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9. August 2004, 14:21 Uhr

Athen 2004 stern-Serie Kampf der Systeme

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Filmreif: Der Schwimmer Carlo Pedersoli posiert 1952 in Helsinki mit der Kanadierin Irene Strong. Als Bud Spencer bringt der Italiener seinen gewaltigen Armzug später in die Kinos© Keystone

Das Gezerre zwischen Deutschland Ost und Deutschland West war nur ein Ableger des "Wettkampfs der Systeme", der mit Helsinki begann. Bis dahin hatte die Sowjetunion die Spiele des Barons Coubertin als bourgeois und reaktionär abgetan. Nun aber sah der Kreml Olympia als eine großartige Bühne, die Überlegenheit des kommunistischen Menschen über die abgelebten und korrupten Kapitalisten zu beweisen - insbesondere über die Amerikaner, die Erzfeinde im Kalten Krieg. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass der befreite Proletarier grundsätzlich nicht besser rennen oder ringen konnte als der ausgebeutete Kapitalistenknecht. Aber: Wenn er von früh bis spät trainierte, weil sein Job in der Armee oder in der Verwaltung nur symbolischen Charakter hatte, dann war der "Staatsamateur" seinem westlichen Konkurrenten deutlich voraus.

Der Athlet diesseits des Eisernen Vorhangs hingegen konnte seinen Sport nicht zum Lebensmittelpunkt machen. Dafür sorgte mit stählerner Faust Avery Brundage. Der ehemalige Präsident des Olympischen Komitees der USA war zwischen den beiden Weltkriegen als Bewunderer Nazi-Deutschlands aufgefallen. Trotzdem wurde der Bauunternehmer aus Chicago 1952 zum IOC-Präsidenten gewählt. Wegen des harschen Umgangs mit seiner Belegschaft hatte er den Spitznamen "Slavery Avery", Sklaventreiber Avery. Kapitalist Brundage war zwar grundsätzlich ein Kommunistenhasser. Dass die Athleten aus den sozialistischen Staaten nur auf dem Papier Amateure waren, wollte er allerdings nicht wahrhaben. Für ihn übten sie einen sportfremden Beruf aus und standen somit nicht im Widerspruch zu seinem Idealbild.

Wer offen Geld - und sei es auch im bescheidenen Umfang - für etwas bekam, das mit Sport auch nur entfernt zu tun hatte, den traf unerbittlich der Bannstrahl des olympischen Gralshüters. So verlor 1953 Bob Mathias, der US-Goldjunge im Zehnkampf von 1948 und 1952, seinen Amateurstatus: Er hatte für ein paar Dollar einen Artikel über die Probleme des amerikanischen College Football geschrieben! Der weltfremde Purismus des IOC-Präsidenten sollte in den kommenden Jahrzehnten den Amateurgedanken schleichend aushöhlen. Die westlichen Länder versuchten mit zweifelhaften Uni-Stipendien, staatlichen Unterhaltshilfen, Scheinberufen auch hier und natürlich Zahlungen unter dem Tisch den Vorteil der sozialistischen De-facto-Profis einigermaßen auszugleichen. Doch erst einmal stürmten die UdSSR und ihre Verbündeten die Medaillenränge. Schon 1956 überholte die Sowjetunion die Sportmacht USA, ab den sechziger Jahren schob sich auch die DDR mit ihren knapp 18 Millionen Einwohnern gefährlich nahe an die großen Zwei heran.

Von den Spielen von Melbourne, 1956, sind aus deutscher Sicht vor allem zwei Ereignisse zu erwähnen: Zum ersten Mal seit der Teilung Deutschlands trat eine gesamtdeutsche Mannschaft an. Da die Bundesrepublik und die DDR verschiedene Nationalhymnen hatten, wurde für Sieger beider Staaten Beethovens "Freude schöner Götterfunke" gespielt. Der zweite Höhepunkt fand gar nicht in Melbourne statt. Weil die australischen Quarantäne-Bestimmungen extrem streng waren, wurden die Reitwettbewerbe nach Stockholm verlegt. Dort trug die Stute Halla ihren Reiter Hans Günter Winkler zu Gold und ins Reich der Legende. Obwohl Winkler wegen einer Leistenverletzung im Sattel festgebunden werden musste, übersprang Halla alle Hindernisse fehlerfrei - ein Reitwunder.

Melbourne brachte die erste von vier Goldmedaillen des US-Diskuswerfers Al Oerter bei vier Olympischen Spielen - ein einmaliger Rekord. Und den Beginn der langen Schwimmkarriere von Dawn Fraser. Die Australierin war nach Melbourne auch noch bei den nächsten beiden Spielen in Rom und Tokio erfolgreich. Außerhalb des Schwimmbassins sorgte die resolute Weltrekordlerin später ebenfalls für Schlagzeilen. So schockte sie die prüde Schwimmwelt mit der Bemerkung, sie wäre ganz gern einmal völlig nackt und am ganzen Körper rasiert auf Rekordjagd gegangen. Im selben Jahr traf das IOC eine Grundsatzentscheidung über Olympia und Politik. Nur wenige Wochen vor Beginn der Spiele hatte die Sowjetunion den ungarischen Volksaufstand niedergeschlagen. Sollte sie von den Spielen ausgeschlossen werden? Das IOC wies eine pragmatische Richtung: "Jeder zivilisierte Mensch empfindet Abscheu angesichts des Massakers in Ungarn. Falls in dieser unvollkommenen Welt die Teilnahme an Sportveranstaltungen jedes Mal verhindert wird, wenn Politiker die Gesetze der Menschlichkeit verletzen, dann wird es bald nur noch ganz wenige internationale Wettkämpfe geben."

Vier Jahre später verliefen die Spiele in der großartigen antiken Kulisse von Rom friedlich und harmonisch. Das Olympiastadion war die perfekte Bühne für den großen Auftritt des Sprinters Armin Hary. Selbst die eigenen Mannschaftskollegen konnten den arroganten Saarländer nicht leiden. Doch an seinem Talent kam keiner vorbei. Harys Reaktionszeit beim Start waren phänomenale drei Hundertstelsekunden. Die Konkurrenz brauchte dreimal so lang, beschuldigte Hary aber, jedes Mal in den Startschuss hineinzufallen.