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5. August 2004, 14:49 Uhr

Muskelspiele

Nichts und niemand störte auch die Euphorie über die Schwimmerin Kristin Otto, mit sechs Goldmedaillen die erfolgreichste Olympionikin von Seoul. Achselzucken bei den Oberen des internationalen Schwimmsports: Weder Otto noch ihre DDR-Mannschaftskolleginnen seien jemals bei einer Dopingkontrolle aufgefallen. Und Kristin Otto behauptet stets, nur Erlaubtes gemacht zu haben. Zwei Jahre später bewiesen Dokumente aus der Konkursmasse des DDR-Sportwunders, dass praktisch alle Spitzenkräfte über Jahre hinweg das Anabolikum "Turinabol" geschluckt hatten. Die regel- mäßige Einnahme steigerte die Leistung laut wissenschaftlicher Begleitliteratur um durchschnittlich sechs Prozent - die ent- scheidenden sechs Prozent, die aus einer Finalteilnahme einen Platz auf dem Treppchen machten und aus der DDR eine Sportgroßmacht. Die Hormonkuren wurden so rechtzeitig vor wichtigen Wettkämpfen beendet, dass die verbotenen Substanzen im Urin nicht mehr nachweisbar waren.

Jenseits von Johnsons Fehltritt war für die Offiziellen die olympische Welt in Seoul trotz der Doping-Disqualifikation einiger weiterer Athleten aus Randsportarten also noch in Ordnung. Und erstmals seit langem boykottierte fast keine Nation aus politischen Gründen die Spiele.

1992 lud IOC-Präsident Samaranch in seine Heimatstadt Barcelona ein. Mit dem Kommunismus war in der Sowjetunion und den übrigen sozialistischen Ländern Osteuropas auch das Konzept des Staatsamateurs zusammengebrochen. Die russische Mannschaft konnte nur teilnehmen, weil die Wodkafirma "Smirnoff" die Reisekosten übernahm. Das geteilte Deutschland war wiedervereint. Das Ende der DDR bedeutete auch das Ende ihres flächendeckenden, "wissenschaftlichen" Staatsdopings, doch nicht das Ende des weltweiten Dopingproblems. Zwar hatten einige Sportarten, etwa die Leichtathletik, inzwischen Kontrollen im Wettkampf und sogar unangemeldete Tests beim Training eingeführt (als Folge sank besonders bei den Frauen das Leistungsniveau dramatisch). Doch die Fahnder waren in vielen Ländern mehr als lasch. Und stets kamen neue Wundermittel wie etwa HGH, das menschliche Wachstumshormon, auf den schwarzen Markt, die von der Drogenanalyse noch nicht geortet werden konnten. So waren und sind bis heute die außergewöhnlichen Leistungen, zu denen moderne Athleten fähig sind, oft mit einem großen Fragezeichen versehen: Wurden sie sauber erzielt?

In Barcelona siegte der Brite Linford Christie über 100 Meter im überreifen Athletenalter von 32 Jahren. In Kollegenkreisen hieß Christie "die Apotheke". Christie stritt die Einnahme verbotener Substanzen immer ab. Und alle drei Medaillengewinner im Kugelstoßen waren in ihrer Karriere schon einmal als Anabolika-Sünder ertappt worden. Am sichtbarsten war das Dopingproblem im Frauenschwimmen. Hier fuhren die Chinesinnen da fort, wo die DDR-Mädchen aufgehört hatten. Die "chinesischen Schränke" waren zu schnell, zu muskulös, zu männlich. Niemand glaubte, dass der plötzliche Medaillenregen für die Athletinnen aus Fernost nur auf altorientalische Hausmittel wie Schildkrötenblut oder getrockneten Hirschpenis zurückzuführen sei. Zwei Jahre später wurden chinesische Weltklasse-Schwimmerinnen reihenweise durch verbesserte Analysemethoden des Dopings überführt. Das Pekinger Schwimmwunder endete so schnell, wie es begonnen hatte.

"Wir sind die einzige schwarze Stadt der Welt, die eine Chance hat, die Spiele zu kriegen." So beschwor der Farbige Andrew Young, ehemaliger amerikanischer UN-Botschafter, die schwarzafrikanischen Staaten, für Atlanta als Ausrichtungsort der Spiele 1996 zu stimmen. Tatsächlich ist die Bevölkerung der Hauptstadt des US-Bundesstaats Georgia zu zwei Dritteln afrikanischen Ursprungs.

Hoher Favorit für dieses Jubiläumsdatum war jedoch Athen. Da hatten 100 Jahre zuvor die ersten Spiele der Neuzeit stattgefunden, und es schien logisch, dass Olympia zum Hundertsten dorthin zurückkehren sollte. Überraschend aber erhielt Atlanta den Zuschlag. Nicht nur wegen der Stimmen aus Afrika. "Coca-Cola, Coca-Cola", riefen wütend die Repräsentanten von Athen, als das Ergebnis verkündet wurde. Atlanta ist Hauptsitz des Getränkemultis, und Coca-Cola ist seit 1928 ein Hauptsponsor Olympias.

Mister Arrogant Er gewinnt wie sein großes Vorbild Jesse Owens viermal Gold bei einer Olympiade, aber dessen Beliebtheit erreicht er nie carl lewis Der US-Star läuft und springt bei vier Spielen zu neun Siegen - doch das Saubermann-Image hält nicht ewig Hochkonzentriert starrt er geradeaus und wartet auf das Signal. Der Knall. 100 Meter und 9,92 Sekunden später dann die unerträgliche Erkenntnis: Er ist nicht als Erster über die Ziellinie gelaufen. Sein Rivale hat ihn gedemütigt, ist über eine Zehntelsekunde schneller. Carl Lewis kann es nicht fassen, er, Carl der Große, hat soeben den 100-Meter-Lauf bei den Spielen von Seoul verloren, gegen Ben Johnson, den naiven, stotternden Kanadier. Zwei Tage später wird Johnson des Dopings überführt und anschließend disqualifiziert. Lewis bekommt doch noch sein Gold. Vier Jahre zuvor hatte Lewis in Los Angeles bereits den Triumph seines großen Vorbilds Jesse Owens von 1936 exakt kopiert: Sieg über 100 und 200 Meter, in der 4 x 100-Meter-Staffel und im Weitsprung. Insgesamt holt Lewis bis 1996 neunmal Gold. Er ist viel erfolgreicher als die Legende Owens - und doch Welten von ihr entfernt. Owens war ein Held, Lewis ist nur ein höchst arroganter Star, beliebt weder bei Zuschauern noch bei Athleten. Und 2003 muss auch Lewis, der sich immer gern als Saubermann präsentierte, zugeben, im Vorfeld der Spiele 1988 dreimal positiv getestet worden zu sein. Die Ergebnisse lagen zwar immer unter den strafbaren Grenzwerten für Stimulanzien, aber trotzdem musste sich Lewis eine kritische Berichterstattung gefallen lassen.

Christian Meyer

 
 
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