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9. August 2004, 14:21 Uhr

Athen 2004 stern-Serie Kampf der Systeme

Die Nerven des Weltrekordhalters mit 10,0 Sekunden waren eisern. Nach einem Fehlstart kam er auch bei der Wiederholung als Erster von den Blöcken und siegte in 10,2. Gelaufen war er mit "Puma"-Schuhen, zur Siegerehrung zog er "Adidas" an. Bezahlen, natürlich unter der Hand, ließ er sich von beiden Ausrüstern. Ein Jahr nach seinem Sieg sperrte der deutsche Leichtathletikverband den schillernden Athleten wegen unkorrekter Spesenabrechnungen. Nach einem Autounfall beendete er 1961 seine Laufbahn. Königin der Herzen in Rom war die Sprinterin Wilma Rudolph. Das strahlende Mädchen aus dem amerikanischen Süden erhielt für seinen mühelosen Laufstil den Beinamen "Schwarze Gazelle". Dabei hatte Wilma, das 20. von 22 Geschwistern, in ihrer Kindheit Polio und für lange Zeit einen Gehapparat aus Metall gehabt. Mit 18 wurde sie Mutter, mit 20 gewann sie Gold über 100 Meter, 200 Meter und mit der Sprintstaffel. Als sie in ihre Heimat zurückkam, wo noch immer strikte Rassentrennung herrschte, flog die Olympiasiegerin 1963 aus einem Lokal nur für Weiße. Von da an engagierte sie sich verstärkt für die schwarze Bürgerrechtsbewegung.

Ähnliche Ovationen wie Wilma Rudolph bekam in Rom nur der Äthiopier Abebe Bikila. Der Soldat aus der Leibwache des Kaisers Haile Selassie siegte als erster Schwarzafrikaner im Marathonlauf. Mit ihm begann die heute fast erdrückende Dominanz der afrikanischen Langstreckenläufer. Abebe rannte die gesamte Strecke barfuß und ohne auch nur einmal zu trinken. 1964 wiederholte er seinen Erfolg. Im Jahr der Spiele von Tokio hatte das IOC fast unbemerkt eine Anti-Doping-Kommission gegründet. Neben Aufputschmitteln oder Rauschgiften wurden auch muskelbildende Hormone auf die Verbotsliste gesetzt - eine eher symbolische Geste, denn noch gab es keinen wirksamen Test für diese Anabolika, die sehr schnell zur Wunderwaffe der Athleten und zur Pest des Hochleistungssports wurden. Noch ungetrübt von Doping-Diskussionen, freuten sich die Deutschen 1964 über eine weitere Medaille für den Deutschland-Achter; in Rom hatte er noch Gold gewonnen, dieses Mal gab es Silber.

Der Ratzeburger Rudertrainer Karl Adam hatte seine Jungs nach einer Schwächephase wieder rechtzeitig in Form gebracht. Die Deutschen sahen den Zehnkämpfer Willi Holdorf beim abschließenden 1500-Meter-Lauf halb bewusstlos einer Goldmedaille entgegentaumeln. Und bedauerten ein wenig, dass Wilfried Dietrich, genannt der "Kran von Schifferstadt", im Schwergewichts-Ringen nach Gold und Silber in Rom sich nun mit Bronze begnügen musste. Sie konnten allerdings nicht wissen, dass sie in Tokio den letzten Auftritt des furchterregenden sowjetischen Schwesterpaares Tamara und Irina Press miterleben würden, von der Konkurrenz nicht nur ihres dezenten Bartwuchses wegen "Press Brothers" genannt. Denn 1966 führten die Leichtathleten überraschend einen Geschlechtstest ein. Tamara, die Diskuswerferin, und Irina, die Hürdenläuferin, sowie manch andere androgyne Athletin verschwanden von der Szene.

Ein Flop wird zum Triumph Sie ist jung und völlig unbekümmert, als sie 1972 in München Gold im Hochsprung gewinnt. Zwölf Jahre später gelingt ihr erneut ein Höhenflug ulrike meyfarth Mit 16 Jahren ist sie die jüngste Siegerin im Hochsprung Lachend sitzt sie auf einer grünen Schaumgummimatte, sie ist sprachlos, kann es noch nicht fassen - und die 80 000 Zuschauer im Münchner Olympiastadion genauso wenig. Ein schlaksiges Mädchen mit schwarzem Haar, langen Beinen und ungläubigem Blick. Einen Augenblick zuvor ist sie über die 1,92 Meter hohe Latte gesprungen und hat den Weltrekord eingestellt. Vor dem Wettkampf hat niemand die 16 Jahre alte Schülerin aus Wesseling nahe Köln auf der Rechnung gehabt. Ihre Bestleistung liegt bei 1,85 Meter. Sie springt mit der neuen Technik, dem Fosbury Flop (rücklings), die Weltspitze mit Straddle (Rollsprung). Unbekümmert lässt sich Ulrike die Weltrekordhöhe auflegen und überquert sie souverän. "Es war, als wenn man einen Film sah, in dem man selber mitspielte", sagt sie über ihren Triumph. Dem hohen Sprung folgt der tiefe Fall: schlechte Noten in der Schule, schwache Leistungen im Sport. "Für einen Teenager war so ein Rummel nicht zu verkraften. Ich war zuvor eine stinknormale Schülerin - und plötzlich war nichts mehr normal", berichtet sie Jahre später über den extremen Druck. Bei den Spielen 1976 in Montreal scheitert sie schon in der Vorrunde. Vier Stunden danach verlässt sie die Stadt, wechselt anschließend Trainer und Verein. Der Leichtathletikverband lässt sie fallen, streicht sie aus der Sportförderung - sie ist 21 und wird schon abgeschrieben. Erst 1982 kommt sie wieder an die Spitze zurück. In Athen wird sie Europameisterin mit 2,02 Meter - Weltrekord. Bei den Spielen 1984 gelingt ihr zwölf Jahre nach München die Sensation: Die mittlerweile 28-Jährige holt erneut Gold. Christian Meyer

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