
Die Lokomotive: Emil Zátopek gewinnt 1952 in Helsinki den Marathon. Die Zuschauer an der Strecke staunen über den keuchenden und zuckenden Läufer aus der Tschechoslowakei© Lehtikuva Oy/DPA
Es war genau 15.46 Uhr Ortszeit an jenem regnerischen 18. Oktober 1968, als in der Höhenluft von Mexico City der wohl größte Leichtathletikrekord aller Zeiten aufgestellt wurde. Der Rückenwind von zwei Metern pro Sekunde war eben noch zulässig. Bob Beamon, 22, plagten vor seinem ersten Sprung Gewissensbisse. Er hatte die Nacht zuvor mit seiner Freundin geschlafen. Würde ihn das entscheidend schwächen? Anlauf, Absprung - und ein Flug scheinbar ohne Ende. Als die Kampfrichter mit der neuen optischen Weitenmessung den Aufsprung fixieren wollten, mussten sie passen - die Anlage war für diese Dimensionen nicht eingerichtet.
Während die Kampfrichter aufgeregt ein Maßband organisierten, stand Igor Ter-Owanesjan aus der Sowjetunion, der bisherige Weltrekordhalter mit 8,35 Meter, am Rand der Grube und sagte zu einem Mitfavoriten: "Nach diesem Sprung sehen wir alle aus wie Kinder." Dann kam das Ergebnis: 8,90 Meter. Ein Jahr nach Mexiko machte Beamon Schluss mit der Leichtathletik. Eine ähnliche Weite erreichte er bis dahin auch nicht annähernd wieder. Erst 23 Jahre später verbesserte Mike Powell den Rekord um fünf Zentimeter. Powells Bestmarke steht heute noch immer. Die Spiele 1968 im über 2200 Meter hoch liegenden Mexico City brachten auch sonst eine in der Leichtathletik noch nie dagewesene Rekordflut, vor allem in den Schnellkraft-Disziplinen. Die neue, elastischere Tartanbahn und die vermehrte Anzahl von roten Blutkörperchen bei den Athleten nach ausgiebigem Höhentraining spielten dabei eine Rolle. Im Rückblick sind sich die Experten aber ziemlich sicher, dass Doping in breitem Umfang mit den neuen Wunderdrogen, den Anabolika, für die es noch keine Kontrolltests gab, mindestens genauso wichtig war. Wie sonst ließe sich die gleichzeitige Leistungsexplosion bei den Gewichthebern erklären, die Rekorde genauso locker brachen wie die Kollegen von der Tartanbahn?
Trotz Höchstleistungen herrschte in Mexiko kein olympisches Hochgefühl. 1968 war weltweit ein gewalttätiges Jahr. In Europa gab es die Studentenrevolte, die Truppen des Warschauer Pakts hatten in der ¸SSR brutal den "Prager Frühling" beendet, und in den USA war der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King ermordet worden. Kurz vor Beginn der Spiele erschossen mexikanische Polizisten in der Hauptstadt protestierende Studenten - vermutlich 300 -, die Brot und keine Spiele haben wollten.
Zwei Tage vor Beamons Sprung kam es dann in Olympias heiligen Hallen selbst zum Eklat. Tommie Smith und John Carlos, die zwei schwarzen amerikanischen Medaillengewinner im 200-Meter-Lauf, hielten bei der Siegerehrung den Kopf gesenkt und streckten die Faust in einem schwarzen Handschuh hoch, das Zeichen der radikalen Black-Power-Bewegung. Die Mannschaftsleitung schickte sie daraufhin nach Hause: "Wegen unreifen Verhaltens, es lässt unser Land aussehen wie den Teufel." Hinter der Maßregelung stand angeblich "Slavery Avery" Brundage.