Nationaltorwart Robert Enke litt an Depressionen - und sprach aus Scham und Angst nicht darüber. So wie viele der rund vier Millionen Menschen, die in Deutschland von der Erkrankung betroffen sind. Ein Online-Forum kann Erkrankte aus ihrer Isolation holen. Von Sylvie-Sophie Schindler

Die Ursachen der Depressionen sind vielfältig und bleiben bei vielen Patienten unbekannt© Colourbox
Jule bittet darum, ihren tatsächlichen Namen nicht zu nennen. "Man geht doch nicht in die Welt hinaus und sagt: 'Hallo, ich habe eine Depression'", sagt die 29-Jährige, die in Wirklichkeit anders heißt. "Man schämt sich", fügt sie nach einer Pause hinzu. Auch Rüdiger, 36 Jahre alt und aus Berlin, will anonym bleiben. Vor zehn Jahren wurde bei ihm Depression diagnostiziert. Er sagt: "Ich weiß nicht, wie mein Arbeitgeber reagieren würde." Da sei die Angst, verurteilt, abgestempelt und möglicherweise für verrückt erklärt zu werden. Tabukrankheit Depression?
"Noch immer wird die Krankheit verborgen und die Betroffenen fühlen sich stigmatisiert. Viele flüchten in die Isolation", sagt Nico Niedermeier. Der Münchner Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Verhaltenstherapie hat deshalb eine Selbsthilfeplattform ins Netz gestellt. Ein möglicher erster Weg raus aus dem Schweigen. Das Online-Forum des Kompetenznetzes Depression nutzen auch Jule und Rüdiger. "Hier kann ich offen reden und muss mich trotzdem nicht zu erkennen geben", sagt Jule. Und Rüdiger meint: "Die Einsamkeit ist der größte Feind des Depressiven. Doch sobald ich ins Forum gehe, fühle ich mich nicht mehr allein." Ansprechpartner finden sie rund um die Uhr, mehr als 9400 User sind registriert. Etwa zehnmal so viele lesen mit. Täglich werden 150 Mitteilungen neu online gestellt. Mittlerweile, seit der Gründung des Forums im Jahr 2000, beträgt die Zahl der Postings 300.000. Umgerechnet sind das 40.000 Schreibmaschinenseiten. Damit ist das Online-Forum des Kompetenznetzes Depression die größte Datenquelle mit Erfahrungsberichten depressiver Patienten im deutschsprachigen Raum.
"Die meisten, die das Forum nutzen, sind neu mit der Krankheit konfrontiert", sagt Niedermeier. "Sie suchen Ansprechpartner, um Aufklärung zum Thema zu bekommen." Häufige Fragen sind unter anderem: Machen Psychopharmaka abhängig? Was ist ein Analytiker? Wie läuft eine Verhaltenstherapie ab? Immer wieder liest man, wie sich die Forumsteilnehmer gegenseitig aufmuntern: "Aufgeben gilt nicht." Auch Freundschaften werden im Forum geschlossen. "Ich habe im Forum meine beste Freundin gefunden", erzählt Jule. "Es ist schön zu wissen, dass da jemand ist, der mich versteht. Wer Depressionen nicht kennt, kann einfach nicht nachvollziehen, wie es mir geht."
Offen über die eigene Depression zu reden, ist kein leichter Schritt. Doch oft kann auch das Nicht-Darüber-Reden zur Belastung werden. Manuela Katzer macht aus ihrer Erkrankung daher kein Geheimnis. "Andere Menschen haben Rückenschmerzen, ich habe Seelenschmerzen", sagt sie. Je schlechter es ihr geht, desto häufiger ist sie im Forum anzutreffen. "Das muntert mich auf." Gerne holt sie sich andere Meinungen ein, wenn es um Medikamente geht oder um Bewältigungsstrategien, die sie mit ihrer Therapeutin entwickelt hat. Das sei von Anfang an so gewesen: "Erst als ich auf das Forum gestoßen bin, wurde mir überhaupt klar, was eigentlich mit mir los ist."