Tests30. November 2012 , 11:11 Uhr

“ZombiU” im Test

Kann sich noch jemand an das Genre Survival-Horror erinnern? Als man mit nur einem Balken Gesundheit und zwei Kugeln in der Pistole durch dunkle Gänge wanderte?

Diese Anspannung und die beginnende Klaustrophobie sind etwas, das man heute kaum noch verspürt, seitdem „Resident Evil“ zum Actionspiel verkommen ist und „Silent Hill“ nur noch Kleinkinder gruselt. Es war also eine Erleichterung, also wir entdeckten, dass „ZombiU“ nicht nur eines der besten Horrorgames ist, das wir seit Jahren gespielt haben, sondern auch ein richtiges Survival-Horror-Spiel ist. Die regennassen, tristen Straßen von London bieten eine hervorragende Kulisse für hungrige Zombies. Man muss ich durch die Horden an Untoten kämpfen, um Nützliches zum Überleben zusammenzuklauben und den Weg aus der Stadt zu finden.

Waffen ohne Munition

In “ZombiU” gibt es eine Menge Waffen wie Pistolen, Schrotflinten, Gewehre und Armbrüste, aber Munition ist so wertvoll wie Gold. Das Suchen nach Munition wurde von den Entwicklern schon fast sadistisch gestaltet. Man findet zum Beispiel ein SA80-Gewehr und fühlt sich für circa fünf Minuten (solange das Magazin reicht) wie der König der Zombiejäger. Aber nicht nur die Munition ist knapp, auch die Vorräte sind limitiert. So überlegt man manchmal zweimal, ob man die Kugel nun abschießt oder das Erste-Hilfe-Set benutzt. Auch das Wasser, das man eben gerade getrunken hat, hätte einem später, mit dem letzten Rest Gesundheit und sechs Zombies auf den Fersen, wichtige Minuten bescheren können.

Man kann sich also nicht auf die Waffengewalt verlassen, sondern muss sein Köpfchen einschalten, um die Untoten zu besiegen. Ist man mit nur einem Zombie konfrontiert, reicht der Baseballschläger völlig aus. Aber nicht vergessen, immer schön auf den Kopf zielen, bis dieser wie eine reife Melone zerplatzt. Bei einer Gruppe muss man jedoch andere Lösungen finden. Fackeln ziehen automatisch alle Zombies der Umgebung an, was einem ein paar Sekunden gibt, um entweder im Dunkeln wegzuschleichen oder die Granate zu entsichern.

Die Kampfgestaltung ist großartig. Der Schläger fühlt sich gewichtig und schlagkräftig an, wenn man ihn gegen verrottete Köpfe hämmert. Waffen knallen richtig und man bemerkt sogar Unterschiede bei den verschiedenen Waffenarten. Erschießt man einen Zombie mit einer Magnum, zerstäubt das Hirn in einem roten Blutnebel. Eine doppelläufige Schrotflinte ist so effektiv, dass man sogar zwei Zombies, die hintereinander stehen, mit einem Schuss umnieten kann. Da Munition so selten ist, freut man sich über jeden Schuss, den man abgeben kann. Leider gibt es in „ZombiU“ nur eine Nahkampfwaffe. Wir mögen den Baseball- (oder Kricket)schläger, aber ein paar mehr zur Auswahl hätten nicht geschadet.

Die meisten Feinde sind typische dahinschlurfende Zombies, aber einige sind exotischer und benötigen eine andere Taktik, um sie zu töten. Einige Gegner sind Untote geworden, als sie sich in Kampfausrüstung befanden. Deshalb muss man zuerst deren Helm zerstören, bevor man das Hirn rösten kann. Eine andere Zombieart spuckt Gift, das einen für kurze Zeit blendet (ähnlich wie Boomer von „Left 4 Dead“). Manchmal trifft man auch auf einen Gegner, der einen explosiven Behälter auf seinen Rücken geschnallt hat und das ist besonders in beengten Räumen gefährlicher als man denkt. Besonders knifflig wird es, wenn man mit verschiedenen Zombietypen konfrontiert wird. Da heißt es, einen kühlen Kopf bewahren und alle Strategien auf einmal anwenden. Wer jetzt die Hände über den Kopf schlägt, dem sei ein Rat gegeben: Man kann auch wegrennen. Die Zombies verfolgen einen nicht, wenn man die Kartengrenze überschreitet.

Aus die Maus?

Wenn man stirbt, ist das Spiel nicht vorbei. Aber entgegen üblicher Spielpraxis wird man nicht zu einem Checkpoint gespawnt oder startet beim vorherigen Speicherstatus neu, sondern steht in seinem sicheren Unterschlupf einer alten, verlassen U-Bahn-Station wieder auf. Man wacht jedoch als neuer Charakter wieder auf, was den Spaß von „ZombiU“ nochmal erhöht, denn man kann als 34-jähriger Anwalt im Anzug, als 23-jähriger Polizist oder 64-jähriger Tänzer in Rente wieder auferstehen. Die Entscheidung wird im Zufallsprinzip getroffen und es ist sehr amüsant zu sehen, als welche Person man seine Jagd oder besser gesagt Flucht wieder aufnimmt. Es ist nur Schade, dass das Ganze eine rein visuelle Veränderung ist, denn es wäre nochmals spannender gewesen, wenn mit dem neuen Charakter auch neue Statistiken oder Fähigkeiten dazugekommen wären.

Man wacht zwar in einem sicheren Raum wieder auf, aber der Haken ist, dass man zu seinem Sterbeort zurückkehren muss, um seine Ausrüstung vom letzten Überlebenden zurückzuholen. Wurde dieser gebissen, ist dieser nun ein Zombie oder vielleicht ein Blutfleck auf den Straßen Londons. Einen Charakter töten zu müssen, den man für zwei Stunden am Leben gehalten hat, ist ärgerlich, aber notwendig, möchte man seine Ausrüstung zurück. Und wir können versichern, man will sie wieder zurück.

Man kann manchmal das Sterben auch als Strategie wählen. Einmal waren wir von Zombies umzingelt in eine Ecke gedrängt. Wir haben uns entschieden unseren Charakter aufzugeben, eine Granate in dem Wissen gezündet, dass alle Zombies dabei ebenfalls draufgehen würden und dann unsere Sachen einfacher wieder geholt. Manchmal passiert es jedoch, dass man kaum eine Chance hat, seinen Vorrat wiederzuerlangen. Wir mussten uns einmal von einem Rucksack voller Schrotflintenmunition verabschieden, weil er in einer Grube voller Zombies gelandet ist. Alle Skill-Punkte bleiben beim Sterben jedoch erhalten und man kann sogar einen Hardcore-Modus aktivieren, bei dem man nach dem Tod nicht wieder aufsteht.

Viel unterwegs

Ein anderer interessanter Fakt bei “ZombiU” ist, dass das Spiel fast wie eine offene Welt gestaltet ist. Man kann sich zwischen den Missionen frei in der Stadt bewegen, um nach Vorräten zu suchen. Jedoch muss man mit Ladepausen rechnen, wem man die Kartengrenze überschreitet. Zwischen den Missionen haben wir Bereiche erneut aufgesucht, um nach Gegenständen zu suchen und haben diese in unserem Unterschlupf in Sicherheit gebracht. So findet unser nächster Charakter bereits eine Ausrüstung vor, mit der er einfacher nach seiner eigenen suchen kann und bessere Chancen hat. Wie nett von uns, nicht?

Alle Bereiche der Stadt sind miteinander verbunden und man kann überall hinlaufen. Wenn man den Schnellreisetunnel freigeschaltet hat, sollte man den benutzen. Die Welt in „ZombiU“ ist zwar nicht riesig, aber dafür detailreich und realistisch. Es ist keine Karikatur von London, wie man sie manchmal in Spielen vorfindet, sondern fühlt sich wie ein bewohnter Ort an. Es gibt eine gute Mischung an Orten wie die verschlafene Wohngegend nahe Brick Lane oder der Bunker der Queen unter dem Palast. Die Atmosphäre ist großartig und das weiche, natürliche Licht trägt zur Verstärkung bei. Eine Szene findet während eines Sturmes statt und man kann kaum die Hand vor Augen sehen, als man die untoten Royal Guards bekämpft.

Die Animationskunst ist fast komplett ohne Farbe gestaltet, sodass alles extrem trostlos wirkt, was zur Realitätsempfindung beiträgt. Man fürchtet sich vor jeder nebligen Gasse oder scheinbar leeren Tunneln. Wenn es dunkel wird in London, ist es dunkel. Man kann nichts erkennen und man ist von seiner Taschenlampe abhängig. Wie im wahren Leben geht dieser bald der Saft aus, aber man kann sie relativ schnell wieder aufladen.

Es gibt eine Handlung in „ZombiU“, aber diese ist minimal. Das Hauptziel ist, aus der Stadt zu verschwinden. Meist ist man jedoch mit anderen Sachen beschäftigt wie mit einem Generator, dem das Benzin ausgeht oder einem Notsignal von jemand anderem. Man wird auf andere Überlebende treffen, aber nicht jeder ist gewillt, einem zu helfen. Es ist eine bedrückende, gefährliche Welt, in der man sich nie wirklich sicher fühlt. Zombies können einen mit einem Schlag töten und sie werden es versuchen – immer und immer wieder.

Mit dem GamePad

Bisher sind wir noch nicht auf das GamePad eingegangen. Das liegt daran, dass es das Uninteressanteste an „ZombiU“ ist. Ein anderer Überlebender mit dem Namen The Prepper lehrt einem das Überleben und steht über Funk mit einem in Verbindung. Er gibt einem Hinweise für das spielinterne, von ihm sogenannte Prepper Pad, das fast identisch mit dem WiiU GamePad ist. Es hat zu Beginn eine begrenzte Funktionalität, aber kann im Verlauf des Spieles aufgerüstet werden und wird dann zu einem mächtigen Werkzeug.

Wenn man das GamePad in Richtung Fernseher hochhält, hält auch der Charakter das Prepper Pad hoch. Es beleuchtet die Umgebung und man kann dann auf dem Bildschirm nach Gegenständen, ungeöffneten Türen und den Standorten von Feinden suchen. Auf dem GamePad wird auch eine Karte angezeigt, wenn man Videoüberwachungsräume scannt und man kann (nach dem Freischalten) ein Radarsignal aussenden, das von beweglichen Kreaturen (ob harmlos oder gefährlich) als nerviger Ton zurückgeworfen wird und deren Standort preisgibt.

Die Radarfunktion ist wohl die nützlichste, aber auch die nervenaufreibendste, wenn man wenig Munition hat, die Gesundheit angeschlagen ist und man sich in einem dunklen Labyrinth unter dem Tower von London befindet. Mit weiteren Upgrades kann man elektronisch versperrte Türen umgehen und mit UV-Schwarzlicht versteckte Nachrichten finden. Ist man mit der Wii U online, können andere Spieler diese hinterlassen. Dabei kann es sich jedoch immer auch um eine Falle handeln. Also Vorsicht!

Darüber hinaus muss man eine Menge antippen. Wenn man beispielsweise hölzerne Planken von blockierten Türen entfernt, eine Spritze aufzieht oder einen Schnellreisepunkt öffnen möchte, muss man auf das GamePad-Display tippen. Diese Funktion wird seit Jahren auf der DS genutzt, aber es erscheint uns in diesem Kontext eine seltsame Praxis. Jedoch wird das Spiel dadurch nicht pausiert, deshalb kann es passieren, dass man wie wild auf dem GamePad herumtippt, während eine Gruppe Zombies auf einen zuschlurft. Dasselbe gilt, wenn man etwas aus seinem Rucksack nehmen möchte. Es stehen sechs Schnellzugänge zur Verfügung, aber wenn man etwas anderes braucht, muss man kramen und wird dadurch leichte Beute für hungrige Untote.

Im Großen und Ganzen funktioniert das Spiel mit dem GamePad gut, aber „ZombiU“ wird dadurch nicht definiert. Es würde auch ohne gut funktionieren. Der Controller ist zwar nicht schwer, aber relativ groß und nach stundenlangem Gebrauch schmerzen die Arme schon etwas. Man wird sicher ein paar Stunden brauchen, um mit den Funktionen des Wii U GamePad klarzukommen.

Gruselige Spannung

Eines der größten Probleme war das Fehlen einer “Sprung”-Taste. Manchmal waren wir in einer Ecke gefangen und hätten locker auf einen hüfthohen Gegenstand springen können, wäre eine solche Taste vorhanden. Man kann nur auf etwas klettern, wenn es direkt vor einem ist und man A drückt, aber auch das funktioniert nicht bei jedem Objekt. Die Welt in „ZombiU“ wurde mit Liebe gestaltet, aber sie ist viel zu statisch. Objekte sind nicht bewegbar und man kann nichts kaputt machen, um es eventuell als Waffe zu benutzen. Das behindert das Gameplay nicht in großem Ausmaß, aber es schränkt die Möglichkeiten ein.

Die Missionen sind größtenteils fabelhaft. Nur einmal erreicht man einen Punkt, and dem man gezwungen wird, um die Stadt herumzugehen und sieben Gegenstände zu sammeln. Das ist ein offensichtlicher Versuch, das Gameplay in die Länge zu ziehen. Aber wir lieben die Sammler- und Plünderfunktion trotzdem. Manchmal ist man wie in „Batman: Arkham City“ von einem Bereich ausgeschlossen, bis man ein bestimmtes Werkzeug findet, um sich Zugang zu verschaffen.

„ZombiU“ ist voller großartiger Ideen, von denen einige aus anderen Spielen geborgt sind, aber viele sind einzigartig. Es ruft Erinnerungen an die Zeit der Survival-Horror-Spiele hervor, bei denen sich die Spannung langsam aufbaute. Mit dem GamePad erhält das Ganze eine moderne Note. Die Perspektive aus der ersten Person ist manchmal etwas schwerfällig und es gibt große Unterschiede bei den Schwierigkeitsgraden, aber „ZombiU“ gibt dem Horrorgenre einen frischen Anstrich. Ist es gruselig? Ja, zwar nicht in dem Sinne, dass man alle fünf Minuten aus seinem Sessel springt, aber durch die düstere Atmosphäre der Umgebung, die konstanten Bedrohung zu sterben sowie die Angst, seine Ausrüstung zu verlieren, wird eine kaum aushaltbare Spannung aufgebaut.

Quelle: cvg