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5. August 2004, 14:49 Uhr

Muskelspiele

Ben Johnson lief 1988 in Seoul die 100m in 9,79 Sekunden. 36 Stunden später wurde er wegen Dopings disqualifiziert© DPA

In diesem amerikanischen Monumentalschinken verdiente sich das bundesdeutsche Team einen Oscar für die beste Nebenrolle. Michael Gross, der Schwimmer mit der fast übermenschlichen Arm-Spannweite, rauschte - "Albatros flieg!" - zu zweimal Gold und zweimal Silber. Ulrike Meyfarth gewann mit zwölf Jahren Abstand von ihrem Sieg in München fast genauso überraschend erneut die Goldmedaille im Hochsprung. Diesmal musste sie 2,02 Meter überqueren, zehn Zentimeter mehr als 1972.

Zwei große deutsche Athleten mussten sich zwei größeren Konkurrenten geschlagen geben. 400-Meter-Hürdenläufer Harald Schmid, der jahrelang alles in Grund und Boden gelaufen hatte, mit einer Ausnahme, verlor wieder einmal gegen diese Ausnahme, den Extra-Könner Edwin Moses, der Schmid regelmäßig die Absätze sehen ließ. Und Jürgen Hingsen, der Zehnkämpfer mit dem starken Körper und den schwachen Nerven, unterlag dem Briten Daley Thompson, einem Kind aus den Slums, mit allen Wassern gewaschen. Dessen Psychotricks war der treudeutsche Siegfried einfach nicht gewachsen.

Vier Jahre später, in Seoul, verursachte Hingsen beim 100-Meter-Lauf, der ersten Zehnkampf-Disziplin, drei Fehlstarts und wurde disqualifiziert. Sollte ein erfahrener Athlet wirklich so durchgeknallt sein, dreimal zu früh loszulaufen? Oder spielte er bewusst den Deppen der Nation, um so der Dopingkontrolle zu entgehen?

Panik wäre in diesem Moment sehr verständlich gewesen. Denn die Spiele von Seoul hatten vor Hingsens Fehlstart den größten Dopingskandal der olympischen Geschichte erlebt. Die Muskelmaschine Ben Johnson aus Kanada war in einem atemberaubenden 100-Meter-Finale mit der neuen Weltrekordzeit von 9,79 Sekunden ins Ziel gestampft. 36 Stunden später wurde aus dem Triumph ein Trauerspiel. Am 27. September 1988 gegen drei Uhr morgens klopften kanadische Funktionäre an der Tür des neuen Nationalhelden: "Ben, sie haben dich erwischt." In Johnsons Urin wurde das Anabolikum "Stanozolol" in so großer Menge gefunden, dass selbst wohlmeinende Dopingfahnder an ihr nicht vorbeisehen konnten. Der Kanadier wurde disqualifiziert, sein Weltrekord annulliert. Carl Lewis erhielt nachträglich Gold.

Die weltweite Entrüstung war umso lautstärker, als man mit dem naiven Einwanderer aus Jamaika einen wunderbaren Blitzableiter hatte, der für den Augenblick alle Kritik am großen Anabolika-Schlucken auf sich zog. So konnte die olympische Familie sich weiter ungeniert über die grandiose Sprinterin Florence Griffith-Joyner freuen, die im reifen Athletenalter von 28 eine erstaunliche Wandlung vollzogen hatte. 1984 war sie noch eine ranke Silbermedaillen-Gewinnerin über 200 Meter gewesen und vor allem durch ihre bleistiftlangen, bunten Fingernägel aufgefallen.

1988 hatte sich der Umfang ihrer Oberschenkel verdoppelt und ihre Stimme um eine Oktave gesenkt. Mancher Beobachter meinte sogar, über dem knallroten Mund von "Flo" ein Bärtchen zu entdecken. Die Athletin trommelte jetzt Weltrekordzeiten auf die Bahn, die bis heute keine Läuferin auch nur annähernd wieder erreicht hat. Doping? Keineswegs, sagte Griffith-Joyner entrüstet. Sie habe im Winter lediglich Gewichte gestemmt und täglich gebetet. Nach ihrem Doppelsieg in Seoul über 100 und 200 Meter trat sie nie wieder an. Florence Griffith-Joyner starb 1998 an einem epileptischen Anfall, so der Obduktionsbefund.

 
 
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