenwerfer pulverisiert, wird man keinen Körper vorfinden, den man auf Waffen absuchen oder dem Stationsteam zu Forschungszwecken überlassen kann.

Eines der besten Dinge in “XCOM” sind die kleinen Anekdoten. Missionen sind voller Dramatik und man kehrt mit dem Kopf voller Geschichten zu seiner Station zurück. Das hinterlässt besonders dann Eindruck, wenn man seinen Soldaten Namen von Freunden oder bekannten Persönlichkeiten gibt. So nach dem Motto: “Til Schweiger wurde beinahe von Zombies gefressen, aber Barack Obama hat ihn von seiner Position auf dem Dach einer nahe liegenden Kneipe gerettet.”

Je mehr man forscht und neue Waffentechnologien weiterentwickelt, desto facettenreicher werden die Gegner. Der Kampf wird zunehmend vielfältiger und dadurch auch unterhaltsamer. Man beginnt “XCOM: Enemy Unknown” mit normalen Standardwaffen und schießt im Verlauf mit Lasergewehren oder Geräten, die die Aliens lähmen, sodass man sie lebend für die Forschungsstation gefangen nehmen kann. Die Abfangjets, die Ufos vom Himmel holen, werden immer leistungsstärker je mehr Alientechnologie man in diese integriert.

Gruppenarbeit

Entwickler Firaxis hat eine Version seines Hinweissystems aus “Civilization” in “XCOM” integriert. So gibt es Leute im Spiel, die Hinweise auf den Handlungsverlauf oder Forschungen geben. Manchmal werden Gegenstände mit einem “Priorität”-Hinweis versehen, dadurch wird die Handlung vorangetrieben.

Von besonderer Bedeutung ist der Ausbau des Basislagers. Dazu benötigt man Geld und Ingenieure, um neue Gebäude und Einrichtungen zum Hauptquartier hinzuzufügen. Durch bestimmte Handlungen erhält man darüber hinaus Boni. Wenn man beispielsweise zwei Forschungslabore nebeneinander baut, erhält man einen Forschungsbonus. Zwei nebeneinander liegende Satelliten erhöhen die Abhör- und Scanfunktionen.

Den Planeten zu scannen wird die Zeit vorantreiben. Generell wird alles, was man tut, ein paar Tage in Anspruch nehmen, sei es neue Waffen zu erforschen oder einen Lift im Basislager zu bauen. Wenn die Truppe langsam ausdünnt, kann man neue Soldaten rekrutieren. Diese sind jedoch grün hinter den Ohren und müssen erst ein paar Missionen erledigen, um im Rang aufsteigen zu können und Erfahrungen zu sammeln. In “XCOM” gibt es eine Menge Mikromanagement, das ab und zu in langwierige Arbeit ausarten kann. So wird man Anfragen nach Waffentechnologien von anderen Ländern beantworten müssen, Ufo-Attacken abwehren, Entführungen aufklären, Länder davon überzeugen, das XCOM-Projekt nicht zu verlassen und viele andere Dinge erledigen. Das kann alles übrigens auch auf einmal passieren. Das ist Multitaskingtraining erster Klasse.

Fit für die Konsole

Das Spiel fühlt sich auf dem PC mit Maus und Keyboard wie zuhause an, aber das Team hat großartige Arbeit geleistet, es auch für Konsolen fit zu machen. Die Konsolencontroller sind sehr intuitiv, was bei Strategiespielen eine Seltenheit ist. Wir kennen einen Kollegen, der das Spiel auf dem PC mit einem Xbox-Controller spielt. Die Benutzeroberfläche funktioniert auf dem Computerbildschirm genauso gut wie auf dem Fernsehmonitor. “XCOM: Enemy Unknown” ist eines der harmonischsten Spiele für beide Plattformen seit langer Zeit. Keine Gamergruppe wird sich benachteiligt fühlen.

“XCOM” ist kein Schmuckstück, aber die Tiefgründigkeit des Gameplay und die dynamischen Umgebungen machen das wett. Texturen sind flach und bunt, sodass es zeitweise fast wie ein Brettspiel aussieht. Aus der Vogelperspektive, die man am meisten nutzen wird, sieht man viele Details und die Stadtszenerien sind ausgezeichnet ausgeleuchtet. Nur Dschungel- und Sumpfszenen fühlen sich etwas leblos an.

Firaxis beweist mit “XCOM”, dass Spiele auf Konsolen und PC gleichermaßen gut funktionieren können. Es ist ein intelligent gestaltetes Strategiespiel, welches sehr belohnend und darüber hinaus dem Original treu geblieben ist. Man muss jedoch “XCOM” nicht zuvor gespielt haben. Die cleveren Übungsmissionen führen auch neue Spieler ein, und die Lernkurve ist nicht allzu steil.

Wir werden Jake ‘Long Shot’ Harper niemals vergessen. Jedes Mal wenn wir die Gedenkwand in unserer Basisstation besuchen, schlagen wir die Augen nieder und gedenken unseres Helden. Bei “XCOM: Enemy Unknown” mögen die Gegner vielleicht unbekannt sein, aber dafür sind die Soldaten umso näher. Es ist ein seltsam persönliches Spiel. Das gehört mittlerweile zu einer Rarität in der Branche und macht es so gut.