
Augenscheinlich: 100-Meter-Titelverteidiger Lindford Christie hat 1996 in Atlanta das Vermarktungsziel seines Sponsors fest im Blick - mit zwei Puma-Kontaktlinsen© AP
War Los Angeles die große Oper der Geschäftstüchtigkeit, so erschien Atlanta zwölf Jahre später als die bonbonfarbene Operette. Dem Big Business gegenüber hatte Olympia in der Ära Samaranch alle Berührungsängste abgelegt. Der allmächtige Präsident erhielt eine jährliche Aufwandsentschädigung von einer halben Million Dollar. Steuerfrei. Seine Vorgänger hatten ehrenamtlich gearbeitet. Olympia konnte sich diese kleine Zuwendung leisten. Allein die TV-Rechte für Atlanta hatten 900 Millionen Dollar gebracht, das Marketingprogramm der vergangenen Jahre über drei Milliarden.
So verbrüderten sich in Atlanta Kitsch und Kommerz. Auf dem Weg zum Stadion grüßten aufblasbare Figuren von "Sportgrößen" wie Elvis Presley oder Marilyn Monroe. Im "Jahrhundert-Park" wachte eine Bronzestatue des Barons de Coubertin über die Einhaltung des olympischen Geistes - direkt vor dem "Budweiser"-Bierzelt und Riesenbildschirmen mit Dauerwerbung. Smarte Jungunternehmer installierten Tanzzelte mit Topless-Mädchen, sehr zum Ärger der Herren vom IOC - floss doch das Geld aus dieser nicht lizenzierten Privatinitiative an den olympischen Konten vorbei.
In den frühen Morgenstunden des 27. Juli erschütterte ein Bombenattentat den Jahrhundertpark. Eine selbst gebastelte Rohrbombe, mit Schwarzpulver und Nägeln gefüllt, tötete einen Menschen und verletzte mehrere schwer. Der mutmaßliche Attentäter war, wie sich zwei Jahre später herausstellte, ein verbohrter weißer Sektierer, der auch Sprengstoffanschläge auf Abtreibungskliniken verübt hatte und irgendwie ein Zeichen gegen den "Internationalismus" setzen wollte. Anders als 1972 in München gab es nach dieser erneuten Attacke auf den olympischen Frieden keine Diskussion, ob die Spiele weitergehen sollten. Nur die Sicherheitsmaßnahmen wurden verschärft.
Sportlich verabschiedete sich der 35-jährige Carl Lewis mit seiner vierten Goldmedaille im Weitsprung von der großen Bühne. Der Kanadier Donovan Baily, einer seiner Nachfolger im Sprint, verbesserte den Weltrekord über 100 Meter auf 9,84 Sekunden und ließ seine Landsleute die Dopingschande Ben Johnsons vergessen.
Millenniumsjahr 2000. Zeitenwende. Irgendwie dämmerte es auch den IOC-Fürsten und ihrem greisen König Samaranch nach 20 Jahren olympischem Turbo-Kommerz, dass die Spiele nicht mit den Plastikflammen von Coca-Cola und den Märchen vom Schildkrötenblut ins nächste Jahrtausend gehen konnten. In Sydney sollten sie den Coubertinschen Geist wieder reiner und unverfälschter atmen.
Ein Labor für das inzwischen berüchtigte Blutdoping mit EPO wurde erstmals eingerichtet. Auch die klassischen Tests auf Muskelpräparate schienen besser zu greifen. Es ist kein Zufall, dass in Sydney nicht ein einziger Weltrekord in der Leichtathletik aufgestellt wurde. Nach der Wildwest-Vermarktung in Atlanta erlaubte man nur noch einer begrenzten Zahl von Edelmarken, im Zeichen der fünf Ringe zu brillieren. Ebbe in der Kasse mussten Samaranch und Co. dennoch nicht befürchten. Allein die europäischen Übertragungsrechte der Spiele von 2000 bis 2008 brachten knapp 1,5 Milliarden Dollar ein.